chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Monatsarchive: März 2017

Metaphysik der Röhren

Es fängt gut an: ein Mädchen wird geboren, welches zuerst mit einer Röhre bzw. einem Schlauch verglichen wird. Schlauch, weil sie emotionslos alles isst, sonst keinen Mucks von sich gibt und auch kein gesteigertes Interesse an Emotionen hat. Also – oben rein und unten unkommentiert wieder raus. Dann hört diese Phase auf und mündet in einen ununterbrochenen Wutanfall. Monatelang andauerndes Geschrei ertönt aus der vormals friedlichen Röhre und treibt die Eltern fast in den Wahnsinn. Dann kommt Oma und gibt ihr Schokolade. Das Geschrei erstirbt abrupt und mündet in Äußerungen puren Genusses. Eins ist klar: Normal ist das nicht! 😉

Es geht dann auch völlig wahnwitzig weiter: Das kleine Mädchen fühlt sich als japanische Heilige (die Familie der Erzählerin lebt in Japan und ihr Kindermädchen dort verehrt das kleine Mädchen zutiefst), hat ein Nahtoderlebnis im Meer, hasst Karpfen, erfreut sich an jeglichem Wetter, vor allem aber an stürmischem, liebt das Wasser über alles und spricht – ohne der Familie etwas davon erzählen zu wollen – mehrere Sprachen fließend. Für alle anderen ist sie eine kleine süße Diplomatentochter, sie selbst sieht sich ganz unbescheiden als Göttin. Das ist das, wovon das Buch im Moment handelt. Versteht mich nicht falsch: Es ist verdammt gut geschrieben, es macht Spaß es zu lesen und so ein Geschichte kriegt man auch nicht jeden Tag in die Finger. Aber die Ich-Erzählung einer mehr als selbstverliebten Fast-Dreijährigen … das muss man abkönnen.

Ende gut, alles gut? Ich weiß nicht recht. Ehrlich gesagt, ging das Buch genauso weiter, wie ich es eingangs beschrieben habe. Das kleine Mädchen wuchs noch ein wenig, entdeckte die (scheinbare) Bedeutungslosigkeit des eigenen Seins, dadurch hervorgerufen, dass die anderen sie irgendwann nicht mehr wie eine Göttin behandelten, sondern wie ein ottonormales kleines Gör. Sie begann mit Schwierigkeiten und Missverständnissen zu kämpfen, erkannte die Vergänglichkeit der Dinge und dann – endete das Buch. Ohne Weltuntergang, aber auch ohne die (von Leserin und Protagonistin gleichermaßen ) erhoffte Erleuchtung. Das Buch war plötzlich einfach zu Ende. Und obwohl ich die Geschichte, die Erzählwelt sowie die Hauptperson sehr interessant fand und auch an der Sprache großen Gefallen fand, war ich enttäuscht. Das Fass, das zu Beginn auf faszinierende Weise mit dem seltsamen Start des Mädchens in ihr Leben (die Röhre, der lebende Wutanfall) geöffnet wurde, enthielt eine Art alkoholfreien Sekt.

Der letzte Satz des Buches lautet: „Dann ist nichts weiter passiert.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Metaphysik der Röhren
Autor Amélie Nothomb
Seiten 160
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Diogenes
Jahr 2002