chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Rico, Oskar und die Tieferschatten

Ein tief- und ein hochbegabter Junge, ein mysteriöser Kindesentführer und ein ganzer Haufen undurchsichtiger Nachbarn. Aus diesen Zutaten strickt Andreas Steinhöfel einen fetzigen und spannenden Kinderkrimi mit großartigen inneren Monologen und dem besten Hochhaus-Showdown seit „Stirb Langsam“. Lesen!

Rico ist tiefbegabt. Das bedeutet, dass er auf dem Rückweg nicht mehr weiß, wo er auf dem Hinweg abgebogen ist und seine Gedanken manchmal wie Bingokugeln durcheinanderwirbeln. Doch es bedeutet keineswegs, dass er nicht auch tierische Ideen hat und überhaupt ganz gut zurecht kommt in der Berliner Dieffenbachstr. 93, in der außer ihm noch viele andere schräge Gestalten wohnen. Zurechtkommen ist wichtig, denn seine Mutter arbeitet viel und Rico passt dann auf sich selbst auf. Mit dem Aufpassen will er sich Mühe geben, denn es treibt sich ein Kindesentführer in der Stadt um, der seine Opfer nur für viel Geld zu ihren Eltern zurückbringt. Und Ricos Mama hat nicht viel Geld. Als Ricos neuer Freund Oskar allerdings entführt wird, wirft Rico alle Vorsicht über Bord und wird über Nacht zum tollkühnen Schnüffler.

Krimi in Kreuzberg

Rico klappert nach bester detektivischer Manier alle Hinweise ab, befragt mögliche Zeugen und wagt sich bei seiner Ermittlungsarbeit sogar aus dem schützenden Umfeld seiner Heimatstraße. Klar, dass er dabei manchmal in brenzlige Situationen gerät. Seine Tiefbegabung legt ihm zwar oft Steine in den Weg, aber auch wenn Rico ab und zu etwas „aus dem Kopf fällt“, so bleibt doch genug drin, um nachzudenken und zu kombinieren. Und auf seiner Suche nach Oskar und dem Entführer stößt Rico auf Menschen, die vom Schicksal sogar noch gebeutelter erscheinen als er.

Straßenschilder Dieffenbach-/Ecke Graefestraße Berlin

Der zweite Blick macht’s

Damit eins klar ist, das Buch ist nicht immer fröhlich, auch wenn es so scheint. Denn die Menschen, die darin vorkommen, sind echt. Jedenfalls sind sie als reale Personen vorstellbar und das entlockte mir beim Lesen den einen oder anderen Seufzer. Denn was auf den ersten Blick lustig klingt, ist es beim zweiten oft nicht mehr. Auch Rico ist eigentlich ein nachdenklicher Junge, der sich sehr an Dingen stört, die er nicht versteht. Daher ist er unter anderem dazu übergegangen, Wörter, die er nicht kennt, nachzuschlagen und die Definition auf kleine Zettel zu notieren. Auf einem dieser Zettel steht eine der besten Laienerklärungen für Depressionen, die ich je gehört habe.

Fazit

Insgesamt ist das Buch einfach super zu lesen. Der Stil ist toll, die Figuren sind glaubwürdig, gleichzeitig skurril und unterhaltsam und gerade jene Leser, die ab und zu in Berlin unterwegs sind, werden einiges wiedererkennen. Rico selbst ist klasse. Im direkten Vergleich mit seinem hochbegabten, aber etwas überängstlichen Freund fragt man sich schon manches Mal, wer von beiden unterm Strich denn mehr Verstand hat. Aber das spielt letztendlich auch gar keine Rolle. Und wer jetzt noch wissen will, was dieser Fall mit einem Ansteckflugzeug, einer Fundnudel und den geheimnisvollen und ziemlich unheimlichen Tieferschatten zu tun hat, soll bitte selbst das Buch in die Hand nehmen. Ich wiederhole: Lesen. Sofort! (jn)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Rico, Oskar und die Tieferschatten
Autor Andreas Steinhöfel
Seiten 220
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Carlsen
Jahr 2011 (Erstausgabe 2008)

Foto: © Schlesinger/Wikimedia Commons

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