chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Das Mitternachtsvolk

Kay Harker aus John Masefields „Mitternachtsvolk“ ist ein Junge, der irgendwo in Großbritannien aufwächst. Eines Tages beginnt er, sich mit der Geschichte des Schatzes zu beschäftigen, den sein Uropa im Auftrag eines Kirchenoberen an Bord seines Schiffes nahm und der dann leider verloren ging. Aber nicht nur, dass er sich mit Leuten aus seinem Umfeld darüber unterhält: Nein, er bekommt Hilfe von Nibsel, der Katze, und Beißer, dem Fuchs, von einer hübschen, wenn auch etwas grimmigen Lady und sogar von seinem Urgroßvater persönlich, der ihm aus einem Bild entgegentritt.

Tagsüber schlägt er sich mit der strengen Gouvernante herum, doch sobald sie den Raum verlässt oder er frei hat, geht er fortan auf abenteuerliche Ausflüge. Und so kommt er dem Geheimnis des „Harker-Schatzes“ auf die Spur, lernt neue Leute und Freunde kennen und entdeckt auch noch ein übles Geheimnis.

Kay Harker, der kleine Hauptdarsteller, hat aus unbekannten Gründen keine Eltern mehr. Auf ihn passen drei Frauen auf: Ellen und Jane, die Hausangestellten, und seine gestrenge Gouvernante, Silvia Tausendschön. Das hübsche Fräulein unterrichtet Kay in allen Schulfächern, macht den Hausvorstand und versucht, den Jungen irgendwie zu erziehen. Natürlich mit den Methoden der damaligen Zeit, schließlich wurde das Buch erstmals 1927 veröffentlicht. Und so darf der Junge zuweilen ohne Abendbrot zu Bett gehen, wenn er sich „falsch“ verhalten hat – aber geprügelt wird er nicht von der holden Dame. Das, so hofft sie durchaus schon mal, könnte doch auch der Vormund des Jungen besorgen. Der kommt manchmal vorbei, lässt sich ein gutes Mittagessen und Tee und Kuchen vorsetzen und stellt dem Jungen ein paar Fragen, auf die er nach dem Willen der Gouvernante immer schön brav antworten soll.

Das ist einfach zu viel verlangt für einen kleinen Jungen, den man zwar versorgt, der aber einer fürsorglichen Liebe entbehrt und auch niemanden hat, den er als vertraut und zugewandt empfindet. Und so antwortet er zum Beispiel dem gestrengen Vormund auf seine Frage, ob er kein Interesse habe, den Schatz zu suchen, den sein Urgroßvater gestohlen habe, dass der Urgroßvater ein ehrenwerter Mann gewesen sei und ganz bestimmt nichts Unrechtes getan habe. Das verärgert den verschwitzten Gast und auch die Gouvernanter ist böse mit Kay.

Auf zur Schatzsuche

Trotzdem löst dieser Besuch und das, wenn auch unerfreuliche, Gespräch aus, dass Kay in der folgenden Nacht wach wird, sein Zimmer hell erleuchtet vorfindet und ihn Nibsel, eine der drei Katzen, auf eine Tour mitnimmt. Erst geht es durch die Geheimgänge im Haus und Kay erfährt, dass sich ab und an sieben Hexen im Haus treffen – und vor allen Dingen die Reste des Bratens wegfuttern. Kay und Nibsel stehlen zwei der Hexenbesen und besuchen Nibsels Freund Beißer, den Fuchs. Kay kann Beißer einen wertvollen Dienst erweisen, weil er mitbekommt, wie der Wildhüter in der Nähe von Beißers Unterkunft eine Falle auslegt.

Und dann reisen Katze und Junge weiter, hin zum Hexenhügel, wo sie erleben, wie sieben mal sieben Hexen und ihr Meister tanzen – und wie sich am Ende eine Siebenergruppe noch mit dem Meister unterhält. Kay hört, dass diese sieben Hexen die sind, die vorher in seinem Haus den Gänsebraten verputzt haben. Und er erfährt auch, dass die acht Leutchen nach dem Schatz seines Urgroßvaters suchen und der Chef – Abner Brown – der Ansicht ist, der Schatz gehöre ihm.

Damit fängt Kay endgültig Feuer und er beschließt, mehr über den Schatz und seinen Verbleib zu erfahren.

Schatzgeschichten

Bild eines Ostindien- und eines Westindienfahrers (Segelschiffe) von Reinier Nooms, um 1650

Mit solchen Schiffen fuhr man im 17. Jahrhundert nach Ost- und Westinidien – wobei Westindien ja in der Karibik liegt. Und hier wurde der Schatz gestohlen, den Kay Harkers Uropa für die Kirchengemeinde des (fiktiven) Santa Barbara retten wollte. Und wie so viele macht sich auch Enkel Kay auf die Suche nach dem Kirchengold.

