chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die Augen des Iriden

Der Vater ist ein verschollener Wissenschaftler, die Mutter daraufhin paranoid und überängstlich. Die erwachsene Tochter hat den Kontakt zu ihrer Familie längst abgebrochen und der 15-jährige Sohn versucht, den Verstand zu behalten. Das ist nicht unbedingt leicht, wenn der Vater ausgerechnet am 16. Geburtstag für tot erklärt wird. Mentale Unterstützung erhofft er sich von seiner Internet-Freundin, die jedoch auch so ihre Probleme hat. Das ist die – noch recht überschaubare – Ausgangslage im Fantasy-Teenager-Verschwörungs-Kriminalroman Die Augen des Iriden, die innerhalb weniger Kapitel und mit Anleihen aus der Popkultur und Religion, Verknüpfungen zur deutschen Nazi-Vergangenheit und Seitenhieben auf das eine oder andere aktuelle Gesellschaftsphänomen in ein chaotisches Potpourri kulminiert, das trotzdem irgendwie spannend ist. Und das sei an dieser Stelle schon einmal lobend zu erwähnen.

Schauen wir uns also die unterschiedlichen Bausteine, Personen und Spielorte einmal genauer an. Henry von Irides, oben genannter Teenager, der seinen Vater vermisst und das Haus nicht verlassen darf, fällt in erster Linie durch eine anatomische Besonderheit auf: Er hat ein blaues und ein braunes Auge. Valeska, seine Freundin, mit der er via Chat kommuniziert, weil sie in einem weit entfernten Internat lebt, hat scheinbar ebenfalls zwei verschiedenfarbige Augen. Allerdings hat sie keine Heterochromie wie Henry, sondern leidet unter Mydriasis – eine ihrer Pupillen ist dauerhaft erweitert, was die Farben ihrer Augen unterschiedlich erscheinen lässt.

Heterochromie_by_Jo_Noeske

Zwei unterschiedliche Augenfarben – da muss doch was dahinterstecken.

Plötzlich auf der Flucht

Henrys Routine aus Hausunterricht, Auseinandersetzungen mit seiner Mutter und zaghaften Flirts mit Valeska findet an seinem 16. Geburstag ein jähes Ende. Nicht nur, dass sein Vater offiziell für tot erklärt wird, plötzlich verschwindet auch noch seine Mutter und er selbst begegnet seinen Vorfahren, den Iriden, auf unübliche Weise: Eine junge, attraktive Hauslehrervertretung schenkt ihm ein Bild und ehe Henry „Danke“ sagen kann, befindet er sich schon mittendrin – im Gemälde. Dort empfängt er das Initiationsritus der Iriden, das ihn offiziell zum „Sehenden“ macht, was immer das sein mag. Danach wird er durch Raum und Zeit zurück nach Hause geschleudert, wo wenige Sekunden später Valeska vor der Tür steht. Diese hat in der Zwischenzeit ein geheimnisvolles Selbstmord-Video erhalten, ihr Schulkamerad hat sich erschossen und in ihrem Zimmer stand plötzlich eine Tasche, gefüllt mit Sturmhaube und Pistole (nicht irgendeine – es handelt sich um die Beretta des Amokläufers aus Winnenden. Warum auch immer.). Die Polizei sucht sie bereits, sie haute ab und kann Henry nun überreden, mit ihr zusammen nach Berlin zu flüchten, wo seine Schwester wohnt. Zusammen mit ihr erfahren die Teenies die ganze Wahrheit über die Iriden, ihre Fähigkeiten und ihre Geschichte von einem Freund seines Vaters. Und die hat es natürlich in sich.

Parallel dazu erleben wir eine illegale Party in Berlin, auf der systematisch halluzinogene Drogen verteilt werden, um damit irgendwelche Menschenexperimente durchzuführen. Wir erfahren , dass das eine der beiden It-Girls, die diese Parties veranstalten, die (scheinbare) Vertretungslehrerin von Henry ist und mit seiner Schwester in einer WG wohnt. Das andere It-Girl hat Vorfahren, die wegen ihrer Heterochromie (Aha!) von Dr. Mengele in Auschwitz ermordet wurden (Aha?). Beide erhalten jeweils eine äußerst drastische Drohbotschaft, streiten sich und gehen ihrer Wege. Der von It-Girl Nr. 1 führt direkt in die Arme der Polizei.

Die Polizei beschäftigt sich mit dem Selbstmord in Valeskas Internat, hält sie für eine potentielle Amokläuferin und wähnt sie irgendwie in der Nähe des It-Girls. Der ermittelnde Polizist vermutet außerdem einen Zusammenhang zu seiner Ex-Freundin, ihrer Doktorarbeit und einer gemeinsamen Reise nach Israel. Im Verlauf der Ermittlungen landet er mit It-Girl Nr.1 zuerst in einem Nobelhotel, dann bei den Teenies und wenige Stunden später in Jerusalem. Seine Ex-Freundin (und auch deren neugeborenes Kind) sind zu dem Zeitpunkt allerdings schon ermordet worden.

Die Teenager in Berlin sehen sich in der Zwischenzeit mit Bildern konfrontiert, die Todessehnsucht auslösen können oder Menschen mit Heterochromie in sich hineinziehen. Solche Bilder hat Henrys Mutter gemalt, der Freund von Henrys Vater hat sie versteckt und nun sollen sie von einer geheimnisvollen Verschwörungstruppe verwendet werden, um die Menschheit zu versklaven.

