chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Geschichten aus dem Tausend-Wunder-Wald

Neulich habe ich in irgend einem Magazin einen Beitrag darüber gelesen, wie ein Vater mit dem Fernsehverbot für seine Kinder umgeht. Nicht nur, dass er berichtete, wie die Kleinen ihn austricksen oder auch die Eltern ausmanövrieren, nein, er erzählte auch, wie die vierköpfige Familie manchmal da sitzt und den Fernseher laufen hat. Alle schweigen. Und neben dem Fernseher hat jeder eines der neuen tollen Geräte in der Hand: ein Tablet, ein Smartphone oder sogar beides.

Mir fiel beim Lesen des Artikels das Buch „Geschichten aus dem Tausend-Wunder-Wald“ von Erika Hübner-Barth ein, in der eine Familie auch jeden Abend vor dem Fernseher sitzt, bis der eines Tages kaputt geht. Und ich habe gedacht, dass es schön ist, wenn Bücher nichts an Aktualität verlieren und man sie auch noch nach Jahren lesen kann, ohne sie antiquiert oder sonstwie öde zu finden. „Geschichten aus dem Tausend-Wunder-Wald“ ist für mich so ein Buch: Als der Fernseher kaputt geht, wissen Vater, Mutter, Oma und Opa und sechs liebe Kinderlein nicht, was sie machen sollen.

Heute müssten in einer multimedialen vierköpfigen Familie wohl ein Fernseher, vier Smartphones und mindestens ein Tablet und ein Computer den Geist aufgeben, damit sich die Familie mal wieder wirklich unterhält. Eher unwahrscheinlich. Aber die Idee der Geschichte finde ich immer noch gut: Statt sich totalem Trübsinn zu ergeben und nur noch bei den Nachbarn abzuhängen, beschließen die TV-losen Menschlein, sich bis zu Reparatur des Fernsehers jeden Abend eine Geschichte zu erzählen. Jeden Tag ist wer anders dran und bis die „Kiste“ wieder funktioniert sind acht Geschichten erzählt.

Und so kommt es, dass die Familienmitglieder sich sehr unterschiedliche Geschichten erzählen, die aber doch mehr oder weniger in derselben Gegend spielen, nämlich in oder in der Nähe des Tausend-Wunder-Walds.

Der Tausend-Wunder-Wald ist ein Wald, der wahrschienlich irgendwo in Europa ist. Er ist schön groß und in ihm leben ein Indianerstamm, Fritzchen mit seiner Großmutter, eine Wildschschweinfamilie, alle möglichen Vögel und viele mehr. Es gibt auch einen verkleinerten afrikanischen Urwald, in dem eine kleine Sonne auf einer Palme sitzt. Dort ist es immer warm, wie es eben so in einem Urwald sein kann. Dort leben Haitutu, der Elefant und Daftalin, der Affe.

Asyl finden

Die erste Geschichte beginnt damit, dass ein Regenschirm, ein Huhn, ein Kater und ein mageres kleines Ferkel vor ihrer faulen, aber gefräßigen Herrin flüchten und Fritzchen kennen lernen, der sie aus dem Fluß fischt. Fritzchen freundet sich schnell mit den vier Gesellen an und lädt sie ein, bei ihm und seiner Oma zu leben. Fortan erleben die fünf unterschiedliche Abenteuer, von denen einige im Lauf der Abende auch erzählt werden.

Am zweiten Abend lernt der Leser die Tautau-Wuwu-Wawa-Indianer kennen: Ein Indianerstamm mit allem, was dazugehört, Häuptling, Medizinmann, Tipis etc. Vor allen Dingen lernt man aber den jüngsten Häuptlingssohn kennen, der unbedingt einen tollen Namen haben und nicht immer nur Petzi genannt werden will. Und so versucht er Heldentaten zu vollbringen, mit seinem Freund Fritzchen als Zeugen. Aber immer kommen ihm seine vermaledeiten Brüder in die Quere, die denken, er muss gerettet werden. Und dann gibt’s – das Buch ist aus einer Zeit mit anderen Vorstellungen zur Kindererziehung … – einen Po voll und der Häuptlingsvater verbietet solche Aktionen. „Knoten“ sagt er, und das heißt „Ende der Diskussion“. Aber Petzi schafft dann doch noch eine Heldentat und dafür bekommt er schließlich einen tollen Namen.

Der dritte Abend gehört dem kleinen Ferkel, Grammelchen mit Namen. Das gerät eines Tages in die Fänge des bösen Wolfes. Seine Freunde, das Huhn und der Regenschirm, retten die kleine Wutz. Und mit Hilfe von Otto Wildschwein kann der Wolf auch aus dem Tausend-Wunder-Wald verjagt werden.

