chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Elfenportal-Saga

Henry Atherton hat’s nicht leicht: Vor’m Frühstück baut er noch ein tolles Pappmodell eines fliegenden Schweins und will seinen Eltern bei Cornflakes davon erzählen. Leider hören die nicht zu und Henry merkt, dass irgendwas nicht stimmt. Aber was? Schließlich fragt der Teenager seinen Vater auf der Fahrt zum Bahnhof: „Hast du ein Verhältnis mit Anaïs?“ Anaïs ist die Sekretärin seines Vaters. „Ich hab kein Verhältnis mit Anaïs“, sagt der Papa, „Aber deine Mutter.“ Und damit beginnt für Henry eine ein paar Jahre währende aufregende Zeit, die sein Leben von Grund auf umkrempeln wird.

Herbie Brennan hat mit der Story um Henry ein – wie ich finde – ziemlich gutes und manchmal auch ziemlich irres Stück Phantasie auf den Markt geworfen. In vier Bänden erzählt der Ire, wie Henry lernt, dass die Welt nicht das ist, was er bisher immer dachte. Die bekloppte Situation zu Hause ist erst der Anfang und bei Weitem nicht das Kurioseste, das er erlebt.

Der Schmetterling Pyrgus Malvae - ein Schmetterlin mit braunen Flügeln mit weißen Flecken - so sieht der Elfenprinz als verkleinertes Wesen mit Flügeln aus.

Es gibt einen Schmetterling, der Pyrgus Malvae heißt, mit braunen Flügeln, auf denen weiße Flecken zu sehen sind. Stellt man sich vor, dass der Schmetterlingskörper ein kleiner Mensch ist, weiß man, wie der Elfenprinz Pyrgus aussah, als er auf unsere Welt kam und nur knapp dem Tod durch Fressen entrinnt.

Henry jedenfalls macht sich nach dem frühmorgendlichen Schock auf den Weg zu Mr. Fogarty (der Alan mit Vornamen heißt, aber das ist in der Geschichte weitgehend egal). Der Junge arbeitet in den Ferien für Mr. Fogarty und spart auf einen MP3-Player. Er räumt auf – und es gibt viel aufzuräumen in Mr. Fogartys total zugerümpelten Haus. Am Morgen, als die Geschichte beginnt, kommt Henry ziemlich angematscht bei dem 70-jährigen an. Dankbar macht er sich ans Aufräumen der Garage, wird aber fast sofort abgelenkt: Fogartys alter Kater Hodge fängt einen Schmetterling, den Henry rettet. Und dabei stellt er fest, dass der Schmetterling gar keiner ist, sondern ein kleines Männchen mit Flügeln.

Völlig verdutzt nimmt er Kontakt mit dem Wesen auf und schleppt es zu Mr. Fogarty – der mal eben ratzfatz einen kleinen Verstärker zusammenbastelt und es so ermöglicht, dass sich die beiden Menschen mit dem Elfen (denn das ist das Wesen) unterhalten können. Und Mr. Fogarty sagt triumphierend zu Henry, dass er es ja schon immer wusste: Es gibt Elfen!

Gegenwelt und Elfenreich

Pyrgus Malvae heißt der kleine Kerl, der ihnen die irrste Geschichte auftischt, die Henry je gehört hat – abgesehen davon, dass er am Morgen erfuhr, dass seine Mutter lesbisch sein soll. Pyrgus ist der Sohn des amtierenden Elfenkaisers, der jedoch gerne bürgerlich leben will. Weil er aber Bockmist gebaut hat und vor den politischen Gegnern seines Vaters fliehen muss, soll er eine Weile in die Gegenwelt – also auf unsere Erde. Allerdings ist irgendwas schiefgegangen beim Übergang in unsere Welt, sonst hätte Pyrgus weder Flügel noch wäre er geschrumpft (normalerweise sind Elfen so groß wie wir). Vor Mr. Fogarty und Henry tut sich eine gänzlich neue Welt auf, mit Lichtelfen und Nachtelfen.

Mr. Fogarty lässt sich von dem Elfenprinzen erklären, mit welcher Technologie er den Wechsel der Welten bewerkstelligt hat. Und dann erfährt Henry, dass sein alter kauziger, paranoider und misstrauischer Arbeitgeber früher mal Physiker war – und dass er durchaus in der Lage ist zu verstehen, von was Pyrgus redet und wie das Portal gebaut werden müsste. Ein bisschen phantastisch ist es schon, aber Mr. Fogarty baut mal eben so ein neues Portal, damit Pyrgus wieder nach Hause kommen kann. Da Pyrgus aber auch nur ein Teenager ist, kann er es nicht abwarten, bis Mr. Fogarty alles richtig eingestellt hat – und benutzt das Portal aus lauter Ungeduld vorher und geht verloren …

Henry und Holly Blue

Midgardschlange aus einem isländischen Manuskript aus dem 17. Jahrhundert

Für ein Happy End ist alles erlaubt: Man kann sogar Loki und seinen Sohn, die Midgardschlange (hier aus einem isländischen Manuskript aus dem 17. Jh.) aufbieten und die beiden als Hilfsarbeiter dafür anwerben, dass Holly und Henry endlich zusammenfinden und glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben können.

