chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Der Katze ist es ganz egal

Die titelgebende Katze taucht nur einmal kurz in dieser Geschichte auf, nämlich, als sie die Hauptperson dieser Kindergeschichte zur Schule begleitet. Und dabei wird ganz klar, dass die Probleme des Menschenkindes die Katze nicht interessieren. Nun ja, Katzen haben ihre eigenen Sorgen, von denen wir meist nichts wissen.

Aber das Problem von Leo, das kennen doch viele Menschen: eines Tages weiß Leo nämlich ganz sicher, dass Leo eigentlich gar nicht sein richtiger Name ist. Leo, so weiß er jetzt hundertprozentig, heißt in Wirklichkeit Jennifer. Und Leo ist auch kein Junge – er weiß das schon länger, nur alle anderen denken immer noch, Leo sei ein Junge. Und in der vergangenen Nacht ist der neue Name gekommen.

Der lange Weg zum Ich

So weit, so gut. Eigentlich könnte jetzt an dieser Stelle die Geschichte zu Ende sein. Aber Leo/Jennifer geht es wie den meisten Menschen, die plötzlich entdecken, dass sie eigentlich jemand anders sind: Ihre Umwelt kann nicht einfach sagen, oh, ach so, okay, schön, dass du da bist, egal, welche Farbe, welches Geschlecht, welcher Name, welcher Beruf etc.

Als also der Viertklässler Leo seiner Familie verkündet, dass sie ab sofort Jennifer heißt, meckert Papa, dass heute doch keiner mehr so heiße, Mama ist der Ansicht, dass man seinen Vornamen nicht so einfach wechselt und Opa weißt darauf hin, dass Jennifer ein Mädchenname ist. Und da ruft das Kind ganz laut, dass sie ja nun auch ein Mädchen sei.

Und so geht sie los, die Geschichte von Leo, der/die nun eine andere ist. Die sich wünscht, dass sie die Haare wachsen und zu Zöpfen flechten lassen kann. Die gerne hübsche Kleider tragen würde, aber vor Ort ist nur das Nachthemd ihrer Freundin … Und Jennifer findet es ungerecht, dass in der Bubenabteilung nur Hosen hängen und keine Kleider, keine Röcke, nix Rosanes.

Wie definiert man einen Jungen?

Manchmal, wenn Jennifer im Vordergrund ist, fühlt sie sich wieder ganz toll und mädchenhaft und weiß, wer sie ist. Aber wenn ihre Mama traurig guckt und nicht weiß, wie sie nun mit ihrem Kind umgehen soll, dann verzieht sich Jennifer und lässt Leo wieder ran. Schließlich geht Leo – mit besagter Katze – zur Schule. Dort trifft er seinen Freund Gabriel, der ein kluger Kopf ist und fragt ihn, was denn einen Jungen ausmacht. Klare Sache: Wer einen Penis hat, der ist ein Junge. Aber da mischt sich der Hausmeister ein und erzählt, dass er mal eine Dame kennengelernt hat, die oben Busen hatte und unten einen Penis und dass das alles nicht so einfach sei. Und Leos Freundin Anne, die meint, es komme auf die Seele an. Einen Jungen zu definieren ist also nicht so einfach.

Witzig wird es, als die Diskussion, ob Leo nun ein Mädchen ist oder überhaupt sein kann, im Unterricht zum Thema wird. Die Lehrerin futtert Gabriels Süßigkeiten und hindert die Kinder daran, sich wegen ihrer unterschiedlichen Ansichten zu hauen, indem sie sie ermuntert, ihre Aussagen nachzurecherchieren. Jennifer wird aufgefordert, ihre Eltern zu ihr zu schicken, damit dass mit dem neuen Namen offiziell werden kann. Und sie sagt Jennifer, dass sie das schon richtig so mache.

Trotz all der postiven Rückmeldung: zu Hause ist es am schwierigsten. Vor allem der Vater tut sich schwer damit, den Wandel bei seinem Sohn zu akzeptieren. Die Mutter versucht zu verstehen, was los ist und schwankt zwischen Festhalten am Alten und sachlichen Gesprächen, zum Beispiel darüber, dass Jennifer selbst keine Kinder austragen können wird. Allerdings ohne Vorwurf, sondern lediglich als Information.

Insgesamt ist es auf jeden Fall alles ganz schön viel für den doch noch sehr jungen Menschen – und so bricht Jennifer eines Tages einmal ganz aus und zieht mit einer Schulschwänzerin durch die Gegend, die irgendwie auch nicht so richtig in die üblichen Raster passt …

Wo beginnt eigentlich Diskriminierung?

Ich finde dieses Buch fast nur super 🙂 Es ist witzig und humorvoll und so gar kein „pädagogisches Genderbuch“ oder etwas in der Art. Es wirft Fragen auf, zum Beispiel, als Jennifer ihrer Mama sagt, dass es ungerecht ist, dass in der Jungsabteilung nur Hosen sind. Recht hat sie, finde ich: Warum sollten Jungs, egal, welchen Geschlechts, eigentlich immer nur Hosen tragen? Die Schotten tragen doch auch Röcke … Alle sollten alles tragen dürfen.

