chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Lautlos im Orbit

Der Kalte Krieg ist schon ein paar Jährchen vorbei, die DDR existiert fast nur noch in den Köpfen einiger älterer Semester, die USA und Russland drohen nicht mehr mit Atomwaffen oder ähnlichem – und doch kann es sich lohnen, mal einen Blick in einen der „alten“ Science-Fiction-Bände von damals zu werfen. Ich mag ja DDR-Utopien und Klaus Frühauf war einer der aktiven Autoren, die mehrere Bände auf den Markt gebracht haben. „Lautlos im Orbit“ ist einer davon, den ich letztens auf einem Bücherflohmarkt gefunden und mitgenommen habe.

Ein irischer Junge in einer nicht näher benannten Zukunft versucht gegen Besatzer, Engländer, sogenannte Gunslinger, zu agieren. Auch sein Vater ist im Widerstand und stirbt eines Tages als lebende Bombe. Der Junge sucht ihn, findet aber nur noch Fetzen und zwei fremde Soldaten, denen er fast in die Hände fällt. Zu seiner eigenen Sicherheit wird er in die Sowjetunion gebracht. Dort erhält er eine ordentliche Schulausbildung, lernt einen Beruf, verliebt sich und entscheidet dann, dass er sich auf gen Westen machen muss, um dafür zu sorgen, dass die Welt eine bessere wird.

Er geht in die USA, schafft sich mittels seiner Computerkenntnisse eine falsche Existenz mit Abschlüssen bedeutender Militärakademien und Universitäten. Aus Philipp Barrymore wird Captain Philipp McBruns. Sein Ziel: Auf einer neuen Orbitalstation eingesetzt zu werden und dazu beizutragen, dass auf dieser Station kein Schindluder getrieben wird. Die Station dient offiziell der Forschung und Friedenssicherung, inoffiziell ist sie so gut mit Laserkanonen und sonstigen Waffen ausgestattet, dass sie massiven Schaden auf der Erde anrichten könnte. Phil sabotiert die Station dahingehend, dass er den Starthebel der Laserkanone manipuliert: Wenn er einen kleinen Schalter umlegt, explodiert beim nächsten Schuss die gesamte Station.

Doch die erste Gefahr geht von ganz anderer Seite aus: Ein Wissenschaftler kommt an Bord und Phil muss mit der Laserkanone bestimmte Zylinder ins All schießen. Kurz darauf erfahren sie über Berichte von der Erde, dass sich in unter anderem in China und in einer vor allem von Schwarzen bevölkerten Stadt im Mittleren Westen ein Virus ausbreitet, das nur bestimmte Menschen befällt. Eine ähnliche Epidemie gab es schon Jahre zuvor in Afrika, ebenfalls ausgelöst durch ein Virus, das nur schwarze Menschen befiel. Die USA weisen jegliche Verantwortung von sich. Philipp leidet mehr und mehr unter dem Druck seiner selbstgewählten Mission.

Kein Vertrauen, kein soziales Dasein?

Phil lebt jetzt seit Jahren zwischen seinen „Feinden“, einige findet er sympathisch, einige nicht. Er macht sich Gedanken über sie, darüber, ob sie unter anderen Umständen Freunde wären oder eine der Frauen vielleicht sogar seine Gefährtin. Er leidet unter seiner Isolation, der Heimlichkeit. Er redet mit den Kameraden, aber er vertraut niemandem. Und manchmal fragt er sich, ob er nicht aus lauter Hunger nach Freunden nachlässig wird in seiner Aufmerksamkeit. Im Laufe des Buches wird es immer schwerer für ihn, mit seiner Meinung hinterm Berg zu halten, sich nicht durch eine unbedachte Äußerung zu verraten.

Als sich Dora ihm nähert, ist er irritiert, hat Angst. Und als sie ihm quasi auf den Kopf zusagt, dass sie um seine Mission weiß, ihn sogar vor anderen warnt, versucht er, ein wenig Vertrauen zu haben. Und Dora ist es schließlich auch, die es schafft, aus der Station abzuhauen, mit einem Shuttle. Sie kommt auf die Erde, in die Sowjetunion und verkündet der Weltbevölkerung, dass der Virenanschlag von der Station ausgegangen ist – und damit von seiten der USA. Sie deckt die Lüge auf und überall auf der Welt gehen die Menschen auf die Straße.

Unspektakulär, aber gut zum Nachdenken

Das Buch kommt zäh daher. Kein Schmöker, den man mal so eben wegsaugt. Die Geschichte verläuft sich in Rückblenden und Innensichten und zuweilen fragte ich mich, worum es denn jetzt endlich geht … Den inneren Konflikt Phils hätte Frühauf gerne deutlicher machen dürfen. Trotzdem – oder gerade deswegen: Ich habe über das Buch nachgedacht, darüber, was es wohl bedeuten kann, wenn jemand sich aus eigenem Antrieb und mit einer Vision aufmacht, der Welt zu helfen. Einfach da zu sein, um im Ernstfall einzugreifen, sein Leben zu geben, damit andere Leben können. Um ein Ideal zu ermöglichen: Eine friedliche und freie Welt.

Das Faszinierende an Phil ist, dass er eigentlich gar nichts tun will, außer sozusagen eine Sicherung sein: Wenn alles gut geht und alle sich anständig benehmen, dann ist er einfach da. Sollte aber die Station zum Schlechten eingesetzt werden, dann will er das Zünglein an der Waage sein, derjenige, der verhindern kann, dass Tausende sterben. Das finde ich spannend. Er ist kein „Nur-du-kannst-die-Welt-retten“-Held, wie er in so vielen Geschichten vorkommt, er ist einer, der nichts tut, wenn alles gut ist.

Warum alte Kamellen lesen?

Ich kann und will nichts über die gesellschaftskritischen Aspekte des Buches sagen. Ich denke, das können Menschen, die in der DDR gelebt haben, besser als ich. Ich weiß, dass Frühauf durchaus kritischer in seinen Werken wurde und Bücher von ihm auch erst nach der Wende erscheinen konnten. Was ich trotzdem finde, ist, dass man diese „alten Kamellen“ immer mal wieder lesen kann. Phils „Mission“, sein selbstgewählter Weg in die Isolation um des Glaubens willen, dass ER die Welt verbessern kann, dass er einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, dass ALLE auf einer schöneren Erde leben können, das ist etwas, worüber jeder nachdenken sollte. Wie oft hört man „Ich kann doch eh nix machen“ oder „Es nützt doch eh nix, wenn ich xyz mache“ – all das trägt regelmäßig dazu bei, das sich nichts ändert.

„Als Einzelner konntest du gegen die Gewalt nichts ausrichten.“, sagt Dora am Ende des Buches zu Phil. „Aber als einer von Millionen hast du Anteil an unserem Sieg gegen sie.“ Und das ist es doch: tun, was man tun kann. Man muss nicht Phils Weg gehen, das halte ich für überzogen und selbstzerstörerisch. Auch kein Fanatismus, keine Gewalt, aber auch keine Resignation, sondern vielleicht einfach für sich einen Beitrag zum Strom sparen leisten, zu einer gesunden Umwelt, für glückliche Kinder oder was auch immer einem am Herzen liegt. (ms)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Lautlos im Orbit
Autor Klaus Frühauf
Seiten 293
Ausstattung Hardcover
Verlag Verlag Neues Leben
Jahr 1988

 Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.


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