Gleich am nächsten Tag – als er alleine im Schulzimmer sitzt und alle Formen des Verbs „pouvoir“ lernen soll – tritt ihm sein Urgroßvater aus seinem Portrait entgegen und nimmt ihn mit auf eine kleine Reise in seine Zeit. Kay sieht das ansehnliche Grundstück, wie es vor vielen Jahren aussah. Und sein Uropa erzählt ihm, wie das war mit dem Schatz, damals, als er nach Santa Barbara fuhr und der Erzbischof der Hauptstadt ihm das Kirchengold, die Reliquien und Schreine, anvertraute, als die Revolution begann. Wie er mit einer unzuverlässigen Mannschaft losfuhr, von sieben französischen Schiffen verfolgt wurde und wie dann die Mannschaft meuterte und ihn, den Kapitän, auf einer Insel aussetzte und sich mit dem Schatz aus dem Staub machte.

Der alte Mister Harker erzählt seinem Urenkel auch, dass er es nie verwinden konnte, den Schatz verloren zu haben. Wie er immer wieder losfuhr und versuchte, etwas über den Verbleib seines Schiffes, der „Plünderer“, zu erfahren oder über plötzlich reich gewordene Matrosen.

Fast jede Nacht wird Kay nun von dem grellen Licht in seinem Zimmer geweckt, immer kommt jemand anders vorbei und nimmt ihn mit: Die Wasserratte segelt mit der „Plünderer“ vorbei und fährt mit Kay nach Westindien, wo ihm ein paar Seejungfrauen erzählen, wie sie den Schatz gefunden haben und er von jemand anderem gestohlen wurde. Eine Lady mit grimmigem Lächeln nimmt ihn mit zu der Tochter des einen Meuterers, die Kay erzählt, wie auch ihr Vater, Sir Wrigger, nach dem Schatz suchte – ihn hatte das schlechte Gewissen gepackt, dass er seinen Kapitän damals mit ausgesetzt hat und er wollte sein unrecht wieder gut machen.

Immer mehr erfährt er, auch von den „realen“ Menschen wie etwa dem Küster, der seinen Urgroßvater noch gekannt hatte, als kleiner Junge. Und der ihm noch eine Geschichte erzählt über einen Abner Brown und Sir Wrigger, dessen Tochter der Junge ja schon kennen gelernt hat.

Je mehr nächtliche Abenteuer er erlebt, umso mehr weiß er über den Schatz und darüber, wie sich verschiedene Leute versuchten, den Schatz an sich zu reißen. Manche aus Habgier und Geldsucht, der Uropa, um das ihm anvertraute Gut wieder zurückzugeben. Manche einer, wie Sir Wrigger zuerst aus Habgier, später aus Lauterkeit, um ein Unrecht wiedergutzumachen. Und je mehr er erfährt, umso mehr will Kay den Schatz wiederbekommen und ihn auch der Kirche wiedergeben, der das Gold, die Edelsteine und die Figuren gehören. Aber auch Enkel Abner Brown ist wild entschlossen, sich des Goldes zu bemächtigen – und so wird es ein Rennen mit der Zeit: Wer wird zuerst da sein, wo der Schatz ist? Und wer kann ihn dann wirklich transportieren? Die Lösung kommt unerwartet: Ein Trupp Wächter findet und stellt ihn sicher, Wächter, die Kay gut kennen und die auf seiner Seite sind. Und so kann Kay am Ende der Geschichte einen Brief an einen Kirchenmann schreiben und darf auch erleben, wie Abner und Konsorten eine derbe Niederlage erleiden.

Und ganz am Schluss wird alles auch noch richtig gut: Seine Gouvernante geht und als neue Gouvernante kommt die Dame mit dem grimmigen Lächeln, die ihm gut ist und die ihn liebt. Und mit ihr ist er den lieben langen Tag glücklich.

Zweitschatz gesucht

Neben der ganzen Suche nach dem Schatz seines Urgroßvaters erfährt Kay von noch einem Schatz: Eines Sonntags beim Kirchgang fragt ihn ein Mann, ob er denn nicht auch nach dem Versteck eines Straßenräubers suchen wolle – schließlich habe der doch vor vielen Jahren eine Weile auf dem Grundstück der Harkers gewohnt. Und so macht Kay sich noch auf eine zweite Schatzsuche, an deren Ende er weitere Leute kennen gelernt und vor allen Dingen wirklich und wahrhaftig die bedeutendste Beute des Straßenräubers wiedergefunden hat: die alte Repetieruhr eines der Vorfahren des Nachbarn. Das wiederum führt dazu, dass er mit den Nachbarn besser bekannt wird, später dort Reitunterricht erhält und mit dem kleinen Sohn der Nachbarn spielt. So ergeben sich auch im ganz realen Leben für Kay neue Situationen, die seine Gesamtsituation verbessern.

