chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Jugend ohne Gott

Neulich im Fernsehen: die neueste Verfilmung von Jugend ohne Gott. Noch recht frisch, erschienen ist der Film im Jahr 2017, viele derzeit bekannte deutsche Schauspieler*innen sind dabei. Der Film ist nicht schlecht, er versetzt die Handlung des Buchs von 1937 in eine vermutlich nicht allzuferne Zukunft, in der es um Leistung, Gesundheit und Erfolg geht. Eine ganz gute Idee und auch angemessen umgesetzt, wie ich finde. Nichtsdestotrotz bekam ich Lust, das Original mal wieder zu lesen. Gedacht, getan.

Kurzer Prolog dazu: Ich habe das Buch im Deutschunterricht gelesen, in der 12. Klasse könnte das gewesen sein. Es hat mich sofort und nachhaltig tief beeindruckt und erschüttert. Obwohl an keiner Stelle eindeutig beschrieben wird, wann die Handlung stattfindet, deutet alles auf eine Zeit zu Beginn des NS-Regimes hin. Doch beginnen wir von vorn …

… die Klassenarbeit …

Ein Lehrer erzählt von der Korrektur einer Klassenarbeit im Fach Geographie. Man merkt sofort: seine Leidenschaft ist dieser Beruf nicht. Er betrachtet ihn eher zweckmäßig, als sichere Bank mit zuverlässigem Pensionsanspruch. Seine Schüler haben in seiner Erzählung keine Namen, nur Anfangsbuchstaben und anstatt Arbeiten zu korrigieren, könnte er sich eine interessantere Beschäftigung vorstellen. Es geht um die Bedeutung deutscher Kolonien. Und obwohl er mit größtmöglichem Desinteresse an die Korrektur geht, fällt ihm die rassistische Art und Weise auf, in der fremde Völker von einigen Schülern (insbesondere einem) beschrieben werden. Seine dazu verfasste Notiz, dass Neger ja auch Menschen seien, stößt bei Schulleitung und Eltern auf Unverständnis und Wut. Der Lehrer merkt: hier stimmt etwas nicht. Selbstständiges und kritisches Denken sind unerwünscht, gehören offenkundig abgeschafft. Bestätigung erfährt sein Verdacht, als die Klasse aufgrund des Vorfalls eine Petition einreicht, in der sie einen anderen Lehrer fordern, da sie ihm nicht mehr vertrauen.

Doch zunächst gibt sich das System träge und hartnäckig: ein Lehreraustausch findet nicht statt. So fährt der Lehrer kurze Zeit später mit 26 14-jährigen Jungen, eben der ganzen Klasse, in ein Zeltlager mitten im Nichts. Dieses Lager ist im Grunde eine vormilitärische Ausbildung. Die Jungs sollen marschieren lernen, Zelte aufbauen, im Freien schlafen und – ja, schießen. Geleitet wird das ganze Ding von einem Feldwebel, der Lehrer hat also die meiste Zeit des Tages frei – und Zeit, seine Schüler zu beobachten.

… das Zeltlager …

Die Jungs sind begeistert bei der Sache. Sie erlernen voller Freude das soldatische Leben und können es kaum abwarten, endlich an die Gewehre zu dürfen. Währenddessen lebt in der näheren Umgebung offenbar eine Gruppe Kinder/Jugendlicher, die von irgendwoher ausgerissen sind, sich in den Wäldern aufhalten und mit Mundraub durchschlagen. Eine mögliche Bedrohung, stellen die Betreuer des Zeltlagers fest und lassen Nachtwachen aufstellen.

Der Lehrer beobachtet eine dieser Nachtwachen und sieht dabei, wie einer der Jungs, der Z, Kontakt mit einem fremden Jungen hat und von diesem einen Brief erhält. Der Lehrer wird neugierig. Er befragt unauffällig die Schüler und erfährt, dass der Z Tagebuch schreibt und dieses Tagebuch in einem kleinen Kasten einschließt. Um mehr über den Z zu erfahren, bricht er tags darauf, als alle Jungs unterwegs sind, den Kasten auf und liest das Tagebuch. Darin schreibt der Junge von einem Verhältnis mit der Anführerin der Bande aus dem Wald.

… der Mord …

Als er den Kasten wieder verschließen will, damit niemand etwas bemerkt, ist das Schloss kaputt. Folgerichtig bemerkt der Z, dass jemand an dem Kasten und seinen Privatsachen war. Er verdächtigt den N, einen Jungen aus seinem Zelt, der sich über seine Schreiberei abwechselnd lustig gemacht und aufgeregt hat. Die Betreuer versuchen zu schlichten, der Lehrer nimmt sich vor, dem Z zu gestehen, dass er sein Tagebuch gelesen hat. Doch die Nacht verstreicht und der nächste Tag auch und dann ist der N plötzlich tot.

Klar, dass der Z unter Verdacht steht. Alles spricht gegen ihn: Er hat ein Motiv, er hatte während des letzten Marsches Gelegenheit und außerdem war seine Kleidung am letzten Abend verdächtig zerrissen und schmutzig. Zudem gesteht er die Tat und behauptet, auch der N hätte vorher ihm gegenüber seine vermeintliche Tat gestanden. Schluss.

Doch kommen von Anfang an Zweifel auf, beim Lehrer und auch bei den Leser*innen: War der Z wirklich zu einem Mord fähig? War es vielleicht seine junge Freundin und er versucht bloß, sie zu schützen? Oder war es jemand ganz anderes?

… und die Kälte …

Die scheinbare Krimihandlung ist im Grunde nur die Spitze dessen, was der Lehrer von Anfang an fühlt: Eine Verrohung der Jugend, gezielt angeordnet von einer Gesellschaft, die sich auf einen langen Krieg einstellt. Eine Jugend, die auf Sieg getrimmt wird und für die keine Schwäche und keine Milde mehr möglich ist. Jungen, denen das selbstständige Denken und Fühlen verboten wurde. „Alles Denken ist ihnen verhaßt“, heißt es an einer Stelle und dieses Zitat umschreibt im Grunde alles, was der Lehrer von seinen Schülern hält.

Schon damals in der Schule beeindruckte mich die Stimmung, die dieses Buch erzeugt. Es ist eine spürbare Kälte, eine Gleichgültigkeit, die nicht nur geschildert, sondern auch implizit verbreitet wird. Allein durch die Namenlosigkeit der Protagonisten (auch der Lehrer und der Feldwebel sowie sämtliche Nebencharaktere sind ohne Namen) entsteht eine geradezu unangenehme Anonymität, die durch die vage Beschreibung von Zeit und Orten noch unterstrichen wird. Hinzu kommt die deutliche Ablehnung der Schüler durch den Lehrer, in jeder Zeile lässt er durchblicken, wie fremd ihm seine Schüler sind oder sogar, wie bedrohlich bzw. verachtenswert er sie findet. Kein einziges Mal ist von wirklicher Freude im Lager die Rede, einem Zustand, der sogar in Zeiten des beginnenden Nationalsozialismus mal vorgekommen sein muss. Man liest vielleicht von Begeisterung für Drill und Waffen, aber nicht von Herzlichkeit und Freundschaft.

Zugegeben, die Krimihandlung des Buchs ist auch spannend. Klar wollte ich wissen, wer der Mörder ist. Doch mehr als das bleibt am Ende des Buches die ernüchternde Darstellung im Gedächtnis, wie leicht aus jungen Menschen kriegstaugliche Maschinen werden. Und daraus folgend stellt sich die Frage, welche Gesellschaft dadurch entsteht. Und ob aus den Maschinen irgendwann wieder Menschen werden können.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Jugend ohne Gott
Autor Ödön von Horváth
Seiten 149
Ausstattung Taschenbuch
Verlag suhrkamp Taschenbuch
Jahr 1937  

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