Toll finde ich auch, wie Autorin Franz Orghandl die Menschen um Leo/Jennifer darstellt. Zum Beispiel die Eltern: Für sie ist es ganz schön schwer, sich davon zu verabschieden, dass sie den Sohn nicht mehr haben (sollen-dürfen), den sie bisher immer hatten. Sie müssen sich da schon auch durchbeißen. Was aber die ganze Zeit deutlich wird, ist, dass sie ihr Kind lieben. Sie wollen, dass es dem Kind an sich gut geht – und so bewegen sie ihre Seele und bemühen sich um Verständnis, wenn auch grummelig und mufflig, aber sie tun es. Oder die Freunde und die Klasse von Leo/Jennifer. Es gibt keinen schwerwiegenden Konflikt, den das Kind durchkämpfen muss. Die Kinder benehmen sich wie viele Kinder und sind eher neugierig, erstaunt, interessiert.

Am besten finde ich fast den Hausmeister der Schule, der mit den Kindern einfach über Damen und Männer spricht und welche Erfahrungen er damit gemacht hat … gerade weil vielleicht ein paar Erwachsene sich mördermäßig aufregen werden, was sowas denn im Kinderbuch zu suchen hat. Viel, kann ich da nur sagen, denn es hilft Jennifer, bei sich zu bleiben und sich und ihr Anliegen ernst zu nehmen.

Toll sind auch die beiden besten Freunde, Gabriel und Anne. Sie sind einfach da, halten zu Jennifer und helfen ihr dabei, ihre vielen Fragen zu beantworten.

Aber bei den Freunden finde ich auch etwas, was mir nicht gefällt – und ich muss sagen, nach dem ersten Lesen war ich noch so mit der Kerngeschichte beschäftigt, dass mir das gar nicht aufgefallen war. Aber dann wies mich eine Freundin darauf hin, dass Gabriel halt mal wieder der typische Sidekick ist: dick, isst gerne Süßigkeiten und ist auch schon mal sitzengeblieben. Stimmt. Dem ganzen wird zwar etwas die Schärfe genommen, da im gesamten Buch diejenigen Personen, die länger in der Schule sind, als die mit mehr Bildung dargestellt werden. Gabriel muss mit seinem wiederholten Schuljahr also schlauer sein. Trotzdem ist es mal wieder klischeehaft und somit schade.

Aber man muss auch sagen, dass Gabriel ein wirklich toller Freund ist und er ganz tolle kluge Sachen zu sagen weiß. Er – und auch Anne – sind rundum eigenständige Personen, die nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten. Insofern sind sie weit mehr als etwa Malfoys Buddies. Trotzdem frage ich mich, warum immer einer alles zusammen sein muss und wann der erste dicke Streber auftauchen wird oder das erste süßigkeitenmampfende Mädchen, dass Sport kann wie keine andere oder, oder, oder …

Vielleicht erwarte ich zu viel, aber ich habe dann doch auch gedacht, dass sich in einem so tollen und spaßigen Buch auch für andere Kinder eine andere Biografie hätte finden lassen können.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der Katze ist es ganz egal
Autor Franz Orghandl
Seiten 104
Ausstattung Hardcover
Verlag Klett Kinderbuch
Jahr 2020

4 Antworten zu “Der Katze ist es ganz egal

  1. Senna 13. September 2020 um 19:03

    Deine Rezension finde ich echt super und das Buch auch! Zum dicken, sitzengebliebenen Gabriel möchte ich was sagen: Ich glaube, das Buch stellt sich Klischees bewusst. Manchmal werden sie gebrochen, manchmal auch benutzt. Es gibt sie, diese Underdogs, die augenscheinlich ein ganzes Bouquet an vermeintlich nachteiligen Lebensumständen um sich sammeln. So wie ich die Attitüde der Geschichte aber wahrnehme, sagt sie mal was gar nicht so klischeehaftes über Gabriel aus: Dick? Schön! Sitzengeblieben? Wissensvorteil! Geile Süßigkeiten? Hammer! Ich meine, mit dem „dicken Gabriel“ wurde absichtlich ein Klischeeprototyp benannt, der aber entgegengesetzt dessen bewertet wird. An einen unglücklichen, stereotypen Griff glaube ich hier deshalb nicht. Dieses Buch will meiner Meinung nach auf verschiedenen Ebenen herausfordern, was sich die meisten bei der Thematik nicht trauen. Lieben Gruß, Senna

    • chairlounge 16. September 2020 um 21:08

      Hallo Senna! Erstmal vielen Dank für deinen Kommentar, wir freuen uns sehr, dass dir unsere Rezension gefällt. Deine Meinung ist sehr interessant und hilfreich für uns, weil sie uns eine andere, neue Sichtweise auf die Geschichte und ihre Charaktere ermöglicht. Könnte sein, dass wir schon ein wenig zu fokussiert auf mögliche Diskriminierungsansätze schauen, anstatt die Figuren so zu nehmen wie sie sind. Vielleicht sollten wir an der Stelle mal auf unsere eigenen Vorurteile achtgeben :-). also: danke für deinen Außenblick. Wir hoffen, du hast weiterhin viel Spaß mit unserem Blog und viele Grüße!

  2. I 14. August 2020 um 23:26

    Hi! Danke dafür, dass du mir das Buch gezeigt und sogar teilweise vorgelesen hast! Ich fand sowohl die Katze als auch deine Review ganz witzig aber auch sensibel und lehrreich (ohne das pädagogisch Wertvolle) und habe beide gleich weiterempfohlen/geleitet.

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