Henry war derweil zu Hause. Als er am nächsten Tag wieder zu Mr. Fogarty kommt, findet er eine verschlüsselte Botschaft, in der der alte Mann ihn auffordert, nachzukommen ins Elfenreich. Zwischenzeitlich ist viel passiert: Pyrgus ist auf Normalgröße geploppt, verschwunden, der Elfenkaiser bei Mr. Fogarty aufgetaucht und beide sind ins Elfenreich gegangen, um Pyrgus zu suchen. Denn der ist nicht zu Hause angekommen. Henry soll ebenfalls helfen und so schnell wie möglich nachkommen. Er geht ebenfalls durch das Portal und landet irgendwo in einem unbekannten Gebäude.

Auf der Suche nach irgendwem trifft er auf ein badendes Mädchen, das sich als Prinzessin Holly Blue herausstellt – Schwester von Pyrgus, wunderhübsch und intelligent und eigensinnig – und Grund für eine fortan dauernde Scham von Henry, der sich unendliche Vorwürfe macht, dass er sie nackig im Bad gesehen hat. Es ist ihm todpeinlich!

Lovestorys

Eigentlich ist ja sofort klar, dass Henry und Holly Blue zusammengehören – aber die Lovestory braucht vier Bände, um zu einem Happy End zu führen: Gemeinsame Rettung von Pyrgus, Hirnmanipulation bei beiden (weil die Dämonen der Hölle (!) die Elfenwelt übernehmen wollen), Heiratsantrag von Holly und so weiter und so fort. Henry ist andauernd irgendetwas peinlich und Holly peilt meist nicht, dass man Henry ein bisschen sanfter anfassen muss.

Holly fordert Henry schon am Ende des dritten Bandes auf, im Elfenland zu bleiben und sie zu heiraten, schließlich ist bei ihm zu Hause auf der Erde alles doof: Seine Mutter holt ihre Geliebte ins Haus, der Vater benimmt sich schwach wie immer und hat außerdem eine neue Freundin, Henrys Schwester ist ein echtes Rabenaas. Keiner kümmert sich wirklich um den Teenie und seine Mutter glaubt immer, am besten zu wissen, was das RIchtige für Henry ist. Gefragt wird er sowieso nicht. Aber Henry schafft es nicht, einfach so wegzugehen: Er hasst seine Mutter, wie Holly richtig feststellt. Aber er liebt sie auch und aus diesem Dilemma kann er sich nicht so leicht befreien.

Dass die Henry und Holly doch noch zusammenfinden, liegt daran, dass sich am Ende alte Götter, Mönche und massive Krisensituationen „einschalten“. Sogar die nordische Midgard-Schlange wird beschworen, damit ein möglichst kitschiger Showdown möglich ist.

Aber nicht nur Holly und Henry und Henrys Mum und Anaïs knüpfen zarte Bande: Auch Pyrgus findet ein Mädchen, dass er toll findet und in das er sich verliebt. Henrys Vater fängt was mit einer sehr jungen Frau an. Und Mr. Fogarty trifft mit seinen über 70 Jahren eine Frau, die ihm Gefühle wie als Jungspund beschert (und sie auch erwidert). So finden in dieser Geschichte alle Töpfe ihre Deckel, wenn ich das mal so ausdrücken darf – und das ist toll, weil Alter, Geschlecht etc. einfach mal keine Rolle spielen.

Zeitfieber

Nach Hollys Heiratsantrag geht Henry wieder auf die Erde – und macht sich ohne Ende Vorwürfe, dass er zu feige war, seine große Liebe zu heiraten. Aber er fühlt sich verpflichtet, heimzugehen. Er kann nicht loslassen. Und so geht er zurück, für zwei lange Jahre, bis Pyrgus wieder auftaucht und von einer furchtbaren Krankheit berichtet, die das Elfenreich befallen hat: Alle Erkrankten altern rasend schnell, während wiederkehrender Fieberschübe. Auch Pyrgus hat die Krankheit und Mr. Fogarty. Der alte Mann liegt sogar im Sterben und will Henry noch einmal sehen.