In Jerusalem nehmen It-Girl Nr. 1 und der Polizist halluzinogene Drogen, um auch mal in solche Bilder gesaugt zu werden. Diese gibt es in Jerusalem zu Hauf und auch noch aus wahrhaft biblischer Vorzeit. Haha. Bei ihren Bilder-Trips erfahren der Polizist und das It-Girl, dass Adam und Eva ebenfalls Iriden waren. Neben dem Blick in die Vergangenheit gelingt ihnen auch noch einer in die Zukunft, der ihnen verrät, dass Henry und seine Familie/Freunde ziemlich bald bei einem Flugzeug-Unfall sterben. Die nämlich werden plötzlich nach Brasilien geschickt, weil a) Henrys Vater noch lebt und in Brasilien in einer Art Folterknast festgehalten wird und b) auch Valeskas Vater (der die ganze Zeit in Japan weilte, was aber keinen Einfluss auf die Geschichte hatte) dorthin gebracht werden soll. Gottseidank haben der Polizist und das It-Girl Telefon, mit einem Anruf scheuchen sie Henry und sein Gefolge aus der Wartehalle des Flughafens, bevor ein Flugzeug dort hineinkracht. Valeskas Vater stirbt dabei trotzdem, macht aber nix. Einen Monat später sitzen alle zusammen, stellen fest, dass der Kampf gegen die Verschwörer noch nicht vorbei ist und schwören einander, nicht aufzugeben. Ende.

Wie bitte?

Verwirrt? Zu recht. Wer dieses Buch nicht ohne abzusetzen liest, ist schnell aufgeschmissen, denn pro Seite werden einem gefühlt drei neue Wendungen, Handlungsstränge oder Personen um die Ohren geschleudert. Zugegeben, das mit dem dranbleiben ist mir nicht ganz gelungen, deswegen bin ich vielleicht nicht immer mitgekommen. Aber das, was ich gelesen und kapiert habe – das allermeiste des Buches dann doch – war total gaga, albern, spannend, beknackt und stellenweise ganz schön brutal. Letzteres betrifft zum Beispiel eine an die Wand genagelte Katze oder eine Mutter und ihr Baby, die kurzerhand in die Luft gesprengt werden.

Aufgelockert wird die Geschichte durch viele Songzitate von David Bowie, denn Valeska und Henry sind große Fans. Ebenso nett sind Seitenhiebe zum Beispiel auf Dan Brown, was angesichts all der bewegten Bilder und der Bibelei nur Selbstironie sein kann …

Feststellen muss ich zunächst: weniger wäre mehr gewesen. Die ganzen Drehungen und Wendungen, das hohe Tempo und die teilweise doch sehr skurrilen Story-Elemente wirken insgesamt etwas konfus und spätestens am Ende fragte ich mich, ob der letzte Knalleffekt wirklich noch sein musste. Die vielen Stränge machen es einem auch schwer, mit den Charakteren so richtig warm zu werden. Das ist schade, denn ich glaube, dass die einiges mehr hergeben würden.

Trotzdem ist die Geschichte durchaus fesselnd und auf jeden Fall ungewöhnlich. Wer David Bowie mag, wird an den Songzitaten seinen Spaß haben. Ein bisschen Love ist auch dabei, ebenso wie eine gute Portion Familiendramatik. Väterliche Freunde und ehrbare Polizisten treffen auf nihilistische Teenager und mörderische Bilder – die vielen durchgeknallten Konstellationen haben einen gewissen Charme. So was muss man sich erstmal ausdenken. Bzw. gut zusammenklauen.

Schade, weil …

Das ist nämlich leider ein weiterer Nachteil des Buches: Es wirkt alles wie eine Collage aus Schonmaldagewesenem. Bei allen wirklich interessanten Elementen wie der Heterochromie oder den manipulativen Bildern gibt es einfach zu viel, das einem bekannt vorkommt: verrückte Wissenschaftler, Verschwörungen, Nazis … das ist trotz des netten Wiedersehensgefühls teilweise echt ganz schön ermüdend.

Der dritte große Nachteil ist: dem Buch fehlt der Stil. Es ist nicht unbedingt schlecht geschrieben, aber die Sprache hat leider überhaupt nichts eigenes. Und das ist ärgerlich, denn davon lebt ein Buch. Mit einer Handschrift, die ein bisschen spezieller, ein bisschen eigener wirkt, hätte das Buch viel gewonnen. Durch die irgendwie neutrale Schilderung der Ereignisse ist das Lesen nämlich einigermaßen mühsam. Und das tut der turbulenten Geschichte gar nicht gut.

Kurz gesagt, ist es schwer zu sagen, was ich von dem Buch halte. Eigentlich ein Buch, das man lesen kann. Am besten, wenn man gerade viel Freizeit hat. Und Lust auf eine total wahnwitzige, in Teilen aber launige Story hat, die zwar mit vielen spaßigen Einfällen aufwartet, dafür aber ziemlich einfallslos geschrieben ist. Klingt vielleicht undurchsichtig, aber ein besseres Fazit kann ich, ehrlich gesagt, an dieser Stelle nicht liefern …

Allerdings brennt mir nach der Lektüre immer noch eine Frage auf der Seele: Was ist eigentlich aus Pommes und Mayo geworden?

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die Augen des Iriden
Autor Maja Loewe
Seiten 353
Ausstattung Taschenbuch
Verlag papierverzierer
Jahr 2015

Foto: © Jo Noeske

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: