chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Dr. Sleep von Stephen King

Ein kleiner Junge, ein cholerischer, suchtkranker Vater und ein Hotel inmitten von einsamen Schneebergen. Von welchem Horror-Klassiker ist hier die Rede? Richtig, es geht um den fiesen Schinken Shining und den liebenswürdigen Danny mit der titelgebenden Gabe. Die ihm in der Fortsetzung Dr. Sleep beinahe zum Verhängnis wird.

Damals …

Doch fangen wir von vorne an und erinnern uns: Danny verbringt den Winter mit seinen Eltern im verlassenen Overlook-Hotel irgendwo im bergigen Nirgendwo. Sein Vater macht hier in der Off-Season den Hausmeister und versucht nebenbei, endlich wieder einen Roman zu schreiben und seinen Alkoholismus zu überwinden. Das alles macht zunächst einen hoffnungsvollen Eindruck, der allerdings nicht lange anhält. Der kleine Danny trifft bei seinen Streifzügen durch das einsame Hotel auf ehemalige Bewohner – die leider alle auf gewaltsame Art ums Leben gekommen sind – und sein Vater wird in Anwesenheit eines ebenfalls geisterhaften Barkeepers rückfällig. Als er daraufhin nicht nur seinen alten Jähzorn wiederentdeckt, sondern regelrecht mordlüstern Jagd auf seine Frau und seinen Sohn macht, entdeckt dieser aus seiner Not heraus seine außergewöhnliche Fähigkeit. Er besitzt das Shining, was einerseits bedeutet, das er tote Menschen sehen kann. Andererseits kann er telepathischen Kontakt zu anderen Menschen, die die gleiche Gabe besitzen,  aufnehmen. So geschieht es mit dem Hotelkoch des Overlook-Hotel, Dick Hallorann, der sich zur Ankunftszeit der Familie gerade auf den Weg in die Winterferien macht. Als Dannys Vater gegen all seine guten Vorsätze verstößt und seine Familie umbringen möchte, nimmt Danny telepathischen Kontakt zu Hallorann auf, der sich sofort auf den Weg macht, um zu retten, was zu retten ist. Das Ende vom Lied ist ein toter Vater, eine traumatisierte Mutter mit ihrem verstörten Sohn sowie ein schwerverletzter Hotelkoch.

… und heute

In Dr. Sleep ist Danny nun erwachsen. Auch er hat es mit guten Vorsätzen nicht so leicht. Obwohl er sich von Kindheitsbeinen an schwor, nicht wie sein Vater zu werden, ist er auf dem besten Weg dorthin. Zwar ist er weder verheiratet, noch hat er Kinder, aber er säuft wie ein Loch und hat dadurch seine Finanzen auch nicht unbedingt unter Kontrolle. Eines Morgens wacht er mal wieder neben einer Frau auf, an deren Namen er sich nicht erinnert. Ihm ist schlecht, er ist blank und das einzige, das er noch weiß, ist, dass sie von seiner ganzen Kohle eine gewisse Menge Koks gekauft haben. Beim Aufstehen ignoriert er gekonnt das sichtlich vernachlässigte und misshandelte Kleinkind, das sich sehr für die Überreste der Drogen interessiert, klaut seiner Liebschaft lieber das letzte Geld und geht stiften.

Für dieses Erlebnis schämt Danny sich entsetzlich und bekommt es nicht mehr aus dem Kopf. Begleitet von diesem Schock tingelt er eine Weile ziellos von Stadt zu Stadt, bis er schließlich im kleinen süßen Städtchen Frazier landet. Long story short: er begegnet dort Menschen, die ihm helfen möchten, er bekommt einen Job, eine Wohnung und lebt alkoholfrei. Alles ganz friedlich.

Das Shining kehrt zurück

Der Frieden wird gestört, als das Shining wieder einsetzt. Relativ unangekündigt entwickelt Danny langsam aber unaufhaltsam eine telepathische Freundschaft zu einem Mädchen namens Abra. Diese hat die gleiche, wenn nicht sogar viel stärkere Gabe wie Danny und weckt in ihm demzufolge Erinnerungen und Empathie. Denn Danny erinnert sich nur zu gut daran, dass das Shining nicht nur schöne Erlebnisse mit sich bringt.