Niemals nur böse

Was in Masefields „Mitternachtsvolk“ auffällt, ist die Tatsache, dass die meisten „Bösen“ doch auch immer einer andere Seite haben, irgend etwas, das sie auf den richtigen Weg zurückkehren lässt oder zumindest eine gewisse Einsicht ermöglicht. Sie sind keine hoffnungslosen Fälle. Ja, es gibt die unverbesserliche Hexe und auch den in mindestens dritter Generation bösen Abner Brown – da hilft nix, die sind einfach so. Aber selbst Galgenstrick Bilge, der Uropa Harker auf der Insel aussetzte und später selbst ausgesetzt wurde, bereut zwar nicht, ist aber so ehrlich, dass er seine Geschichte aufschreibt. Und sein Enkel, der böse Wildhüter, kommt in eine Erziehungsanstalt für Halunken, wo seine Talente gereinigt und gesäubert werden und er wieder auf den rechten Weg kommen kann. Sir Wrigger hat so viele Gewissensbisse, dass er sich auf den Weg macht und versucht, den Schatz wiederzubekommen, um ihn seinem alten Käpt’n geben zu können.

Das ist erfreulich, wie ich finde. Schließlich ist fast niemand in all seinen Wesenszügen nur böse oder total gut. Jeder hat von allem etwas und man kann sich – egal in welche Richtung – auch verändern. Und das wird den Charakteren vieler Bücher meiner Ansicht nach doch zu oft abgesprochen.

Mangelnde Fürsorge?

Kay Harker aus John Masefields „Mitternachtsvolk“ ist eines jener armen und am Ende glücklichen Kinder, die aus irgendwelchen Gründen in miserablen Verhältnissen leben und sich plötzlich in einem magischen Umfeld wiederfinden. Dort gibt es eine Menge Unbekanntes und Gruseliges, aber endlich auch Freunde und spannende Zeiten und am Ende eine Wendung zum Besseren. So erging es Harry Potter, der am Ende ein noch größerer Held, Besieger des Bösen und Mann von Ginny Weasley wurde. Bastian Balthasar Bux aus der „Unendlichen Geschichte“ findet ebenfalls in seinem freudlosen Leben, in dem ihn der Vater seit dem Tod der Mutter nicht mehr beachtet, einen Weg ins Fantasieland, das er erstarkt verlässt und dann endlich einen Zugang zu seinem Erzeuger finden kann. Und die Spiderwick-Kinder schaffen es mit ihrem Kampf mit den Kobolden zueinander Zutrauen zu finden, ihre Mutter als Kompagnon zu sehen und schließlich auch noch die alte Tante aus der Psychiatrie zu holen.

Magische Erlebnisse helfen, sich den Unbillen des Lebens zu stellen, magisches Know how oder Utensilien wie Unsichtbarkeitstränke und Zauberstäbe erleichtern es den oft hilflosen Kindern, das Böse in jeder Form zu besiegen oder auszutricksen. Und immer finden sich Freunde, die für die alleingelassenen Kinder enorm wichtig sind.

Allen gemeinsam ist, dass sich im Umfeld der Kinder kein engagiertes Jugendamt befindet, keine Mitarbeiter, die sich für das Wohl des jeweiligen Kindes einsetzen – von dieser Seite betrachtet erinnern die Geschichten traurigerweise an die Realität, die auch hierzulande manches Kind bitter erfahren muss. Leider ohne die Möglichkeit, in eine andere Wirklichkeit zu entfliehen und dem „Bösen“ die Stirn zu bieten und gestärkt aus dem Kampf hervorzugehen – mit wohlwollenden Menschen um sich herum.

Schön weglesen …

Im Klappentext heißt es, dass John Masefield in einer Gegend Großbritanniens aufwuchs, in der Geschichten über Schmuggel, Wegelagerei und auch Magie alltäglich kursierten. „Das Mitternachtsvolk“ soll voll sein von Anspielungen darauf und von Zitaten aus alten Liedern und Gedichten. Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich habe sonst nichts von Masefield gelesen. Aber ich hatte doch den Eindruck, dass die Geschichte eine wilde Mischung aus der Beschreibung einer vergangenen Zeit mit all ihren Facetten und einer Fantasygeschichte ist. Die Geschichte ist ein Husarenstück, durch das man ohne lange anzuhalten durchliest, was auch dadurch begünstigt wird, dass es keine zig Kapitel gibt – alles ist eine Geschichte. Und da der Stil auch schön leicht daherkommt, kann man das Buch mal eben so weglesen.

Und dann finde ich es auch gut, wie schon oben gesagt, dass keiner der Protagonisten einfach nur gut oder böse ist. Trotzdem das „Mitternachtsvolk“ eine Kindergeschichte ist, wird hier nicht die übliche Falle bedient, einfache Charaktere zu gestalten. Masefield schafft es, alle Wesen kurz und knapp darzustellen und trotzdem ihre Vielfalt nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Das finde ich super.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Das Mitternachtsvolk
Autor John Masefield
Seiten 260
Ausstattung Hardcover
Verlag Hobbit Presse/Klett-Cotta
Jahr 1989

Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.


Foto/Bild: © Reinier Nooms/Wikimedia Commons

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