chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.

AAAAAahhhhhh. Mistmistmist …, um mal ein Quasi-Rincewind-Zitat abzugeben … Was Mist ist? Ich bin mit diesem Buch fertig. So was Doofes. Erst hatte ich Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O. angefangen zu lesen und es dann zur Seite gelegt. Ganz mit Absicht. Denn schon die ersten Seiten haben mir gut gefallen, das Thema war sehr spannend, ich hatte die begeisterte Empfehlung eines Freundes im Ohr und da dachte ich: Nein, jetzt lese ich erstmal die anderen Bücher, die so rumliegen, und hebe mir den D.O.D.O. für später auf. So wie die leckere Schokolade oder sowas. Zwischen- und Vorfreude genießen, mjamm.

Naja, und dann waren die anderen Bücher gelesen, die, die immer noch rumliegen, nicht sooo interessant, also gönne ich mir ein Häppchen. Und noch eins. Morgen nochmal. Naja, ihr kennt das ja: Irgendwann kommt der unweigerliche Moment, in dem einen das leere Stanniolpapier beziehungsweise der Buchrücken anstiert und sagt, nuja, das war’s wohl. Viele Spaß in deinem restlichen Leben. Ha!

Das Gute daran ist, dass ich euch jetzt das Buch empfehlen kann, und zwar entgegen aller sonstigen Gepflogenheiten gleich jetzt: Wer sich also für Physik, Hexerei und Zeitreisen interessiert, bitte Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O. lesen. Ein bisschen (aber nur ein bisschen!) Liebe kommt auch vor, dafür jede Menge Geheimhaltung, Geheimorganisation, mehr oder weniger zickige Hexen und interessante Jobs, an die man bisher noch nicht gedacht hat …

Und worum geht’s nun? Um „D.O.D.O.“, das „Department of Diachronic Operations“. Darum, wie ein junger Typ namens Tristan Lyons eines Tages Melisande Stokes (genannt Mel) anspricht. Melisande ist Dozentin an der Harvard University, sie unterrichtet unter anderem Studierende in alten Sprachen, die keiner mehr spricht. Sie kann Altgriechisch, Althebräisch, Sumerisch und noch ein paar weitere Sprachen. Allerdings kann sie auch moderne Sprachen, wie etwa chinesisch.

Tristan lädt Melisande auf einen Kaffee ein und sagt ihr, dass er für „eine obskure Regierungsorganisation“ arbeite und dass er jemanden wie sie gut gebrauchen könne. Jemanden, der ein paar alte Texte übersetzen könne. Gehalt viermal so hoch wie an der Uni.

Alles Verschlusssache!

Melisande findet die ganze Situation absurd und auch ein bisschen irre. Aber irgendwie interessiert sie Tristan, sie ist etwas wagemutiger als üblicherweise (wo sie ihn einfach hätte stehen lassen) und außerdem ist sie von ihrem derzeitigen Job – und vor allen Dingen von ihrem Vorgesetzten – total abgenervt. Und die Bezahlung ist schließlich wirklich super.

Auf Nachfragen Melisandes zu Details erhält sie allerdings fast jedes Mal die Antwort „Verschlusssache“ … und sie muss sich bei Annahme des Jobs dazu verpflichten, mit niemandem darüber zu sprechen, denn – genau – es ist alles unter Verschluss. Sie hat keine Chance, die neue „Firma“ zu überprüfen, während die Firma sie jedoch auf Herz und Nieren untersucht und entscheiden wird, ob sie geeignet ist oder nicht.

Trotz Verschlusssache und der ganzen Geheimniskrämerei wagt Mel den Schritt und wird eine ganz geheime Übersetzerin in einer „obskuren Regierungsorganisation“.

Was war da mit Magie?

Den einzigen Mitarbeiter, den sie fortan zu Gesicht bekommt ist Tristan. Beide verbringen ganze Tage und halbe Nächte in den abgewrackten Büroräumen, die D.O.D.O. angemietet hat. Mel kaut sich durch Übersetzungen aller Art und vieler alter Sprachen, Tristan ackert sich durch die übersetzten Schriften und programmiert neue Apps und Datenbanken für Arbeitscomputer und Ergebnisse. Gegessen wird internationales Fast Food und getrunken meist Kaffee und Tristans Lieblingsbier, Tearsheet Best Bitter. Im Lauf der Zeit werden immer mehr Räume für immer mehr Material angemietet.

Ziemlich bald schon schnallt Mel, dass alle Texte in irgendeiner Form etwas mit Magie zu tun haben. Damit, wie Hexen für irgendwen irgendetwas getan hatten. Die Annahme der „obskuren Regierungsorganisation“ ist, dass es bis ca. 1850 Magie auf der Erde gab, aber dann ist sie plötzlich verschwunden. Keiner weiß, warum. Es gibt keine Aufzeichnungen und nichts, was überhaupt eindeutig auf Magie hinweist. Man kann sich alles nur erschließen, indem man, wie Tristan und Mel es tun, alte Texte übersetzt. Und obwohl immer noch sehr viel „Verschlusssache“ ist, können sich Mel und Tristan prima über die Texte austauschen.