Fernsehsucht im Wald

Otto Wildschwein ist auch der Initiator in der vierten Geschichte. Er kauft nämlich in der Stadt gegen ein paar gedörrte Pilze, drei Säcke Mais, ein paar Kartoffeln und ein Stück Gold den größten Fernseher, den es gerade so zu kaufen gibt. „Fernseh“ sagt er dazu und er kann auch alle Verkäufer und Kunden in dem Fachgeschäft überzeugen, dass er kein wildgewordenes Wildschwein ist, schließlich steht in seinem Ausweis“Otto Wildschwein, Tausend-Wunder-Wald, Unter Naturschutz“. Damit ist allen klar, dass Otto ein ehrenwerter Kunde und Geschäftspartner ist. Der Fernseher funktioniert übrigens prima im Wald, man braucht den Stecker nur in ein Astloch zu stecken und schon laufen die acht Programme (tja, das war eben vor Einführung von Privatfernsehen, Satelliten-TV und so fort).

Das Fernsehen wird für die Waldbewohner zu einem ebensolchen Suchtmittel wie für uns Menschen: Ganz oft hängen die Waldbewohner vor der Glotze. Die steht übrigens nur am ersten Abend bei Otto zu Hause, danach wurde sie in den verkleinerten afrikaniischen Urwald gestellt, und dort treffen sich alle zum gemeinsamen Gucken. Vor allem Krimis und Naturfilme haben es den Zuschauern angetan.

Und weil alle halbwegs fernsehsüchtig sind, wird es am fünften Erzähl-Abend richtig dramatisch: Die Waldbewohner haben nämlich vor lauter Fernsehen vergessen, dass in einer bestimmten Nacht eine sogenannte Wandelnacht ist. Die gibt es nur alle hundert Jahre und es ist enorm wichtig, dass in dieser Nacht an den vier Grenz-Eichen von vier Leuten gleichzeitig ein bestimmter Spruch gesagt werden muss. Passiert das nicht, dann wird der Tausend-Wunder-Wald zu einem gewöhnlichen Wald. Aber keiner hat auf den Kalender geachtet, vor allem nicht die Tautau-Wuwu-Wawa-Indianer, die dafür verantwortlich sind.

Zum Glück für alle hat Fritzchen an diesem Abend beschlossen, sich heimlich aus dem Haus und in den verkleinerten Urwald zu schleichen, um entgegen des Verbots der Oma auch den Krimi zu gucken, der an diesem Abend läuft. Er verläuft sich aber und bekommt so mit, dass vier Räuber planen, einen Gegenspruch an den vier Ecken des Waldes zu sagen, so dass der Wald auf  jeden Fall seinen Zauber verliert. Denn dann wollen sie seine Schätze ausbeuten, die Indianer in den Zoo verkaufen und ähnlich schreckliche Dinge. Aber Fritzchen kann den Häuptling der Indianer rechtzeitig informieren und vier junge Indianerpärchen mit Zeltarrest können die Bösewichter unschädlich machen.

Der verkleinerte afrikanische Urwald

Die sechste Geschichte erzählt, wie der Elefant Haitutu und sein Freund, der Affe Daftalin in den Urwald kamen: Sie wurden nämlich als Tierkinder in Afrika gefangen und in einen Zirkus gebracht. Dort mussten sie in Shows auftreten und den Zuschauern Kunststücke präsentieren. Sie fanden das eigentlich auch ganz okay, nachdem sie akzeptiert hatten, dass sie nicht in den Urwald zurück konnten. Aber ihnen fehlte ihre Familie. Eines Tages hatte Haitutu dann einen Unfall: Er stürzte vom Seil, aber nur, weil der Raubtierdompteur des Zirkus‘ ihm seinen Erfolg neidete. Der arme Dickhäuter brach sich die Beine – und wollte zum Sterben in einen Wald gebracht werden.

Und so wurden Daftalin und Haitutu von allen anderen Zirkustieren in den Tausend-Wunder-Wald gebracht, wo Haitutu hoffte, friedlich sterben zu können. Aber es kommt anders: Die Tiere des Waldes haben sein Unglück erfahren und helfen dem Elefanten und seinem Freund, indem sie die Kräfte des Waldes anrufen. Und der Wald, ja, der verändert einen Teil von sich in einen verkleinerten afrikanischen Urwald inklusive einer verkleinerten Urwald-Sonne auf einer Palmenspitze. Und auch Haitutu wird wieder gesund.

Hilfe in der Not

Eine Gruppe Feuerwanzen

Feuerwanzen laufen im Sommer überall herum – und sie heißen alle Heinrich!

Am vorletzen Abend wird die Geschichte von Maxls Land erzählt. Maxl ist eines der Kinder und in der Geschichte gehört ihm ein Stückchen Land in einem großen Garten. Diese Ecke sieht aus wie reinstes Unkraut, aber es ist einfach ein Stück Erde, auf dem alles wächst, wie es will – aber es ist trotzdem schön mit seinen Brombeersträuchern, den Winden, dem Brennesselbusch, der Kamille und dem Thymian und einer roten, roten Blume, die die schönste von allen ist. Außerdem lebt dort Emma Gießkanne, die schon etwas kaputt ist, aber Max mag sie nicht auf den Müll werfen. Auch drei Eidechsen leben in Maxls Land und jede Menge rote Feuerwanzen. Die Feuerwanzen heißen alle miteinander Heinrich – und das finde ich so toll, dass ich mittlerweile auch alle Feuerwanzen Heinrich nenne …

