chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die bewohnte Insel

Die Brüder Strugazki gehören zu meinen Lieblingsautoren. Viele Bücher haben die beiden Russen veröffentlicht und mir hat fast jedes gut gefallen. „Die bewohnte Insel“ gehört für mich dabei eindeutig zu den Highlights. Es ist der erste Roman einer Trilogie um den Raumerforscher Maxim Kammerer.

Maxim ist ein Mensch von der Erde. Er ist als Angehöriger der Gruppe „Freie Suche“ unterwegs im All, die neue Welten suchen – um das Wissen der Menscheit zu mehren und neue Kontakte zu knüpfen (falls intelligente Wesen dort leben). Er ist jung, gut ausgebildet und immun gegen alle möglichen Arten von Krankheiten. Er kann Radioaktivität verkraften, einen See unter Wasser durchqueren und Wunden heilen bei ihm in Nullkommanix. Wie die meisten jungen Menschen ist er voller Tatendrang und Entdeckergeist. Und er ist ein Kind seiner Zeit: Kriege sind ihm fremd, das menschliche Miteinander ist von Respekt und Harmonie geprägt. Und dann stürzt er mit seinem Raumgleiter auf den Planeten Saraksch. In ein Land, das von den Folgen eines Atomkriegs, Korruption und Völkerbeeinflussung bestimmt wird.

Kontaktaufnahme

Nach dem Absturz geht Maxim in den Wald, will sich orientieren, schauen, ob er Einwohner findet und diese um Material bitten, damit er sein Raumschiff wieder fit machen beziehungsweise einen Sender bauen kann. Er findet einen radioaktiv verseuchten Fluss und merkwürdige Maschinen. Und dann fliegt sein Raumschiff in die Luft. Und damit sitzt er auf seiner „bewohnten Insel“ fest. Als er auf ein Lagerfeuer trifft, versucht er in Kontakt zu den Menschen zu treten, die ihn dort aufsammeln. Aber sie verstehen einander nicht.

Maxim wird in ein Armeelager gebracht. Er versteht nicht, dass er festgenommen ist. Ein paar Offiziere und der Stabsarzt begutachten ihn und lachen sich über seinen Namen scheckig: Sie verstehen ihn wie „Machsim“, was in ihrer Sprache das „Messer verschluckt“ bedeutet. Maxim wird Gai Gaal anvertraut, der in das Regiment in der Stadt versetzt wird. Maxim denkt in seiner Einfalt, dass er jetzt an eine Stelle gebracht wird, die für den Kontakt mit Außenweltlern zuständig ist.

Erste Schritte auf der einsamen Insel

Dem ist aber nicht so. Er landet in einem Institut, in dem seine Gehirnbilder – Mentoskope – aufgenommen werden. Er lernt erste Brocken der Landessprache, aber keiner will wirklich Kontakt mit ihm. Interessant sind nur die Bilder. Irgendwann wird er von einem Menschen namens Fank abgeholt, der jedoch auf der Fahrt zusammenbricht. Maxim klettert aus dem Wagen, streift durch die Stadt und landet am Ende in einer Kneipe, in der er etwas zu essen bestellt. Er versteht nicht, warum am Ende alle ärgerlich auf ihn sind. Der Leser weiß, dass es daran liegt, dass er kein Geld hat. Maksim kennt aber kein Bezahlsystem. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass die Bedienung die Schwester eben jenes Gai Gaal ist, mit dem er in die Stadt gekommen ist. Sie regelt alles und nimmt ihn mit nach Hause zu Gai.

Soldat, Rebell, Revolutionär, Politiker, Idiot?

