chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Der Junge im gestreiften Pyjama

Neulich hatte ich mehr durch einen Zufall dieses ziemlich bekannte Buch in die Hände bekommen. Ich hatte viel von dem Buch gehört, nicht zuletzt durch die Verfilmung aus dem Jahr 2008, die überwiegend gut besprochen wurde. Trotzdem hatte ich das Buch nicht unbedingt auf dem Zettel und schon gar nicht vor, es zu lesen, bis mir meine Mutter das Buch irgendwann zwischen Tür und Angel in die Hand drückte.

Die Geschichte handelt von Bruno, einem neunjährigen Jungen, der Anfang der vierziger Jahre in Berlin aufwächst. Er lebt mit seiner Familie (Vater, Mutter und eine etwas ältere Schwester, die „ein hoffnungsloser Fall“ ist) zwar mitten im Zweiten Weltkrieg, ist davon aber relativ unberührt. Wohlbehütet verbringt er seine Zeit mit seinen besten Freunden und damit, die Welt – also das große Familienhaus und die umgebenden Straßen – zu erforschen.  Auch wenn seine Schwester nervt und sein Vater manchmal etwas überkorrekt ist, könnte es Bruno eigentlich nicht besser gehen.

Der Umzug

Umso härter trifft ihn der Schlag, als er erfährt, dass seine Familie umziehen muss. Grund hierfür ist ein mysteriöser Besuch des „Furors“ (wer das Wort mit Betonung auf der ersten Silbe einmal laut ausspricht, müsste wissen, wer hiermit gemeint ist). Der Furor hat offensichtlich Großes mit Vater vor, denn die neue Stelle, derentwegen sie umziehen müssen, ist ein Angebot, das man nicht ablehnen darf. Selbst die Mutter kann den Umzug nicht verhindern, obwohl sie offenkundig nicht begeistert von allem ist.

Der Anblick des neuen Zuhauses lässt Bruno direkt alles aus dem Gesicht fallen. Anstatt der hochherrschaftlichen Villa, die er aus Berlin kennt, wartet ein grauer rechteckiger Klotz auf ihn. Drumherum ist nichts – keine Läden, keine Cafés und Restaurants und auch keine anderen Kinder. Nur Soldaten und Personal. Das Personal, das bemerkt Bruno schnell, verhält sich anders als in Berlin – es wirkt irgendwie ängstlicher, verhuschter und spricht mit ihm und seiner Familie nur, wenn es unbedingt sein muss.

Der Zaun

Und dann ist da noch dieser Zaun. Direkt gegenüber verläuft er, besteht in der Hauptsache aus Stacheldraht und scheint eine Art riesige Farm zu umranden. Bruno und seine Schwester können sich keinen Reim darauf machen, bemerken aber eines Tages Menschen auf der anderen Seite des Zauns. Bruno grübelt und grübelt, traut sich aber auch nicht so richtig, nachzufragen. Zum einen, weil sein Hauptthema immer noch die schnelle Rückkehr nach Berlin ist und zum anderen, weil die Atmosphäre insgesamt ihm überhaupt nicht behagt. Also beobachtet und lauscht er lieber erst einmal.

Vereinzelte Ereignisse lassen ihn immer mal wieder stutzig werden, zum Beispiel,  dass der Kellner, der seine Familie rund um die Uhr bedient, in Wirklichkeit Arzt sein soll. Oder dass die Menschen in den gestreiften Klamotten, die hinter dem Zaun zu sehen sind, nie in die Nähe seines Hauses kommen – und wenn doch, dann nur in Begleitung von Soldaten. Dass seine Mutter gerne und immer öfter zum Sherry, ihrer „Medizin“ greift. Doch auch wenn Bruno sich immer mehr wundert, kann er gar nicht begreifen, was die Leser*innen längst wissen: dass sein Vater Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz ist.

Der Freund

Neben der ganzen Grübelei tut Bruno vor allem eins: sich langweilen. Er bekommt zwar mittlerweile zu Hause Unterricht (keine spannende Literatur, sondern vor allem Geschichte), hat aber noch immer keine Spielkameraden und meistens nichts zu tun. Als er seine Streifzüge durch die Umgebung etwas ausdehnt, trifft er Schmuel. Schmuel ist auf den Tag genauso alt wie er, er ist etwas verschlossen, aber nett und trägt einen gestreiften Pyjama. Und: er wohnt auf der anderen Seite des Zauns.