Mel ertappt sich dabei, dass ihr die Arbeit Spaß macht, und zwar, obwohl die Situation nach wie vor etwas irre ist. Sogar, dass sie manchmal 24-Stunden-Schichten fährt, macht ihr nichts aus.

Angewandte Naturwissenschaften gegen Hexerei

Irgendwann stellen beide die Hypothese auf, dass die Weltausstellung im Jahr 1851 etwas mit dem Verschwinden der Magie zu tun hat. Und vielleicht auch die erste Fotografie einer Sonnenfinsternis etwa zur gleichen Zeit in Preußen. Wenn das stimmen würde, hätten die „Entdeckung“ der Naturwissenschaften und die Anwendung ihrer Erkenntnisse – und hier vor allem die Erfindung der Fotografie – einen enormen Anteil daran, dass keine Magie mehr in der Welt existiert, so die Schlussfolgerung Tristans.

Allerdings ist Tristan auch ausgebildeter Physiker – und als solcher hat er sich natürlich auch mit Quantenmechanik auseinandergesetzt. Er entwickelt also seine Theorie weiter: Die Quantenmechaniker gehen davon aus, dass es mehrere parallele Welten geben kann.

Und so kommt man unweigerlich zu Schrödingers Katze, wie Tristan Mel auseinandersetzt: Der Zustand der Katze kann nie definiert werden. Schließlich ist die Kiste zu und es gibt – aus der klassisch physikalischen Sicht – die beiden potenziellen Zustände „Katze tot“ und „Katze lebendig“. Für einen Quantenmechaniker ist der Zustand der Katze jedoch irgendwo dazwischen. Das muss Mel erstmal verdauen. Theoretisch könnten also zwei Welten in einer existieren: Die Welt der Naturwissenschaft, wie wir sie kennen. Und die Welt der Magie, wie es sie vor 1851 gab …

Dann entdecken beide einen Artikel im Web, in dem über einen Professor Oda berichtet wird, dessen Patentanmeldung abgelehnt wurde: Die Erfindung einer Art Schrödingers Kiste … natürlich nehmen sie sofort Kontakt zu dem Wissenschaftler auf und schaffen es, ihn für sich zu gewinnen.

Wie jetzt? Schrödingers Hexe?

Und so baut die mittlerweile auf vier Leute (Mel, Tristan und Mr. und Mrs. Oda) angewachsene Truppe eine neue Kiste. In die Kiste wollen sie eine Hexe stecken, allerdings ohne radioaktives Material und Gift, das im Schrödingerschen Gedankenexperiment zum Einsatz kommt. Die Idee ist, dass eine Hexe in der Kiste sozusagen magisch und unmagisch ist und deswegen wieder zaubern kann. Das gilt es jetzt auszuprobieren.

Aber: Wo bekommt man eine Hexe her? Da es keine Magie mehr gibt, kann man ja nicht mehr wissen, wer eine Hexe ist und wer nicht. Mel übernimmt die Aufgabe, Kandidatinnen mit magischem Potenzial ausfindig zu machen, als sie eine merkwürdige Facebook-Nachricht von einer Frau erhält. Die behauptet Mel zu kennen, obwohl Mel noch nie von ihr gehört hat. Als sie die Frau abholt, stellt sich heraus, dass es eine alte Dame ist, etwas aufgetakelt und exzentrisch – und sie wartet seit etwa 1851 auf Mel … Sie drängt darauf, in die ODEK genannte Kiste zu steigen (von der sie schon weiß, bevor Tristan und Mel überhaupt etwas gesagt haben). Und dort zaubert sie sich als allererstes wieder hübsch und jung.

Erszebet Karpathy, so heißt die nunmehr verjüngte Lady, ist eine Hexe. Eine von damals, die aufgrund eines Zauberspruchs so lange leben konnte. Und die jetzt, mal miesepetrig und zickig, mal gutgelaunt, ihren Job antritt.

Zeitreise nur für’s Geld

Abgesehen von Erszebet stehen Mel und Tristan vor einer weiteren Herausforderung: Sie müssen Geld auftreiben, viel Geld. Die Kohle benötigen sie, weil die obskure Regierungsorganisation ihnen droht, den Geldhahn zuzudrehen, wenn sie sich nicht auch auf eigene Beine stellen können. Zu diesem Zweck wollen Tristan und Mel ein Buch in der Vergangenheit verstecken, um es dann in der Gegenwart zu „finden“ und als Rarität für viel Geld zu verkaufen .

Damit beginnt eine Lektion in Parallelwelten, Ereignisverschiebungen etc. Denn so einfach wie gedacht ist es nicht, wie Erszebet ihnen sehr schnell auseinandersetzt: Man kann nicht eben mal einfach in die Vergangenheit, Buch verstecken, wieder her, ausbuddeln, ab zur Auktion.

