chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Ich lese gerade: Futu.re

Dmitry Glukhovsky ist ja hauptsächlich aufgrund seiner Reihe Metro xxx bekannt geworden – und damit, dass er von Anfang an andere Autoren eingeladen hat, diese Reihe ebenfalls mit Leben zu füllen. Ich habe mich jetzt mal an den Wälzer Futu.re begeben und bin immerhin schon über Seite 200 hinausgelangt.

Immerhin? Und das bei mir, die ich ja durchaus schnell lese und auch gerne mal ein Buch an einem halben Tag verschlinge (wenn ich Zeit habe). Ja, denn für mich zieht sich die Geschichte so dahin, es fällt mir schwer, so richtig reinzukommen. Das liegt weniger an der Schreibe Glukhovskys, die ist zwar auch kein literarisches Aha-Erlebnis – aber das weiß ich ja mindestens seit Metro 2033. Nein, es ist die Geschichte an sich, die wohl nicht zu mir passt.

Futu.re spielt in ferner Zukunft. Europa ist eine riesige Megalopolis geworden, von Warschau bis Lissabon leben über 120 Milliarden Menschen in einer unendlichen Zahl von Türmen, die alle bis in den Himmel, über die Wolken reichen, selbst wenn die Wolken hoch fliegen. Viele haben nichts zu tun, sie genießen das Leben, wenn sie es können. Viele aber sind auch arm und versuchen, irgendwie ihr Leben zu fristen. Was die meisten eint: Die Menschen sind unsterblich geworden. Der Preis dafür ist (unter anderem), dass man nicht einfach so Kinder gebären darf. Es stirbt ja keiner mehr, alle sind um die dreißig. Ein Traum, der wahr geworden ist!? Eine Schwangerschaft muss also angemeldet und genehmigt sein.

Hauptperson ist ein Typ, dessen Name bis jetzt noch nicht so ganz klar ist, da er immer wieder einen anderen nennt. Er gehört einer Truppe an, die den Auftrag hat, illegale Kinder und deren Eltern aufzuspüren. Denn es gibt immer noch Menschen, die gerne ein Kind hätten oder die ohne viel Nachdenken ein Kind bekommen – und die wissen, dass sie eh keine Genehmigung erhalten werden. Diese Menschen werden ungeachtet ihres Standes aufgespürt und bestraft: Die Eltern bekommen eine Spritze, die den Alterungsprozess in Gang setzt. Dann ist es aus mit der Unsterblichkeit. Und die Kinder werden weggenommen, man weiß nicht, was mit ihnen passiert.

Als Leserin ahne ich aber schon, was los ist: Es gibt schon einige Rückblenden unseres Hauptprotagonisten in seine Kindheit in einem Internat mit lauter Jungs. Und als ich an der ersten Rückblende angelangt war, hatte ich das Gefühl, das alles in ähnlicher Form schon mal gelesen zu haben: Die Jungs werden drangsaliert bis zum Gehtnichtmehr. Im Schlafsaal leuchtet Tag und Nacht grelles Licht, keiner kann sich verstecken, um ein bisschen Dunkel zu haben, darf man sich nur eine Binde um die Augen wickeln. Manche Kinder bespitzeln andere. Es gibt „Besprechungszimmer“, aus denen die Jungs grün und blau geschlagen wieder herauskommen. Beim Morgenappell stehen Hunderte Jungs nackig vor den Lehrern und dem Obermacker. Größere Jungs machen kleinere Jungs fertig, indem sie sie prügeln oder sexuell missbrauchen. Manche Kinder müssen in die Gruft, von dort entkommt keiner mehr.

Wahrscheinlich sind das die, zumindest männlichen, illegalen Kinder … Wie in den meisten Geschichten nicht fürsorglich großgezogen, sondern mit Gewalt und Angst. Was dabei herauskommt, kann man in jedem billigen Schundpsychopseudofachbuch lesen. Und es ist ein beliebtes und mich mittlerweile langweilendes Mittel, Personen aufzubauen, Konflikte zu etablieren etc.

Doch damit nicht genug: Auch unser Kinderfinder hatte einen Feind im Internat, einen älteren Jungen, der ihm an die Wäsche wollte, dem er aber ein Ohr abgebissen hat und dem er entfliehen konnte. Und jetzt soll er einen Sonderauftrag annehmen. Ein hohes Tier hat ihn zu sich einbestellt und ihm einen Auftrag und eine Beförderung angeboten, wenn er einen Revoluzzer sowie dessen schwangere Freundin umbringt. Sonst bekommt sein alter Erzfeind den Job. Wie kann man da „Nein“ sagen?

Bei der ganzen Aktion geht (natürlich) alles Mögliche schief: Er hat nicht an wirklich alles gedacht, schließlich ist es sein erster Einsatz als Truppführer. Er schafft es nicht, den Revoluzzer zu töten, sondern lässt ihn laufen. Und zwischendrin muss er mitkriegen, wie sich der Rest seiner Truppe – allen voran der Erzfeind – auf die Freundin stürzen und sie auf’s brutalste vergewaltigen. Unserem Protagonisten zur Ehre sei gesagt, dass er das sofort unterbindet …

Mich reißen Geschichten wie diese nicht vom Hocker. Ja, man kann sich überlegen, wie es wäre, wenn alle unsterblich sind und was passiert, wenn sich keiner an die Regeln hält. Fände ich spannend. Aber wo holen Autoren dieser Geschichten die ganze Gewalt her? Was ist so toll daran, Geschichten zu schreiben, wo es alle paar Seiten darum geht, wer wen zusammengeschlagen hat, wer wessen Willen auf das Ekligste gebrochen hat? Und die ganze Kotze und Pisse, die dabei ausgeschieden wird, weil alle Angst haben. Oder detaillierte Beschreibungen darüber, wer was einer hilflosen Frau wo reinschiebt und wie laut sie schreit – oder auch nicht?

Vielleicht mag das der ein oder andere als gute Beschreibung sehen, was passiert, wenn die Verhältnisse so oder so sind. Intellektuell kann ich das nachvollziehen. Spaß beim Lesen habe ich dabei nicht. Ich habe vielmehr das Gefühl, man bekommt hier einen Gewaltporno untergejubelt, der alle paar Seiten in eine neue Szene übergeht. Das ginge auch anders, ohne den Inhalt der Geschichte zu ändern.

Man kann schließlich Gewalt auch weniger gewalttätig beschreiben und muss sich nicht benehmen wie seine Romanfiguren …

PS: Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Glukhovsky Gewalt nicht als Lösung für Konflikte ansieht. Wer mag, kann das in diesem Interview nachvollziehen.

 

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