Eines Tages geht es Emma nicht gut und das wird jeden Tag schlimmer. Der Grund: Eine große Trockenheit ist gekommen und alle Pflanzen werden immer durstiger und durstiger und es soll erst in sechs Wochen wieder regnen. Emma schämt sich, dass sie als kaputte Gießkanne ihren Pflanzenfreunden nicht helfen kann. Und der Vater will nicht, dass Max sein Unkraut mit dem kostbaren Wasser aus dem Wasserhahn gießt. Da bietet die rote, rote Blume ihre Hilfe an – und es kommt heraus, dass sie einst eine arrogante, zickige, eingebildete Pflanze war, die aus dem Tausen-Wunder-Wald weggehen musste. Aber jetzt will sie helfen und erzählt Maxl, wen er im Tausend-Wunder-Wald um Hilfe bitten kann. Das ist nicht so einfach, weil die rote, rote Blume nicht mehr sehr beliebt in dem Wald ist, aber es klappt und am Ende haben alle genug zu trinken …

Heimkehr

Am letzen Abend ohne Fernseher erzählt schließlich der Opa, wie das schlaue Krokodil Hamidai sich von Afrika aus auf den Weg macht, um Haitutu und Daftalin zu suchen. Deren Familien sind immer noch ganz traurig, weil die beiden nicht mehr im Urwald leben und sie sie so sehr vermissen. Und da Hamidai ein äußerst gutes und freundliches Krokodil mit den allerbesten Manieren ist, reist er los. Er trickst einen Jäger aus, befreundet sich mit den unterschiedlichsten Menschen und schafft es wirklich, bis in den verkleinerten afrikanischen Urwald zu kommen und die beiden früheren Zirkusstars zu finden. Das Wiedersehen ist wunderbar, und noch wunderbarer ist, dass Haitutu und Daftalin endlich nach Hause fahren und ihre Verwandten wiedersehen können. Die Tausend-Wunder-Wald-Bewohner sind traurig, dass die beiden sie verlassen, freuen sich aber auch total für den Affen und den Elefanten.

Fantasie ausleben oder Fernsehen?

Und so enden die acht fernsehlosen Tage – und alle haben ihre Fantasie und ihren Grips angestrengt und sich tolle Geschichten ausgedacht. Und laut der Geschichte von Erika Hübner-Barth erzählt das eine Kind den kleinen Geschwistern (die eh nicht so viel gucken dürfen) weiter Geschichten.

Mir gefällt ja die Idee an sich: Einfach mal die Glotze aus (oder das Tablet, das Smartphone, der Computer …) und sich selber was ausdenken. Oder eine Geschichte weiterspinnen, im Sinne von, was wäre wenn der Held XY gemacht hätte. Das hätte gleich ein paar tolle Effekte: Man trainiert seine Fantasie, man spart Strom, man macht was Geselliges, man macht was gegen den (gerade von Wissenschaftlern festgestellten) Handy-Nacken, der über kurz oder lang bestimmt zu weiteren körperlichen Problemen führt. Und man guckte den anderen mal wieder öfter und länger ins Gesicht.

Aber abgesehen von der „Moral“: Ich mag die Geschichten aus dem Tausend-Wunder-Wald einfach. Mir gefällt der Erzählstil, eher einfach und unkompliziert, aber gefühlvoll und irgendwie mitziehend. Was das ausmacht, weiß ich auch nicht, aber ich konnte immer gut in die Geschichten „reinschlüpfen“. Manche Geschichte ist spannend, wie die, ob die Indianer rechtzeitig die Räuber daran hindern, ihre bösen Sprüche aufzusagen und den Wald zu retten. Oder wie Huhn, Katze, Schwein und Regenschirm fliehen.

Einzig die Geschichte von Grammelchen und dem bösen Wolf mag ich nicht so gern: Zu oft wird mir darin über das Stöckchen gesprochen, dass bei der Großmutter hinter der Tür steht und mit dem sie Schläge austeilt, wenn man sich nicht an die Regeln hält. Außerdem wird Grammelchen für meinen Geschmack doch als zu blöde dargestellt. Aber ich muss ja auch nicht alle Geschichten mögen und – wie schon gesagt – das Buch stammt aus einer Zeit, wo es eher „normal“ war, Kindern eine Tracht Prügel zu verabreichen.

Insgesamt gefällt mir, dass es oft darum geht, sich und anderen zu helfen. Um Freundschaft, wie bei Hamidai und Daftalin und darum, sein Leben lebenswert zu machen und auch, sein Leben inklusive Freud und Leid mit anderen zu teilen. Und auch darum (wie bei der roten Blume), zu erkennen, dass man etwas falsch gemacht hat und sich vornimmt, das zu ändern oder sogar wieder gut zu machen.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Geschichten aus dem Tausend-Wunder-Wald
Autor Erika Hübner-Barth
Seiten 270
Ausstattung Hardcover
Verlag Kriterion Verlag
Jahr 1985

Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.


Foto: © Tam/Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0

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