Ab hier geht Maxim einen Weg, der ihn zunächst in die Armee führt. Von Gai hat er gelernt, was in dieser Welt „gut“ und was „böse“ ist und er vertraut darauf. Doch er muss schnell erkennen, dass diese Einteilung nicht zu seinem Werteverständnis passt. Er flieht und findet Unterschlupf bei den Rebellen. Mit diesen arbeitet er zusammen, lernt mehr über die Welt und die Einschränkungen der Bevölkerung. Bei einer Aktion werden fast alle seine Kameraden getötet und er flieht wieder – zurück zu Gai. Beide werden festgenommen und landen im Gefängnis bzw. in Zwangsarbeit. Hier endlich erfährt er die schreckliche Wahrheit über Regierung und Bevölkerung. Sein Wunsch nach Rebellion wird immer größer und er flieht in ein anderes Land. Der Erdling glabut, jetzt endlich die Revolution anleiern zu können. Doch auch dieser Traum zerplatzt, er geht wieder zurück, landet wieder im Gefängnis, kann wieder fliehen und kommt schlussendlich wieder in der Hauptstadt an.

Alles ist eine endlose Wiederholung, während der Maxim immer wieder nach bestem Wissen und Gewissen handelt – er aber eigentlich keine Ahnung hat und oft auch zu wenig Geduld und Feingefühl, um sich erst einmal einzufinden. Auch wenn er nach und nach die Wahrheit erfährt, stößt er mit seinem Unwissen doch immer wieder an und stürzt manchmal auch seine Freunde ins Unglück.

Erwachen

Und dann wird er von dem „Wanderer“ aufgegriffen, einem der Politiker. Der entpuppt sich jedoch als Abgesandter der Erde, der schon seit Jahren versucht, das Land behutsam und in seinem eigenen Tempo aus seinem Elend zu führen. Maxim erkennt im Streit mit dem „Wanderer“, dass er vieles nicht weiß, dass er vieles nicht bedacht hatte und dass er sich zum Teil wie ein Trottel benommen hat.

Demut und ehrliches Interesse

An der „bewohnten Insel“ beeindruckt mich etwas, das man auch in anderen Büchern der Brüder Strugazki oder auch Stanislaw Lems findet: Die Botschaft, dass man nicht immer weiß, was woanders vor sich geht und das akzeptiert. Egal, wie toll man ausgebildet ist, wie empathisch oder hilfsbereit, wie gut vorbereitet oder nicht – es ist immer anders, als man aufgrund seiner eigenen Erfahrungen erwartet. Maxim Kammerer ist ein junger Mensch, der mit gutem Willen auf eine Welt stößt, die nicht gut ist. In der Leid und Elend herrschen und die er in der ganzen Erzählzeit nicht wirklich begreift. Und auch nicht begreifen kann, schließlich ist es ein ganzer Staat mit seinen Verstrickungen und zudem einer Bevölkerung, die ihm die Zusammenhänge aus Unkenntnis kaum erklären kann.

Das ist so, als ginge man heute in eine Gegend, von der man glaubt, man habe sich gut vorbereitet. Vielleicht hat man erste Brocken der Sprache gelernt, weiß alles über Kunst und Historie etc. Und womit fällt man auf die Nase? Vielleicht einfach damit, dass es in der dortigen Kultur vollkommen widerwärtig ist, jemandem die Hand zu geben. Pardauz. Und man versteht die Welt nicht mehr …

Für mich ist das eine der zentralen Botschaften des Buches: dass man sich bewusst sein sollte, dass die anderen anders sind. Dass man in der Regel erst einmal selbst der Depp ist – und dass das ok ist. Schließlich kennt man sich nicht aus. Also als erstes lernen und nicht in bester „Westliche-Zivilisations-Manier“ hinrennen und meinen, man hat die Weisheit mit dem Löffel gefressen und alle anderen sind sowieso viel blöder.

Diese Demut und damit verbunden die Neugier und ein ehrliches Interesse an den anderen, auf die man trifft, sollte jeder für sich kultivieren. Egal, ob er auf jemanden aus einem anderen Beruf trifft oder auf Reisen nach sonstwo ist. (ms)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die bewohnte Insel
Autor Arkadi und Boris Strugazki
Seiten 352
Ausstattung Hardcover
Verlag Das Neue Berlin
Jahr 1988
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