Aber die Menschen mit Shining stehen einer noch größeren Gefahr gegenüber: Dem Wahren Knoten, eine Art Club, der mit riesigen Wohnmobilen durch die Staaten zieht. Diese Bösewichter sind halb Mensch, halb Vampir und saugen die mit der Gabe des Shining gesegneten Leute förmlich aus. Der Wahre Knoten nennt das Shining allerdings Steam und sie ernähren sich nicht nur davon, sondern werden durch das übersinnliche Zeug unsterblich und stark und schön. Kein Wunder, dass damit auch sie zu den Anhängigen dieser Geschichte gehören. Dieser Knoten kriegt jedenfalls Wind von Abra und will sie haben. Die wiederum nimmt Kontakt zu Danny auf und als sich die beiden endlich wirklich kennengelernt und miteinander verbündet haben, beginnt der Kampf.

Bis wir soweit sind, ist schon locker das halbe Buch durch. Mit anderen Worten: bei Dr. Sleep zeigt Stephen King mal wieder, was er am besten kann – Menschen und Milieus erschreiben.

Das ist King!

Seite um Seite hadern wir mit Danny und seiner Alkoholsucht. Erst sehen wir hilflos mit an, wie er vor die Hunde geht (und versuchen noch gedanklich, ihn davon abzubringen, der Frau und dem Kind das Geld zu stehlen), dann bangen und beten wir, dass er den neuen Job mit dem netten Kollegen nicht gleich wieder an die Wand fährt und später erfreuen wir uns an seiner Nüchternheit, an seiner sauberen Wohnung und an jedem Moment, in dem er in Versuchung gerät und stark bleibt. Wir vermissen mit ihm seine Mutter, die gestorben ist, und auch seinen Vater, an den er verständlicherweise äußerst ambivalente Erinnerungen hat. Wir lernen Danny eben durch und durch kennen. Genauso verhält es sich mit Abra und ihrer Familie, die mit den seltsamen Fähigkeiten der kleinen zunächst gar nichts anfangen kann. Auch Dannys Freunde und Kollegen, seine Arbeitsplätze (ja, er wechselt zwischendurch nochmal, aber freiwillig), überhaupt die ganze Stadt wird uns so nahegebracht, als würden wir selbst um die Ecke wohnen und jeden Tag mit den Leuten einen Schnack halten.

Die Story selbst ist dabei fast nebensächlich: eine klassische Katz-und-Maus-Geschichte ohne große Schnörkel. Es ist wenig Geheimnisvolles dran – wie so oft bei King ist das Monster eben da und muss nicht durch die undurchsichtige Vergangenheit eines der Protagonisten erst beschworen werden. Der Wahre Knoten wird in all seiner Grausamkeit recht zügig erklärt, so dass lediglich Danny und Abra als seine Gegenspieler etwas länger benötigen (gerechnet in Buchseiten), um zu begreifen, was die verrückten Camper vorhaben. Der Teil des Buches, in dem die gegenseitige Jagd dann stattfindet und im unvermeidlichen Countdown mündet, ist angenehm spannend, fies und zum Teil humorvoll erzählt, lenkt jedoch nicht von den sozialen Konstellationen ab, die sich während der Geschichte entspinnen und im Grunde genommen viel interessanter sind. Da ich die Einzelheiten aus Shining übrigens nicht mehr alle auf dem Schirm hatte, habe ich mich auch sehr gefreut, zu Beginn des Buches wieder sanft an Danny, seine Familie, dem Shining, den Erlebnissen im Hotel Overlook und Dick Hallorann herangeführt worden zu sein.

Ein Meisterwerk ist das Buch aber nicht: dafür ist das kleine Mädchen ein bisschen zu smart, zu flott und zu nett und der Bösewicht, dadurch dass er ja aus mehreren Personen besteht, ein bisschen zu unübersichtlich und nicht so richtig griffig. Abgesehen davon, dass ich den Namen Der Wahre Knoten total bescheuert finde. Aber das Wiedersehen mit dem schüchternen Danny (der damals in seiner nerdigen Einsamkeit einfach eine Nuance cooler war als seine Nachfolgerin Abra) macht das alle Male wieder wett. Unterm Strich macht das alles Dr. Sleep zumindest für meinen Geschmack zu einem wirklich feinen, runden Stephen-King-Roman. 

Ach, und noch ein Plus: Das Buch selbst ist herrlich voluminös und mit Hardcover genau die Sorte Lesestoff, die einem abends im Bett nicht aufs Gesicht fallen sollte. 

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Dr. Sleep
Autor Stephen King
Seiten 704
Ausstattung Hardcover
Verlag Heyne Verlag
Jahr 2013

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: