chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Ich und Kaminski

Einen Schriftsteller, der einen weltweit erfolgreichen und überall gelobten Roman geschrieben hat, mag ich nur teilweise beneiden. Denn zwar lenkt so ein Bestseller das Interesse auch auf die anderen Werke des Autors. Doch diese müssen oft unfaire Erwartungen erfüllen. Zum Beispiel genauso und doch ganz anders zu sein als das Meisterwerk.

Den Namen Kehlmann beispielsweise wird man hierzulande vermutlich auf ewig in einem Atemzug mit Gauß und Humboldt nennen. Nicht nur, weil aus den beiden dank ihm so herrlich schräge Typen wurden. Sondern auch, weil der Konjunktiv im Deutschen selten so schön geklungen hat. Die Versuchung nach Lektüre des Buches, meine eigene Rede ausschließlich indirekt zu gestalten, war sehr groß. Ja, die „Vermessung“ war ein fabelhaftes Stück Kuchen.

Trotzdessen ich keine Absichten hatte, sein gesamtes Schaffen durchzulesen, war ich danach neugierig und so geriet ich an „Ich und Kaminski“, den direkten Vorgänger des Welterfolgs.

Gleich zu Beginn begegnet man dem ehrgeizkranken, arroganten Journalisten Sebastian Zöllner, der sich mit rudimentärem Hintergrundwissen, dafür einem völlig überhöhten Selbstbild seinem Auftrag widmet: der Biographie des Malers Manuel Kaminski.

Dieser lebt zurückgezogen und alternd mit seiner Tochter zusammen, die ihn geradezu gluckisch bewacht und den Absichten Zöllners daher misstrauisch gegenüber steht. Um dem ehemaligen Künstler ein paar Geheimnisse seines Lebens zu entlocken zu können, die letztendlich dessen posthum geplante Biographie interessant machen sollen, begibt sich Zöllner mit ihm allein auf eine irrwitzige Reise. Doch diese verläuft – wie sollte es anders sein – keineswegs so wie geplant.

Was ein skurriles Roadmovie (bzw. eine Roadstory) zu sein verspricht, verläuft – kurz gesagt – leider nicht ganz so beknackt und abgefahren, wie es hätte sein können. Zunächst einmal beginnt die Reise ziemlich spät. Bis dahin hatte der Leser bereits ausführlich Gelegenheit, sich an der Arroganz und Dreistigkeit des Protagonisten zu erfreuen oder eben nicht zu erfreuen. Je nach Geschmackssinn.

Dann kann die irrwitzige Odyssee der beiden ungleichen Antihelden ihr Potential nicht wirklich entfalten. Kaum, dass die Ereignisse so richtig an Fahrt gewinnen, wird die Tour de Farce auch schon gestoppt. Figuren – Freunde, Bekannte und Geschäftspartner des Malers -, die Zöllner während seiner Recherche befragt, bleiben blass und haben keine Möglichkeit, lebendig zu werden. Dabei sind auch hier interessante Ideen versteckt. Es scheint tatsächlich so zu sein, als sei dieses Buch  einfach zu kurz geraten. Kehlmann hätte hierbei gern noch ein bisschen klotzen können.

Es war dann also doch eher wie ein Essen, auf das man nach der Hälfte keinen rechten Appetit mehr hat, es aus moralischen Gründen aber auch nicht wegwerfen will. Was ganz schmackhaft anfing, wurde irgendwann zäh. So blieb ich nach der Geschichte zurück mit einem leichten Gefühl der Genugtuung, einem Hauch von Mitleid und jeder Menge Schulterzucken und griff mir schnell das nächste Buch. Schade aber auch! (jn)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Ich und Kaminski
Autor Daniel Kehlmann
Seiten 174
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Suhrkamp
Jahr 2004
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