chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

We need to talk about Kevin

Ein unkonventionelles Buch und ein kontoverses Thema. Die Geschichte eines 15-jährigen, der an seiner Schule ein Blutbad anrichtet, lässt mich bis jetzt nicht los. Erzählt wird sie aus der Perspektive seiner Mutter – die nie Kinder haben wollte und einen Sohn wie ihn schon gar nicht. Ein erbitterter lebenslanger Kampf, aus dem am Ende kein Sieger hervorgeht. Ich gebe zu: I need to talk about Kevin!

Ich mache es kurz: „We need to talk about Kevin“ handelt von einer Mutter, deren Sohn im Alter von 15 Jahren mit Hilfe seiner Armbrust ein knappes Dutzend Mitschüler sowie eine Lehrerin und einen Angestellten der Cafeteria seiner High School tötet. Seine Mutter schreibt ein gutes Jahr nach der Tat die Geschichte der Familie in langen Briefen an ihren Ehemann nieder und versucht herauszufinden, was wirklich passiert ist. Nicht unbedingt an jenem verhängnisvollen Donnerstag, an dem das Massaker geschah, sondern vor allem in all den Jahren zuvor.

Tilda Swinton

Auf das Buch gekommen bin ich einzig und allein durch Tilda Swinton. Ich verehre diese phantastische Schauspielerin schon lange und sah dadurch auch die Verfilmung des Buches – die hierzulande gar nicht erst ins Kino kam, sondern jetzt auf DVD erscheint. Der Film beeindruckte mich nachhaltig. Nicht nur ihretwegen, sondern weil er spannend, berührend und verstörend inszeniert ist. Daraufhin kaufte ich mir das Buch. In einer verdichteten, sehr präzisen Sprache werden hier die Ereignisse und die Geschichte geschildert. Ich war versucht, bei allem Partei für die Mutter zu ergreifen, doch im Verlauf des Buches zweifelte ich an ihrer Urteilsfähigkeit in Bezug auf die Boshaftigkeit ihres Sohnes.

Warum?

Es geht natürlich um die Frage, wie so etwas nur passieren kann. Warum bringt ein Teeanger ein einem gewöhnlichen Tag auf bestialische Weise so viele Menschen um? Und es geht um die Frage, wer hierfür Schuld und Verantwortung trägt. Die Mutter, die ihrem Sohn sein ganzen Leben lang nie wirklich nahe gekommen ist, der Vater, der ihn eher verhätschelt, die Schule, die Gesellschaft, die vohergegangenen, ähnlichen Fälle, die zur Nachahmung animieren? Das Buch gibt auf diese Fragen – soviel sei verraten – keine Antwort.

Die Wahl der Waffe

Dieser fiktive Fall erinnert selbstverständlich an viele reale Fälle, über die in den Medien in der Regel sehr ausführlich berichtet wurde. Es geht in diesem Fall vor allem darum, wie ein Teeanger überhaupt die Motivation entwickelt, so etwas zu tun, nicht darum, wie es ihm letztendlich durch Gesetzgebung etc. ermöglicht wird. Das finde ich insofern nicht schlecht, als dass ich der Meinung bin, wer irgendwo so viele Menschen wie möglich verletzen oder umbringen will, der kriegt das auch hin. Waffengesetze hin oder her. Dass Schusswaffen eine besonders scharfe Kontrolle erfordern, finde ich aus ganz anderen Gründen wichtig. Aber das nur am Rande.

Woher kommt der Hass?

Was im Einzelnen innerhalb der Familengeschichte vor sich geht, will ich hier nicht im Einzelnen erläutern, es würde viel zu umständlich und unübersichtlich werden. Bei mir blieb vor allem die Tatsache hängen, dass Mutter und Sohn ihr ganzes Leben lang keine wirkliche Beziehung zueinander aufbauen konnten. Im Gegenteil: sie schienen sich gegenseitig von Anfang an regelrecht zu verabscheuen. Da es keinen offensichtlichen Grund für diese Abneigung gibt, fragte ich mich fortan, woher diese kommen konnte. Und auch, wie man damit umgeht. Was für eine Familie wächst heran, wenn solch von außen betrachtet unverständlicher und unsinniger Hass die Wurzel der Mutter-Kind-Beziehung bildet? Und welche Rolle spielt der Vater, der beide liebt und der trotzdem oder deswegen von der Schieflage der familiären Emotionen nichts wahrhaben will? Falls es auf solche Fragen überhaupt Antworten geben sollte, maßt sich das Buch nicht an, diese zu beantworten. Wer solche haben will, muss woanders danach suchen.

Fragen über Fragen

Ich frage mich also das ganze Buch über irgendwas. Und es ging mir wirklich schlecht dabei, denn das Sujet des Buches ist ja nicht eben erfreulich. Freundlicherweise (oder überflüssigerweise, je nachdem) sind dem Buch am Ende noch ein paar Fragen angefügt, die eine Gruppe Studenten nach Lesen des Buches zusammentrugen. Erfreulich, dass es also auch anderen so ging wie mir.

Fazit

Ein gutes Buch. Ein schwieriges Buch. Ein trauriges Buch. Ein Buch, das mit der letzten Seite keineswegs zu Ende ist. Ich habe es gern gelesen, obwohl es mir keinen Spaß gemacht hat. Die Fragen und Gedanken, die angestoßen wurden haben mir so zu schaffen gemacht, dass ich mich regelrecht elend fühlte. Und so leid es mir tut: dieses schrecklich intensive Gefühl wünsche ich anderen Lesern auch. (jn)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel We need to talk about Kevin
Autor Lionel Shriver
Seiten 475
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Serpent’s Tail
Jahr 2005

Die deutsche Ausgabe (Wir müssen über Kevin reden) ist im Ullstein Verlag erschienen.

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