chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Everlasting

„Na, ich finde jedenfalls, ein Science-Fiction-Liebesroman wäre doch auch mal schön.“ Das wünscht sich Eliana, eine BerlinerGöre, die Anfang der 2000er Jahre in der Hauptstadt wohnt. Und sie vertraut das ihrem Tagebuch an, neben all den anderen Dingen, die Teenager so wichtig finden und aufschreiben: die Geburtstagsgeschenke, welche Jungs toll sind, wie blöd der Bruder ist (der immer nur die SF-Stories mit den Aliens und dem Geballer liest) und so fort. Sie weiß nichts davon, dass ihre Welt in ein paar Jahren enden, Deutschland mehr oder weniger aussterben und sich die Erde total verändern wird. Sie weiß auch nichts davon, dass ihre Tagebücher rund 250 Jahre überdauern werden – und dann von Finn Nordstrom gelesen werden.

Finn lebt im Jahr 2265. Er ist Historiker, Spezialist für die ausgestorbene deutsche Sprache und Deutschland. Finn lebt in Berlin, ist aber gebürtiger Amerikaner – auch wenn das im jahr 2265 nicht mehr wichtig ist. Er lebt im Märkischen Viertel, das seit einer ganzen Weile kein Stadtteil mehr ist, sondern ein riesiges Wohnheim, das aussieht wie der Rubik’s Cube. Er ist Mitte Zwanzig, ein Alter, in dem in der modernen Welt von den „Prä-Adulten“ erwartet wird, dass sie sich so langsam mal einen Partner suchen, sich seelisch gefestigt haben. Das soll mit 30 abgeschlossen sein. Finn arbeiet wie alle seine Altersgenossen. Er übersetzt Berichte der Deutschen Bank aus den Anfangsjahren des 21. Jahrhunderts ins Englische, eine Arbeit, die er nicht sonderlich spannend findet. Und dann bekommt er eines Tages das Angebot, ein Tagebuch zu übersetzen …

Worte aus der Vergangenheit

Leider ist das Tagebuch nichts „Bedeutendes“, kein berühmter Schriftsteller oder Wissenschaftler, sondern ein 13-jähriges Mädchen, das das rosafarbene Ding zum Geburtstag geschenkt bekommt. Sie schreibt über den Jungen, den sie toll findet. Über die Familie, die lacht, weil Oma ihr einen zu großen gepolsterten BH geschenkt hat und ihr das peinlich ist. Sie philosophiert, wie nur ein junger Mensch über das Leben denken kann, wenn die großen Fragen immer noch große Fragen sind und noch Geheimnisse bergen.

Trotzdem findet Finn, dass diese Berichte eine große Abwechslung zu den Geschäftsberichten sind. Nach und nach entdeckt er, dass das Mädchen scheinbar auch in Berlin gelebt hat. Er liest sich ein, findet ihren Humor witzig, mag, wie sie schreibt und über was sie nachdenkt. Er beschäftigt seinen besten Kumpel Renko mit Nachforschungen zu den Personen im Buch, denn er kennt ihren Namen nicht. Er versucht von den Namen, die im Tagebuch stehen, auf das Mädchen zu schließen.

Finn macht weiter, irgendetwas an dem Buch reizt ihn. Und als er alles zu Ende übersetzt hat, fragt er sich, ob das alles war. Oder ob das Mädchen wahr gemacht hat, dass sie sich ein weiteres Tagebuch besorgen will.

Leben im Jahr 2265

Es hat sich viel geändert, seit das Mädchen Eliana ihr Tagebuch geschrieben hat: Deutschland und auch viele andere Länder fielen einer Krankheit zum Opfer, die einen großen Teil der Menschheit sterben ließ. Deutsch als Sprache ist ausgestorben. Die Menschheit hat sich wissenschaftlich und technisch total weiterentwickelt: Jeder trägt einen sogenannten BB im Kopf, sozusagen sein Smartphone-Computer-E-Reader-Gerät. Bücher kann man sich z.B. dorthin laden lassen und liest sie mental. Genauso Mails und Nachrichten. Es gibt Partys, in denen alle der Musik in ihrem Kopf lauschen, die ihnen vom DJ gesendet wird. Hat man sein BB abgeschaltet, sieht man dann eine Menge Leute, die still tanzen.Gekocht und saubergemacht wird von Robotern. Junge Leute wohnen in riesigen Wohnanlagen zusammen, gehen arbeiten, gehen aus.