Sehr zaghaft freunden sich die beiden im Laufe des folgenden Jahres an. Es ist eine merkwürdige Freundschaft, denn sie spielen nie miteinander oder besuchen sich gegenseitig, sondern sitzen immer nur auf ihrer jeweiligen Seite des Zauns und reden durch den Stacheldraht hindurch. Und obwohl sie die ganze Zeit reden, erfährt Bruno gerade mal Bruchstücke über das Leben seines Freundes im Lager. Nur ganz allmählich begreift er, dass das Leben dort nicht so schön ist, wie er es sich vorgestellt hat. Er sieht, dass Schmuel sehr dünn und immer hungrig ist und bringt ihm daher was zu essen mit. Er merkt auch, dass Schmuel oft traurig ist, aber er traut sich nicht nachzufragen. Schmuel selbst möchte auch nicht so recht von sich erzählen und so sind ihre Gespräche voller Andeutungen, bleiben vage. Trotzdem entwickeln die beiden tiefe freundschaftliche Gefühle füreinander. So tief, dass die Nachricht, Bruno werde mit seiner Schwester und seiner Mutter wieder nach Berlin zurückkehren, ihn gar nicht so fröhlich stimmt, wie er gedacht hätte. An seinem letzten gemeinsamen Tag mit Schmuel möchte er daher etwas Folgenschweres unternehmen.

Das Buch

Das Ende des Buches werde ich verschweigen, so wie es sich für eine Besprechung gehört.  Nur so viel: es hat mich wirklich aus den Schuhen gehauen. Überhaupt hatte ich nicht erwartet, wie sehr mich dieses Buch emotional beschäftigt. Bücher, insbesondere Kinderbücher, über den Holocaust sind nie leicht zu verdauen, das bringt das Thema mit sich. Ich glaube, ich habe das schon einmal in dem Bericht über Hanas Koffer bemerkt. Kinderbücher über den Holocaust sind auch immer ein Balanceakt, weil die meisten Schriftsteller*innen einerseits versuchen, den Horror nicht zu verharmlosen oder weichzuzeichnen und anderseits behutsam davon berichten möchten.

John Boyne hat hier einen einfachen wie raffinierten Kniff angewendet: Er präsentiert einen Protagonisten, der überhaupt nichts von all diesem Gräuel ahnt und schildert den Holocaust durch die ungläubigen Augen eines Kindes. Bis zum Schluss gibt es keine Beschreibungen, sondern bestenfalls Andeutungen von Erschießungen, Verhaftungen oder Deportationen. Mit Bruno entfaltet sich das Dritte Reich als merkwürdige, zwiegespaltene Gesellschaft, die etwas Großes zu verschweigen scheint. Das macht nichts besser oder versöhnlicher, die Tragweite des Ganzen begreift man als Leser*in aber erst, wenn man schon eine Menge Vorwissen hat – oder jemanden nach den Hintergründen fragt. Das macht es quasi unvermeidlich, das Lesen dieses Buches zu begleiten.

Interessant fand ich außerdem, dass ich mich mit dem Protagonisten Bruno sehr schwer getan habe. Er ist ein verwöhntes, überbehütetes und ziemlich arrogantes Berliner Kind, das nichts von dem Chaos, das in der Welt herrscht, mitbekommt. Letzteres ist eigentlich von seiten der Eltern verständlich, aber wenn der Junge vor dem KZ steht und die inhaftierten Kinder beneidet, weil die ja alle Spielkameraden haben, dann bleibt einem schon die Spucke weg. Bruno ist definitiv auch kein Held. Er ist ichbezogen, halsstarrig und trotz seines Alters hoffnungslos naiv. Kein Charakter zum Liebhaben, aber einer, der glaubwürdig ist und einem einen neuen, anderen Blick auf die Zeit des Dritten Reichs ermöglicht.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der Junge im gestreiften Pyjama
Autor John Boyne
Seiten 266
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Fischerverlag
Jahr 2006 (1. Auflage)

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