chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

2666

Über diesen Roman wurde in den einschlägigen Feuilletons dieser Erde wahrlich schon genug geschrieben. Dennoch kann ich es mir nicht verkneifen, auch meinen Senf hinzuzufügen. Eine Art Erfahrungsbericht.

Ein Monster. Über tausend Seiten voller nicht enden wollender Sätze, fünf Geschichten in einem Buch und Protagonisten mit teilweise seltsam klingenden Namen – für mich noch vor Beginn der Lektüre beinahe eine Aufforderung zur Kapitulation. Kinderkacke, dachte ich und fing trotzdem an.

Kurz gesagt war das Lesen dieses Wahnsinns für mich ungefähr so, wie ich mir Hannibals Weg über die Alpen vorstelle. Kaum ist ein Engpass, eine Steilwand, ein schneeverwehtes Tal überwunden, baut sich sogleich das nächste Hindernis auf. Und doch ist die monumentale Schönheit dessen, was man bewältigen will, unübersehbar. Jeder Satz, auch die langen, klingt wie eine Melodie, jede auftretende Person birgt ein Geheimnis, dem man auf die Spur kommen will, jede Anstrengung, jede Müdigkeit, jede Hitze und jede Kälte in diesem Buch sind spürbar und kaum auszuhalten.

Fünf Teile sind es insgesamt und so heißen sie auch. „Der Teil der Kritiker“, „Der Teil von Fate“ oder „Der Teil von Archimboldi“ lauten die unspektakulären aber zutreffenden Titel der langen Kapitel. Jeder von ihnen erzählt seine eigene Geschichte und erfindet eine eigene Welt. Den Anfang machen vier hochambitionierte Germanisten auf der Suche nach einem verschollenen Schriftsteller. Doch sie sind, wie gesagt, nur der Anfang.

Sei es im zweiten Weltkrieg, in der elitären Gemeinschaft hochdotierter Wissenschaftler oder im staubigen Mexiko am Fundort einer Frauenleiche – jede Szene baut sich leibhaftig und immer wieder neu auf, bewegt sich, wächst und verfliegt nur, um einer neuen Platz zu machen. Letztgenannter Abschnitt – jener mit den Frauenleichen – war für mich der am schwersten zu ertragende. „Der Teil von den Verbrechen“, wie er treffenderweise heißt, schildert über eine Länge von 342 Seiten die grausamen Morde an Frauen, die in Mexiko von einem (oder mehreren) unbekannten Täter(n) begangen worden sind. Teilweise eine Leiche pro Woche bekommt die Polizei serviert, nicht selten wurden die Frauen (meist Angehörige der Mittel- bzw. Arbeiterschicht und fast aller Altersklassen) vergewaltigt und erwürgt, manche erstochen, manche erschossen. Manche Leichen können identifiziert werden, manche nicht. Vereinzelte Morde werden aufgeklärt, das Gros jedoch nicht. Gemeinsam ist allen Leichen nur ihr Geschlecht und die Grausamkeit ihres Todes. Allein die Lektüre dieses Kapitels hat mir das Äußerste abverlangt. Zur Übelkeit während des Lesens gesellten sich Schlaflosigkeit und Albträume bei Nacht.

Ich glaubte kaum mehr daran, dass diese Episode mit den anderen, nur teilweise wesentlich freundlicheren Geschichten in Einklang gebracht werden kann, geschweige denn, dass alle zusammen ein großes Ganzes bilden. Doch – unglaublich, aber wahr – dies gelingt Bolaňo am Ende mühelos. Wie auch immer – hier auf Einzelheiten einzugehen, würde nicht nur den Rahmen dieser Besprechung mühelos sprengen, sondern auch den Spaß am Buch ein wenig verderben. Nach der Lektüre war ich jedenfalls erschöpft, aber glücklich. Und ein bisschen stolz auf mich.

P.S. Noch mehr zum Thema „Kaum zu glauben“: 2666 befand sich noch im Zustand des Fragments, als Bolaňo 2003 verstarb. Zwar war das Werk auch nach eigenem Bekunden so gut wie  abgeschlossen, jedoch hätte der Roman, der, nebenbei gesagt, in fünf separaten Teilen erscheinen sollte, vielleicht noch die eine oder andere Änderung erfahren. Nötig hat sie das zähmbare Monster definitiv nicht. (jn)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel 2666
Autor Roberto Bolaňo
Seiten 1085 + Anmerkungen
Ausstattung Hardcover
Verlag Carl Hanser Verlag
Jahr 2009
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