Henry wechselt in die Elfenwelt – und sieht sich mit der traurigen Tatsache konfrontiert, dass der alte Kauz wirklich stirbt. Er will und kann das nicht glauben, weint und trauert – und landet plötzlich und unverhofft in einer Wüste. Hier kann er nach weiteren kuriosen Abenteuern seine Holly retten (oder sie ihn?) und beide führen gemeinsam das Elfenreich aus der Krise. Alles gut. Oder? Nein, denn eine gute Tat kommt noch, ganz zum Schluss …

Skurrile Geschichten aus dem Geschichtenland

Vielleicht liegt es an den Iren. Herbie Brennan, Eoin Colfer oder Derek Landy: Allesamt Iren, allesamt haben sie Geschichten veröffentlicht, die anders sind als vieles, was im Fantasy-Sektor auf dem Markt ist: Ob es das Skelett ist, das als Detektiv arbeitet und eine jugendliche Heldin ausbildet oder das Genie Artemis Fowl, der die hochtechnisierte Elfenwelt kennen lernt oder eben Henry, der ebenfalls Elfen trifft und erfährt, dass sie in einer Parallelwelt leben.

Allen gemeinsam ist die Vermischung von diversen Sujets und Ideen: Bei Brennan muss sich Henry etwa damit auseinadersetzen, dass auch Lesben Kinder kriegen und mit Männern verheiratet sein können. Artemis Fowl nutzt neueste Technologie, um ein altes Volk aufzuspüren – das sich dann als technisch weit überlegen herausstellt. Skulduggery Pleasant dagegen lebt fast wie Harry Potter neben der „normalen“ Gesellschaft der Nichtmagischen, ist tot und doch lebendig und Privatdetektiv, der die bestehende Ordnung schützen will.

Bild mit Kopf eines Außerirdischen, grün mit großen Augen

Die „grünen Männchen“ sind in Wirklichkeit Dämonen aus der Hölle – und ja: Sie entführen Menschen und untersuchen sie, um irgendwann mal die Herrschaft über Elfen- und Menschenreich an sich zu reißen. Zumindest hat sich Herbie Brennan das so ausgedacht.

Brennan toppt das meiner Ansicht nach noch: Er packt alles in eins. Etwa Elfen und UFO-Sichtungen: Neben der Elfenwelt und unserer Erde gibt es noch Hael, die Hölle. Dort leben Dämonen, die als Außerirdische getarnt Menschen zu Untersuchungszwecken in ihren Fliegenden Untertassen entführen (Area 54, remember??). Oder der Himmel, in dem Engel leben, die man genauso wie die Dämonen beschwören kann.

Gleichzeitig zeigt er aber auch mit den Elfen eine Gesellschaft, die anfangs in sich gespalten ist: Da gibt es die Lichtelfen und die Nachtelfen, jeder findet die anderen doof, minderwertig, dümmer und was weiß ich noch alles. Das Herrscherhaus gehört zu den Lichtelfen und Annäherungen gibt es kaum. Hörst sich an wie in der realen Welt. Das ändert sich erst, als Holly Blue Kaiserin wird. Sie stellt eine Gleichberechtigung her, Nachtelfen sind jetzt auch Beschäftigte im Staat, vorher undenkbar. Und als sie auch noch Herrscherin der Dämonen wird, bringt sie auch diese als gleichberechtigte Wesen in ihre Welt. Die Überwindung von Rassismus und Vorurteilen taucht an den unterschiedlichsten Stellen in den zig Seiten auf, eher unterschwellig, aber trotzdem ein schöner Zug.

Übrigens haben die Teenies, deren genaues Alter mal so, mal so zu sein scheint, hier wirklich Macht: Sie können heiraten, werden Kaiser, herrschen über Völker – und benehmen sich doch manchmal wie „richtige“ Pubertierende. Bockig, neidisch („Ich will auch einen Privatflieger“) und nicht wissend, wie das geht mit der ersten Liebe … und wie es ist, mit Tod, Scheidung und komischen Umständen umzugehen.

Insgesamt eine tolle Reihe, die ich trotz der ein oder anderen Langatmigkeit empfehlen kann.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Das Elfenportal
(Bd 1)
Der Purpurkaiser
(Bd 2)
Der Elfenpakt
(Bd 3)
Der Elfenlord
(Bd 4)
Autor Herbie Brennan
Seiten 403 359 418 436
Ausstattung Taschenbuch Taschenbuch Taschenbuch Taschenbuch
Verlag dtv junior extra dtv dtv junior extra dtv junior extra
Jahr 2008 2008 2007 2008

 


Fotos:
oben: © Bogdan/Wikimedia Commons – CC BY 3.0
mitte: © Jungpionier/Wikimedia Commons
unten: © Garrette/flickr.com – CC BY 2.0

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