chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Hazel hat Krebs und das ist scheiße. Eigentlich ist scheiße gar kein Ausdruck, denn scheiße kann vieles sein: Ein Film, das Wetter, die Laune. Aber 16 Jahre alt zu sein und zu wissen, dass man aller Wahrscheinlichkeit nach bald sterben wird, ist weit mehr als das. Aus der Schule wurde Hazel schon vor drei Jahren herausgenommen, als alles so aussah, als ginge es mit ihr zu Ende. Wie durch ein Wunder überlebte sie jedoch die schwere Attacke ihres eigenen Körpers und ein neues Medikament hilft ihr fortan, den Krebs zumindest im Zaum zu halten. Statt zur Schule zu gehen besucht sie nun College-Kurse und wird jeden Tag klüger. Neben den Kursen hat sie allerdings immer noch mehr als genug Zeit, zu lesen, sich Gedanken zu machen oder – wie ihre Mutter glaubt – eine Depression zu entwickeln. Ihrer Mutter zuliebe geht sie irgendwann auch in die Selbsthilfegruppe und redet mit anderen krebskranken Jugendlichen, obwohl sie eigentlich gar keine Lust dazu hat. Aber, so bemerkt sie „es gibt nur eins auf der Welt, das ätzender ist, als mit 16 an Krebs zu sterben, und das ist, ein Kind zu haben, das an Krebs stirbt.“ Also geht sie hin.

Bei einer Sitzung trifft sie Augustus, genannt Gus. Diagnose: Knochenkrebs. Ein Bein haben sie ihm schon abgenommen und damit seine Basketballkarriere beendet. Seitdem gilt er als gesund, jedenfalls soweit man dass sagen kann. Entgegen jeder Erwartung, die Hazel an die Mitglieder der Selbsthilfegruppe hat, entpuppt sich Augustus als witzig, klug und hartnäckig. Er kann sie überreden, einen Film mit ihm zu sehen, von ihrem Lieblingsschriftsteller zu erzählen und bringt sie dazu, bis tief in die Nacht SMS zu schreiben.

Die erste, große und letzte Liebe

Junges Liebespaar in der Nacht

Teenagerliebe – für Hazel und Gus wortwörtlich einzigartig!

Zwischen ihnen entwickelt sich eine ganz normale Romanze – könnte man meinen. Aber alles, was Hazel zum ersten Mal mit Gus erlebt, widerfährt ihr vermutlich auch zum letzten Mal. Die erste große Liebe ist somit schon von Anfang an als letzte besiegelt. Das macht sie weder schlecher noch besser. Aber endgültiger. Ein Umstand, der zwischen den beiden nie eindeutig artikuliert wird. Der aber von Anfang an besteht, denn ihr Schicksal ist kein Geheimnis, es liegt offen zwischen ihnen. Das macht ihre Liebe umso tragischer – die meisten von uns erfahren die erste Liebe als etwas Großes, weil sie einen Beginn darstellt und wir Erfahrungen zum ersten Mal machen, die wir im Leben noch oft machen werden. Für Hazel und Gus ist jedoch jedes erste Mal gleichzeitig ein Abhaken, denn die Chance für eine Widerholung ist sehr gering.

Natürlich sind alle Alltäglichkeiten mit gewissen Schwierigkeiten verbunden: Hazel atmet mit Hilfe einer riesigen Sauerstoffflasche, die sie fortwährend hinter sich herziehen muss. Derart verkabelt ist es schon ein ziemlicher Krampf, eine Treppe runter zu gehen. Mal eben mit dem Bus zum neuen Schwarm zu fahren oder sich im Einkaufszentrum mit der besten Freundin zu treffen, ist ein höllischer Akt. Und doch geht alles irgendwie, natürlich mit viel Unterstützung der Eltern, die sich regelmäßig beide Beine ausreißen, um ihrer Tochter ein einigermaßen normales Leben zu ermöglichen.

Reise ans Ende der Welt

Eine echte Herausforderung wird jedoch die Erfüllung von Hazels größtem Wunsch: nach Amsterdam zu reisen und dort den Autoren ihres Lieblingsbuches „Ein herrschaftliches Leiden“ kennen zu lernen. Ein Buch, dass von einem krebskranken Mädchen handelt und mitten im Satz aufhört … Natürlich ist eine Flugreise über den Atlantik für sie völlig utopisch. Aber als todgeweihte Patientin profitiert sie doch ab und zu vom „Krebs-Bonus“, wie sie es nennt, und kriegt den einen oder anderen Wunsch erfüllt. Sogar wenn das bedeutet, eine Utopie gegen alle gegebenen Widerstände Wirklichkeit werden zu lassen: Zusammen mit ihrer Mutter, der Sauerstoffflasche, einem Koffer voller Medikamente und Gus fliegt sie in die Niederlande.

Wie das in romantischen Büchern so ist, birgt die Reise einige Überraschungen. Nicht alle davon sind erfreulich. Und doch bildet Amsterdam den Höhepunkt in der Liebesgeschichte zwischen Gus und Hazel. Und vielleicht auch den Höhepunkt in ihrer beider Lebensgeschichte.

Was unterm Strich klingt wie eine unendlich traurige Teenie-Lovestory mit Tränengarantie, ist auch eine – und doch wieder nicht. Denn was die beiden neben dem großen Interesse an Literatur verbindet, ist ihr beißender Zynismus. Zynismus kann verletzend sein, zerstörerisch und zermürbend. Doch für Hazel und Gus ist er heilsam, er ist ihre Waffe gegen die allgegenwärtige Bedrohung durch die Krankheit. Sie sind auf humorvolle, vielleicht sogar liebevolle Weise zynisch (zwei normalerweise einander ausschließende Pole), sie richten ihn ausschließlich gegen ihr ungerechtes Schicksal.

Das Leben aufsaugen bis zuletzt

Ihre Art, mit sich und ihrer Krankheit umzugehen, mag für manche – inklusive der Leser – beinahe erschreckend sein. Gus zum Beispiel  ist starker Raucher – nur dass er sich die Zigaretten nicht anzündet. Es ist seine metaphorische Art, dem Tod die Stirn zu bieten: Würde er die Zigarette anzünden, würde er seinen Körper mit den tödlichen Inhaltsstoffen füttern. Da er sie kalt lässt, kann die Zigarette ihre tödliche Wirkung nicht entfalten. So hängt der Tod quasi in seinem Mundwinkel, ist aber machtlos.

Mit Gesten, Worten und philosophischen Ideen verbringen die beiden die womöglich schönste Zeit ihres „zweiten“ Lebens nach der Diagnose. Froh einander zu haben und froh, wenigstens noch ein bisschen Zeit für diese Liebe zu haben, schaffen sie es, den Schatten des Krebses auszublenden. Wenigstens die meiste Zeit und bis zu einem gewissen Punkt. Aber trotz Love, Peace und Amsterdam ist und bleibt eine tödliche Krankheit nun mal tödlich und diese Wahrheit bleibt den beiden nicht verborgen. Doch sie trotzen ihrem Schicksal, verweigern die Resignation und halten dem Tod ihren Witz entgegen – bis es nicht mehr möglich ist.

Leben ist Witz und ständiger Kampf

„Don’t go gentle into that Good Night“ schrieb Dylan Thomas als Appell, sich dem Tod nicht kampflos zu überlassen. Getreu diesem Motto leben auch Gus und Hazel. Nicht nur, dass beide schon die eine oder andere physische Attacke ihres eigenen Körpers überlebt haben. Auch der täglichen Angst vor dem Tod begegnen beide mit gefletschten Zähnen. Autor John Green hat diese Lebens- und Sterbeeinstellung in faszinierend witzige, ehrliche und dadurch manchmal irritierende Worte verpackt. Es wirkt einfach ungewohnt, sich ein krebskrankes Mädchen vorzustellen, dass sich über seinen ebenso kranken Freund lustig macht und gleichzeitig von ihm gebeten wird, für die selbstinszenierte Vorbeerdingung die Grabrede zu schreiben.

Dennoch ist die Erzählung keineswegs auf Humor oder Verdrängung beschränkt. Es gibt unheimlich zärtliche Szenen, traurige Momente, in denen auch Hazel und Gus ihre Vertedigungshaltung fallen lassen und einfach nur schrecklich verzweifelt und unglücklich sind. Und das macht die beiden Protagonisten zu wahren Helden: Sie kämpfen gegen ihr Schicksal ohne sich vor ihm zu verschließen. Sie wissen, dass sie sterben müssen und denken doch nur daran, wenn es ihnen angebracht erscheint. Sie beherrschen ihre Gedanken an den Tod und lassen nicht den Tod ihre Gedanken beherrschen. Sie trösten und verfluchen, wenn es sein muss und lachen darüber, wenn es ebenso notwendig ist. Sie wissen in ihrem Teenageralter schon mehr über den Umgang mit Leben und Sterben als ihre Eltern und vermutlich auch die Mehrzahl der Leser.

Stichwort Leser …

Obwohl das Buch mittlerweile ein respektabler Bestseller ist, kann es gar nicht genug Menschen geben, die diese Lovestory verfolgen. Tatsächlich ist „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ein fast uneingeschränkt empfehlenswertes Buch. Klar ist es kein Dostojewski. Und ja, man fragt sich, woher die beiden ihre Stärke nehmen. Ob sie nicht viel öfter zusammenbrechen und ihren verdammten Zynismus aufgeben müssten. Aber – wie sagt man so schön – da stecken wir nicht drin. Wenn die beiden ihren rettenden Humor bewahren können, sei ihnen das gegönnt. Und wenn die beiden eine erste Liebe erleben, wie sie manchen nicht einmal widerfährt, die 80 Jahre alt werden, dann gönne ich ihnen das erst recht!

Leben, lieben, sterben – mal ganz unsentimental und ohne Pathos erzählt. Sicher nicht ohne Schmerz und Ekel. Aber dafür mit Biss und ganz viel Good Vibrations!

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Autor John Green
Seiten 284
Ausstattung Hardcover
Verlag Carl Hanser Verlag
Jahr 2012



Foto: © Courtney Carmody/flickr – CC BY SA 2.0

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