chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die Mitte der Welt

Seit Rico, Oskar und die Tieferschatten bin ich ein Riesenfan von Andreas Steinhöfel. Folglich explodierte ich vor Glück, als ich einen weiteren Roman von ihm erhielt – obendrein auch noch mit Autogramm! Nachdem ich diesen verschlungen hatte, war mir klar: ein neuer Oskar ist das nicht. Aber auch keine Enttäuschung. Das Buch bewegt sich seinem Titel entsprechend eher in der Mitte.

Die Zwillinge Phil und Dianne leben zusammen mit ihrer Mutter in einem märchenhaften Schloss namens Visible, zurückgezogen von den Bewohnern der nahegelegenen Kleinstadt und doch unter deren ständiger Beobachtung. Seit ihrer Ankunft  – hochschwanger mit einem Schiff aus Amerika – gilt Glass, die Mutter, bei den Einheimischen als exzentrisch, unnahbar und nicht von dieser Welt. Glass unterhält sich mit wechselnden Männerbekanntschaften, die ihren Ruf in der Stadt nicht unbedingt verbessern. Als sie später dazu übergeht, verzweifelten Frauen Ratschläge zu erteilen, gilt sie überdies als eine Art moderne Hexe. Demzufolge haben auch die beiden Kinder wenig sozialen Kontakt und erkunden die Welt mit seltenen Ausnahmen für sich allein. Bis sie langsam erwachsen werden.

Phil’s große Liebe

Als Phil sich in Nicholas, den faszinierenden, aber undurchschaubaren Neuling an seiner Schule verliebt, ist das gar nicht so romantisch wie gedacht. Denn Nicholas ist ein komischer Vogel, der keinen an sich ran lässt und auch nach mehrmaligem Sex mit Phil keinerlei wirkliche Intimität erlaubt. Mit Phils bester Freundin Kat versteht er sich obendrein etwas zu gut, so dass die Liebesglocken für Phil eher wie Kanonenschüsse klingen.

Und seine Familie …

Glass weigert sich beharrlich, über den Vater ihrer Kinder zu sprechen, so sehr vor allem Phil auch bohrt. Dianne scheint das jedoch mehr und mehr kalt zu lassen: Nach einem Krach mit Glass unklaren Ursprungs verschließt sie sich völlig und wird praktisch unsichtbar. Doch auch sie hat außerhalb von Visible merkwürdige, wenn nicht gar gefährliche Aktivitäten am laufen. Glass‘ Anwältin Tereza und deren Freundin gehören eigentlich auch noch zur Familie, als einzige Freundinnen der Mutter. Ach ja, eine Art Onkel gibt es auch noch. Verwegener Seefahrer, unerschrockener Abenteuerer und eine Bereicherung jedes Weihnachtsfestes – und Phils große Hoffnung, die kleine Welt, die er kennt, zu verlassen. Diese heterogene und nicht ganz unkomplizierte Gruppe von Menschen bildet das Zentrum von Phils Leben. Klar, dass das nicht immer einfach ist.

Starke Figuren, maue Story

Die Charaktere sind genau so, wie ich sie von Steinhöfel erwartet habe: interessant, vielschichtig, ich wollte alles über sie erfahren. Die Story allerdings – nun ja … Phil verliebt sich, zweifelt darüber, wer ist sein Vater, was treibt die Schwester … Es ist irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes, denn jedes Mal, wenn per Spannungsbogen eine neue Karte gespielt wird (wo, zum Teufel, fährt Dianne nachmittags mit dem Bus hin, was ist zwischen ihr und Glass vorgefallen, ist sein Vater wirklich tot?), ist die Auflösung entweder irgendwie banal oder sie geht mit ihrer großen Bedeutung im schwurbeligen Schreibstil unter. So machen die ganzen Familienenthüllungen und Geheimnisaufdeckungen leider nur halb soviel Spaß. Schade!

Der Stil

Das ist nämlich das nächste Problem dieses Buches: der Schreibstil. Es ist unterm Strich einfach zu viel, was da mit unzähligen Adjektiven und noch mehr Gefühl beschrieben wird. Sei es die Verliebtheit von Phil, die Verachtung seiner Mutter für die Stadtbewohner oder einfach die Mittagshitze – alles erscheint in den langen Sätzen irgendwie bedeutungsschwer. Und das wirkt sich auf die wirklich gewichtigen Enthüllungen und Ereignisse irgendwann nachteilig aus.

Fazit

Ich will keinen falschen Eindruck erwecken: Ich habe das Buch gern und mit großer Freude gelesen. Es ist spannend, die Leute sind interessant und ich wollte nach jedem Kapitel wissen, wie es weitergeht. Und doch ist es einfach kein lupenreiner Hit. Die Sprache ist zu ausgeschmückt, die Story (bzw. Stories) hält nicht ganz, was sie verspricht und es fehlt einfach eine Sympathiefigur – ein Rico, den man nach bestandenem Abenteuer nur noch in den Arm nehmen will. (jn)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die Mitte der Welt
Autor Andreas Steinhöfel
Seiten 458
Ausstattung Hardcover
Verlag Carlsen
Jahr 2008
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