Am gravierendsten sind jedoch die zwischenmenschlichen Veränderungen. Als Kinder toben alle noch herum, aber spätestens, nachdem der BB implantiert wurde (so mit 6), sollen die Kinder vernünftig werden. Gefühle sind ungewohnt und werden zur Seite geschoben. Als Finn einmal sehr traurig ist, weil seine Eltern und Geschwister vor kurzem gestorben sind, drückt er die Tränen kurzerhand zur Seite und macht bewusst was anders. Weinen ist uncool, und nicht nur für Männer. Der Prozess soll bis zum 30sten Lebensjahr abgeschlossen sein, dann gilt man als erwachsen. Bis dahin soll man auch einen Partner gefunden haben und dann auf Teufel komm raus versuchen, Nachwuchs zu produzieren – denn die Menschheit schafft es nicht mehr, genügend Kinder in die Welt zu setzen. Wenn man selbst niemanden findet, weist einem die Gesellschaft einen Partner zu. Abgesehen davon darf man bis zu diesem Zeitpunkt gerne und häufig mit allen ins  Bett gehen, mit denen man möchte.

Der Einzelne ist eher unwichtig, was sich im alltäglichen Sprachgebrauch niederschlägt: „Dieser Historiker kann nur hoffen, dass er das Richtige tut“, sagt Finn einmal. Das ist die normale Ausdrucksweise, wenn Menschen von sich sprechen. „Dieser Freund hat Lust, das und das zu tun“ oder „Diese Frau hat Hunger“ etc. „Ich“ wird nicht mehr verwendet. Auch insofern ist das Tagebuch für Finn spannend, denn schließlich schreibt das Mädchen aus der Vergangenheit in der Ich-Form.

Liebe über Zeit und Raum

Nachdem Finn das Tagebuch übersetzt hat, meldet sich sein Chef wieder bei ihm: Finn darf ein weiteres Tagebuch übersetzen, aber nur unter der Voraussetzung, dass er sich bereit erklärt, an der Erprobung eines Computerspiels mitzuwirken. Es solle ein Edutainment-Programm sein und Finn solle überprüfen, ob alles den historischen Tatsachen entspreche. Schließlich sei das Spiel zu Beginn des 21. Jahrhunderts angesiedelt, seinem Spezialgebiet. Und weil Finn unbedingt wissen will, wie es weitergeht, macht er mit. Obwohl er Computerspiele furchtbar findet.

Mit ihm geht seine frühere Freundin Rouge ins Spiel. Sie ist Quantenmechanikerin und schon sehr nüchtern geworden. Sie landen in Berlin, in einer Citytoilette in der Wilmersdorfer Straße. Und als sie schließlich den Öffner für die Tür finden, steht da eine Dame in Orange mit einem Stiel in der Hand, an dessen Ende Stoffstreifen runterhängen. Und natürlich macht sie in typisch Berliner Hart-aber-herzlich-Manier einen Spruch darüber, dass da zwei Leute aus dem Klo stolpern.

Bild mit Blick in die Wilmersdorfer Straße Ecke Pestalozzistraße in Berlin-Charlottenburg

Hier in der Wilmersdorfer Straße in Berlin kommt Finn bei seiner Reise in die Vergangenheit an. Er landet in einer Welt, die bunt und quirlig und so ganz anders ist als seine eigene – und er weiß nicht einmal, dass sie echt ist …

Die folgenden Szenen sind kaum nachzuerzählen. Finn geht in das Spiel und erlebt kurioses Zeug. Er kommt zurück und darf das zweite Tagebuch übersetzen. Und dieses Spiel geht ein paar Mal hin und her, er trifft sogar Eliana – und denkt, dass das Spiel so programmiert wurde, dass seine Wünsche „Realität“ werden. Bis er schließlich hinter die Wahrheit kommt – denn er taucht schließlich in den Tagebüchern Elianas auf. So kommt er hinter eines der vielen Geheimnisse, die die Tagebücher und seine Arbeit daran begleiten: Finn reist in Wirklichkeit durch die Zeit. Nach und nach realisiert er, dass die Treffen mit den verschiedenen Menschen und auch mit Eliana echt sind. Und dass er sich in eine mittlerweile junge Frau verliebt hat, die 250 Jahre vor seiner Zeit lebt. Die ihn liebt. Mit der er unbedingt leben will, egal wie. Und dass das nicht geht, weil die letzte, geplante Zeitreise gestrichen wird – und er doch noch einen Weg findet, seinen Traum zu leben.

Ein weiteres Geheimnis ist, dass sich seine Vorgesetzten und alle an dem Projekt Beteiligten von seinen Reisen und von seiner Liebe erhoffen, dass sie „ansteckend“ ist, dass sich sein Glück auf alle anderen abfärbt. Sie wünschen sich, dass die Liebe dazu führt, dass wieder mehr Kinder gezeugt werden und die Menschheit eine Chance hat, zu überleben. Das klappt sogar: In Finns Umfeld werden alle möglichen Frauen schwanger, weil die Männer und Frauen sich mit mehr Liebe und Leidenschaft begegnen.

„Alte Bekannte“ treffen

Die Idee und wie die ganze Geschichte aufgezogen ist, ist sehr schön. Letztlich ist es eine Liebesgeschichte. Mit Humor und schön erzählt. Mit ein paar langen Stellen und einem Ende, das ich ein bisschen unfertig finde.

Für wen das Buch auf jeden Fall vergnüglich sein dürfte, sind Berliner, die sich ein bisschen in der Wilmersdorfer und in Schöneberg auskennen. Die können das eine oder andere Déjà-vu erleben. Vom tibetischen Mönch bis zu Buchläden etc. kommt so einiges vor. Auch die Jugendherberge in der Kluckstraße wird gewürdigt. Mir hat das gut gefallen und ich habe mit viel Freude und Kopfnicken gelesen.

Mit Liebe wird alles gut

Mit Liebe wird alles gut – ja, so könnte das Fazit zu der Geschichte von Finn und Eliana lauten. Mit Liebe überwindet man Raum und Zeit. Liebe hilft, die Menschheit zu retten. Liebe ist ansteckend und das ist toll.

Schade, dass es in echt nicht so einfach ist: Wann habt ihr das letzte Mal ein glückliches Pärchen gesehen? Und was habt ihr da gedacht? Toll, wie die sich freuen, da freu ich mich einfach mal mit? Oder doch eher: Och Mann, hätte ich auch gerne? Oder euch darüber aufgeregt, „dass die sich mitten auf der Straße so abknutschen müssen … grummel … können die nicht nach Hause gehen … grummel“? Aber warum ist es nicht so einfach? Weil wir viel zu sehr mit uns beschäftigt sind, mit unseren Bedürfnissen und Gedanken, dass da kaum Platz ist, sich einfach mal so über ein lachendes Kind zu freuen, darüber, dass die Sonne scheint, dass sich zwei total verliebt in die Augen schauen. Und sich nicht zugesteht, selbst grinsend durch die Welt zu gehen, wenn es einem gut geht. Dabei ist das doch was TOLLES!

Im Buch geht dann auch noch alles am besten mit der einen, der großen Liebe, die, die man am besten noch auf den ersten Blick findet. Glücklicherweise gibt es ein paar fast versteckte Hinweise darauf, dass es noch ein paar Varianten gibt: Als Rouge sich in einen Kumpel von Finn verliebt, erinnert sie sich daran, dass sie auch Finn geliebt hat – wenn auch nicht so stark. Und die Frau des Direktors wird von einem anderen Mann geschwängert, der gleichzeitig auch seine eigene Frau in glückliche andere Umstände bringt …

Insofern: Raus aus der Bude, Ego mal ein bisschen nach hinten stellen und genau hingucken, was alles schön und gut ist an diesem Tag. Vom leckeren Kaffee zum Frühstück bis hin zum gemütlichen Abend mit Freunden oder der wilden Knutscherei mit dem oder der Liebsten. (ms)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Everlasting
Autor Holly-Jane Rahlens
Seiten 422
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Wunderlich
Jahr 2012



Foto: © Dguendel/Wikimedia Commons – CC BY 3.0

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