Nein, denn es gibt, verschiedene Zeitstränge, die parallel nebeneinander laufen. In einigen davon kann man zum Beispiel das Buch verstecken und es bleibt dort bis zur Gegenwart. In vielen Strängen – wie die beiden Forscher leidvoll erfahren dürfen – kommt das Buch aber nicht im Heute an. Sie müssen daher x-mal an den selben Ort in den USA reisen, um irgendwann den richtigen Zeitstrang zu erwischen. Nicht mal Erszebet kann den richtigen Strang ausfindig machen, es hilft nur Versuch und Irrtum.

Das Buch taucht zunächst nicht in der Gegenwart auf. Schließlich müssen sie sogar noch nach Großbritannien, denn dort lebt jemand, der genau das Grundstück in den USA gekauft hat, auf dem sie immer wieder das Buch vergraben haben. So häufen sich Unwägbarkeiten auf Unwägbarkeiten, bis sie den alten Schinken schließlich in den Händen halten können.

Glücklicherweise schult diese Erfahrung die beiden, denn bei allen zukünftigen Aktionen wird es imer wieder so laufen. Und glücklicherweise kennen sich die Hexen mit sowas aus, Erszebet kann zwar nicht den richtigen Zeitstrang filtern, aber sie hat die Fähigkeit, die Stränge voneinander zu unterscheiden. Und so kann sie immer wieder den nächsten auswählen, um dann dort die gleiche Aktion wieder laufen zu lassen.

Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass sie beim Reisen in die Vergangenheit immer mehr Hexen kennen lernen. Die sind auch sehr notwendig, denn ohne sie kommt man nicht wieder nach Hause.

Viele Köche und der ganze Brei

Finanziell gut aufgestellt gehen die weiteren Aktivitäten von D.O.D.O. um das vorsichtige Abändern der Vergangenheit, um damit kleine Effekte in der Zeitgeschichte vorzunehmen – die die Vorgesetzen von Tristan aber für bedeutungsvoll halten.

Die „Firma“ wächst immer weiter, es gibt immer mehr Hexen, denn Erszebet kann Hexen im Wortsinne riechen und so ist das Erkennen der Frauen einfacher geworden. Natürlich müssen sie ausgebildet werden. Und natürlich geht nicht immer alles ganz einfach vonstatten: Erszebet ist eine Zicke – und sie langweilt sich. Immer nur Leute in die Vergangenheit senden ist auf Dauer doch recht unbefriedigend. Das kann man sogar als Nicht-Hexe verstehen.

Nach den anfänglichen Erkenntnissen und Erfahrungen ändert sich vieles bei D.O.D.O.: Mehr Hexen, mehr Angestellte, mehr Erkenntnisse. Typische Veränderungen bei erfolgreichen Unternehmungen, die nicht immer zum Besseren führen. Auch die „obskure Regierungsorganisation“ steckt ihre Ziele weiter, will schnellere Ergebnisse, alles soll zackzack und effizient gehen. Dass das in diesem Fall fatale Folgen haben kann, müssen alle Beteiligten mehr als einmal erfahren. Doch niemand „von oben“ interessiert das.

Wie so oft in großen Organisationen gibt es viele Interessen, verschiedene Parteien ziehen an unterschiedlichen Strängen und verfolgen eigene Ziele. Diese Entwicklung ist total gut beschrieben. Manches Mal saß ich beim Lesen da und habe den Kopf geschüttelt – leider in dem traurigen Wissen, dass die Beschreibung ein traurigerweise gutes Abbild der Realität ist. Und so steuert das Buch auf den schon im Titel genannten Fall hin.

Weiter so???

Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O. war – vor allen Dingen in der aktuellen Zeit – eine ganz prima Reise, ein Urlaub in eine andere und doch auch gleiche Welt. Ich habe unsere Welt wiedergefunden und war erschüttert von den blöden Idioten, die immer alles zu schnell wollen, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich war fasziniert von den technischen Ideen und bin abgedriftet und habe sinniert, wie das wäre, wenn … Ich hab mitleidig den Kopf geschüttelt, wenn dann doch mal eine Kleinigkeit vorhersehbar war. Also alles ganz prima!

Trotz der über 800 Seiten ist mir nicht langweilig geworden. Und das auch trotz des Aufbaus: Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O. ist kein reiner Fließtext. Da gibt es Memos von dem einen an den anderen (zum Beispiel, als Mels schnoddriger Berichtsstil abgekanzelt wird), Briefe von Leuten an andere Leute, Tagebucheinträge und so fort. Und das von unterschiedlichen Personen. So was kann ganz schön nervig sein und ein Buch schrotten, aber hier funktioniert es erstaunlicherweise. Vielleicht dadurch, dass nichts wiederholt wird, sondern immer ein neuer Aspekt hinzukommt, ein neues Puzzlestück der Geschichte hinzugefügt wird.

Allerdings frage ich mich immer noch, ob das Ende ein Cliffhanger war oder einfach ein guter Schluss. Und ich weiß nicht, was ich lieber hätte …

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.
Autor Neal Stephenson & Nicole Galland
Seiten 864
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Goldmann
Jahr 2020

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: