chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Hanas Koffer

Kinderbücher aus der Nazizeit gibt es viele – das berühmteste dürfte nach wie vor „Das Tagebuch der Anne Frank“ sein. Ihr gelingt, was wohl die größte Schwierigkeit sein mag, wenn man über Kinderbücher den Schrecken des Holocaust vermitteln möchte. Einerseits will man die unfassbaren Ereignisse mit der nötigen Ernsthaftigkeit beschreiben und dabei nicht bagatellisieren. Andererseits gerade ganz junge Leser auch nicht verstören – was bei dieser Thematik nur allzu leicht wäre. Doch ein Leser, der Angst bekommt, wird eine solche Geschichte in der Zukunft wohl eher meiden. Und damit wäre das Gegenteil von dem erreicht, was die Erzähler erzielen wollten: ernsthaftes Interesse an und ein kritischer Blick auf die Geschichte.

Karen Levine versucht sich ebenfalls an diesem Balanceakt.  Sie erzählt die (wahre) Geschichte von Hana, die zusammen mit ihrer Familie aus der damaligen Tschechoslowakei erst in das Konzentrationslager Theresienstadt und anschließend in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wird.  Das Lager überlebt sie nicht.

Eine junge Frau,  die mit einer Gruppe Kinder, genannt die „kleinen Flügel“,  ein Gedenkprojekt an den Holocaust startet, kommt Hana auf die Spur.  Durch einen Koffer, den sie als Ausstellungsstück von der Gedenkstätte Auschwitz zur Verfügung gestellt bekommt, erfährt sie von der Existenz des Mädchens und macht sich auf die Suche nach mehr Informationen. Der Koffer setzt eine Kette der Entdeckungen in Gang . Auf dem Koffer steht nur Hanas Name. Die junge Frau und die „kleinen Flügel“ wollen aber mehr wissen, Hana kennenlernen und ein Gefühl dafür entwickeln,  wie sie gelebt hat.  Angestachelt durch den Wissensdurst der Kinder und ihre eigene Neugier schreibt sie Briefe, telefoniert und fährt nach Theresienstadt, um alles über Hana in Erfahrung zu bringen,  was nur möglich ist.

Was ihr Buch von vielen anderen unterscheidet, ist, dass die Geschichte teilweise in Japan spielt. Die junge Frau heißt Fumiko Ishioka, lebt in Tokio und bedauert sehr, dass die geschichtliche Aufarbeitung des Holocaust in Japan kaum stattfindet. Daher nimmt sie die Sache selbst in die Hand und stößt gerade bei ihrer ausgesuchten Zielgruppe, den Kindern, auf großes Interesse. Angestachelt von deren Begeisterung fliegt sie um die halbe Welt, um herauszufinden, was mit Hana passiert ist. Ihr Ehrgeiz führt zu guter Letzt zu einem unerwarteten Erfolg: Sie findet heraus, dass Hanas Bruder noch lebt, in Kanada zu Hause ist und nimmt Kontakt zu ihm auf. Über alle Maßen gerührt von der Anteilnahme am Schicksal seiner Schwester macht er bei dem Projekt mit – und besucht schließlich sogar die ganze Mannschaft in Japan.

Auch wenn das Buch unzweifelhaft für Kinder gedacht ist und daher in einer einfachen Sprache geschrieben wurde, schafft es eine schöne Atmosphäre. Die Charaktere sind glaubwürdig, allen voran Hana und ihr damals noch kleiner Bruder.  Ihre Biografie ist traurig und bestürzend, wird aber durch die Anstrengungen von Fumiko unterbrochen, ihre Geschichte ans Licht zu bringen. Das macht inmitten des ganzen Schreckens immer wieder Mut.

Fazit: es ist ein schönes Buch. Kindgerecht und außergewöhnlich, weil es die Brücke zu einem Land schlägt, das wir mit dem Holocaust selten in Verbindung bringen. Insofern regt es sogar dazu an, sich mal mit Japans Geschichte zu beschäftigen.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Hanas Koffer
Autor Karen Levine
Seiten 149
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Ravensburger
Jahr 2002
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