chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Monatsarchive: Juni 2017

Neues Buchhoroskop für den Krebs

Trau dich, deine eigene Schale zu knacken!

So ein richtiger Krebs mag seinen Panzer ja. Er weiß, dass er ihn schützt und ihm Halt gibt. Leider ist der Panzer auch starr und wenig nachgiebig. Im richtigen Krebsleben müssen die Schalentiere deswegen bei drohendem Wachstum ihren Panzer abwerfen und sich einen neuen wachsen lassen.

Die Sternenkrebse dagegen können sich selbst entscheiden, ob sie ihren Panzer vielleicht etwas durchlässiger werden lassen oder auch mal wieder fester. Leider lernen kleine Krebse das nicht unbedingt – und dann sind da noch die Unbillen des Lebens, die jedes Sternzeichen beuteln und krebsartig werden lassen können. Aber wir sind ja lernfähig und können wie Mortimer Wittgenstein lernen: vielleicht doch mal gaaaanz vorsichtig den Panzer zu öffnen.

Lycidas von Christoph Marzi

Mortimer Wittgenstein lebt als kleines Kind in einem Kaff irgendwo in Schottland. Er scheint ein ganz normales Kind zu sein. Er hat so seine Aufgaben im Haushalt seiner Eltern, er spielt mit den anderen Kindern und er hat Sorgen und Freuden, so wie wir alle. Als er jedoch mit acht Jahren einen Eimer Wasser ins Haus trägt, ändert sich alles: er lässt den Eimer nämlich schweben. Das gesamte Dorf inclusive Eltern kann mit dieser reichlich merkwürdigen Situation nicht umgehen und beäugt den Jungen so abgeneigt, dass der sich in die umliegende Landschaft flüchtet und nie wieder heim will.

So ein Erlebnis allein kann einem Kind schon die Freude am Leben verhageln. Kann dem Knirps auf die harte Tour vermitteln, dass man nicht gewollt ist und dazu führen, dass sich so ein Kind in sich verkriecht, die Schotten dicht macht und einen ordentlich breiten Panzer um sich herum aufbaut.

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Der dreizehnte Monat

Ich habe dieses Buch von einer alten Freundin geschenkt bekommen, die beim Ausmisten ihre Bücher ein paar weggegeben hat und mir dieses Werk mit den Worten überreichte: „Irgendwie finde ich, es passt zu dir.“ Was sie genau damit meinte, weiß ich bis heute nicht, aber ich habe es gelesen und fand es sogar ganz gut. Aber fangen wir von vorne an:

Jason Taylor ist dreizehn Jahre alt, stottert, schreibt heimlich (sonst würden ihn alle anderen Jungs eine Schwuchtel nennen) Gedichte und wohnt 1982 im aller-aller-aller-langweiligsten Teil Englands. Hände hoch, wer mit ihm tauschen will. Hinzu kommt, dass er sich öfter mal mit seiner älteren Schwester in den Haaren hat, aber nicht so sehr wie seine Eltern sich einander. Außerdem versucht er, vor den beiden rivalisierenden Banden älterer Typen zu bestehen, ohne allzu sehr zwischen die Fronten zu geraten und all diese Dinge füllen sein Leben auch schon zur Genüge aus. Obwohl das alles ziemlich stramme Herausforderung ist, meistert Jason diese Baustellen erstaunlicherweise einigermaßen gut.

Und dann gerät alles etwas außer Kontrolle: Erst einmal wird die Stimmung zwischen seinen Eltern zusehends schlechter. Als nächstes verliert er immer mehr die Gunst der coolen Jungs. Plötzlich wird er auch noch als der geheime Poet, der immer anonyme Gedichte ans Gemeindeblättchen schickt, entlarvt – und das auch noch von der Chefredakteurin selbst. Diese entpuppt sich als Exil-Belgierin, ebenfalls der Lyrik verfallen und sehr gewillt, dem jungen Dichter noch etwas über den Umgang mit Worten beizubringen. Ganz nebenbei tauchen auch noch die ersten Mädchen auf, die plötzlich auch irgendwie immer interessanter werden …

Während Jason sich noch gar nicht entscheiden kann, ob er diese Entwicklungen jetzt gut oder schlecht finden soll (sowohl als auch wahrscheinlich oder: kommt drauf an), wird er langsam erwachsen. So erwachsen, dass ihm am Ende des Buches (im dreizehnten Monat) drei großartige Dinge gelingen: Erstens schwärzt er die übelsten Typen der Gangs, die ihn mittlerweile nicht nur nicht mögen, sondern richtig fertigmachen, auf grandiose Weise an. Zweitens verkraftet er die Trennung seiner Eltern und nähert sich wieder seiner Schwester an und drittens küsst er ein echt cooles Mädchen.

So banal die Story auch klingen mag – sie ist einfach sympathisch. Und nichts ist erleichternder als mitzuerleben wie sich der typische Präteenie Jason, dem alles recht ist, nur um auch zu den Coolen zu gehören, in einen vernunftbegabten Menschen verwandelt. Manche seiner Ansichten sind anfangs so befremdlich und doch so nachvollziehbar (Woher soll ein gerade den Kinderschuhen entwachsener britischer Kleinstadtjunge auch wissen, dass die doofen Argentinier auf den Falklandinseln es nicht verdient haben, ausgebombt zu werden. Oder dass schwul nicht gleichzusetzten ist mit armselig.) und werden im Laufe des Romans für Jason immer sinnentleerter. Zugegeben, er ist am Ende des Buches schon etwas zu reif und zu lässig für sein Alter. Und die Entwicklung dahin innerhalb eines Jahres zu vollziehen, mag sehr ambitioniert zu erscheinen. Aber man könnt es dem Jungen einfach so sehr. Und allein die Szene, in der er sein Kampf gegen die Schulmobber beginnt, ist den ganzen Roman wert.

Ach ja: dass ich hier ein paar Spoiler niederschrieb, ist mir bekannt und beschämt mich. Dennoch ging es nicht anders – ohne die hätte das Schreiben dieses Artikels schlicht keinen Spaß gemacht.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der dreizehnte Monat
Autor David Mitchell
Seiten 493
Ausstattung Taschenbuch
Verlag rororo
Jahr dt. Ausgabe 2007