chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die Kinder aus dem Kinderkeller

Kinderbücher sind nicht jedermanns Sache. Zu einfach gestrickt, zu kurz und überhaupt zu kindisch. Doch manchmal sind sie wegen genau dieser Eigenschaften eine geeignete Süßigkeit zwischen zwei literarisch schweren Brocken. Und dieser Nachtisch hier ist zwar bunt wie eine Flasche Liebesperlen, aber verflucht lecker und wesentlich zahnfreundlicher.

Österreichische Bücher, in österreichischer Mundart geschrieben  – hier will ich auf jene von Christine Nöstlinger hinaus – sind allein schon der vielen neuen Vokabeln wegen eine Gaudi. Wo sonst heißt schimpfen keppeln, Hocker Stockerl und Metzger Fleischhauer. FLEISCHHAUER, also ehrlich. Genial.

Abgesehen davon sind Nöstlingers Bücher phantasievoll, witzig und voller Figuren, die man entweder lieb hat oder aus tiefster Seele hasst.

Da in ihren Geschichten jedoch die Menschlichkeit immer siegt, werden letztgenannte gegen Ende in der Regel einsichtig und gut. Oder es gibt eine vernünftige und nachvollziehbare Erklärung für ihre Bösartigkeit. Beides ist bei Nöstlinger völlig ok.

In Die Kinder aus dem Kinderkeller geht es mal wieder um Kinder, der Titel verrät es ja bereits. Mit Kindern kennt Christine Nöstlinger sich aus, deshalb sind auch diese Kinder nicht hübsch und niedlich wie die von Disney, sondern zu dick oder dünn, werden von ihren Eltern vernachlässigt oder lispeln und stottern. Und die dicke und obendrein einsame (dafür erwachsene) Pia Maria Tiralla wird von ihrem toten Freund Ferri Fontana aufgefordert, sich des noch einsameren und spindeldürren Sohnes des – jetzt kommt’s – FLEISCHHAUERehepaars Swetar anzunehmen.

Dass besagter Freund, der eigentlich vor vielen Jahren ertrunken ist, mit anderen vernachlässigten Kindern aus der Nachbarschaft seltsame Mittwochnachmittage verbringt, ist lediglich der Anfang. Als neues Kindermädchen der Swetars verpflichtet sich Pia Maria nicht nur dazu, dem schmächtigen Anderl ein paar Kilos anzufuttern, sondern ihm auch das Klettern beizubringen. Denn ohne den Parcours durch diverse Hinterhöfe bewältigen zu können, kann er nicht an den geheimnisvollen Mittwochstreffen der anderen Kinder teilnehmen. Und bei Ferris Club mitzumachen, ist sein größter Wunsch…

Die Story hört sich ebenso mager an, wie der Sohn der Fleischhauer, aber das tut der Fülle an fantasievollen Einfällen keinen Abruch. Im Gegenteil: In diesem Buch geht es wortwörtlich drunter und drüber. Dass überhaupt soviel Chaos auf nur 90 Seiten Platz hat, ist an für sich schon ein Wunder. Dass dieses Chaos aber auch noch unterhaltsam bleibt und man (also ich) keinen Moment das Gefühl hat, den Überblick zu verlieren, ist ein etwas größeres. Doch das Beste an dem Buch ist eigentlich ein Riesenhund namens Herr Franz. Mehr möchte ich an dieser Stelle über die Geschichte gar nicht mehr preisgeben. Wer ein paar Albernheiten und noch mehr Skurrilität vertragen kann, sollte sich dieses Kleinod der Kinderliteratur nicht entgehen lassen. Bitte mehr davon! (jn)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die Kinder aus dem Kinderkeller
Autor Christine Nöstlinger
Seiten 90
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Ravensburger
Jahr 1978 (Originalaugabe 1971 Beltz Verlag)
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