chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Soloalbum

Eventuell würde Benjamin von Stuckrad-Barre etwas abkotzen, wenn man sein Erstlingswerk Soloalbum als Jugendbuch einsortiert. Unbestritten wurde es aber seit seiner Erscheinung im Jahr 1998 von Jugendlichen gelesen und gefeiert, unter anderem von mir und vermutlich nicht zuletzt deswegen, weil Harald Schmidt seinerzeit die Jugend dieser Welt dazu aufrief, das Buch unbedingt zu lesen.

Schlussendlich erzählt das Buch aber eben auch eine Geschichte, die keineswegs sofort mit Erwachsensein konnotiert wird, jedenfalls nicht im üblichen Sinn. Aber gucken wir doch mal genauer.

Der zwar juristisch erwachsene, aber mit Anfang 20 eben doch noch sehr junge Protagonist wird nach vier Jahren Beziehung von seiner Freundin verlassen. Per Fax. Heute wäre es wahrscheinlich eine WhatsApp gewesen, aber in den 90ern war ein Fax so ungefähr die unpersönlichste Art, eine Nachricht zu überbringen, die man sich hätte einfallen lassen können. Das Fax allein ist also schon echt mies und die Message, die es überbringt, erst recht: Ich will dich nicht mehr, ohne dich ist alles besser, raus aus meinem Leben. Auch wenn die Verfasserin des Fax es etwas freundlicher formuliert hat, wissen wir alle, dass eine einseitige Trennung zumindest erst einmal eine klare Ablehnung der gesamten eigenen Person ist, und das tut weh.

Ben, der junge, verlassene Held ist schockiert. Immerhin war er derjenige, der in der Beziehung hin und wieder mal ein „Soloprojekt“ unterhielt, ständig auf Trebe war und seine Freundin dabei ganz selbstverständlich für immer an seiner Seite wähnte. Dass von ihrer Seite plötzlich (und so uncharmant) der Schlussstrich gezogen wurde, passt weder in seine Pläne noch in sein Selbstbild. Folgerichtig fällt es ihm so schwer, die Situation zu akzeptieren, dass er in einen geradezu theatralischen Trennungsschmerz verfällt, den es die folgenden knapp 250 Seiten exzessiv auszuleben gilt.

Should I stay or should I go?

Ungefähr an dieser Stelle entscheidet sich, ob man auf den Rest Bock hat. Es entspinnt sich im Folgenden nämlich keine klassische Handlung mehr, sondern eher eine Art emotionales Road Movie, gemischt mit Anteilen des stream of cousciousness, also der literarischen Erzählweise, bei der alle möglichen Gedankengänge des Erzählenden quasi assoziativ als ein Gedankenstrom beschrieben werden. Wer sich jetzt aber in der Nähe von Jack Kerouac wähnt, liegt knapp daneben. Statt davon zu ziehen, alles hinter sich zu lassen und die unbekannte Welt zu bereisen und demzufolge auch darüber zu schreiben, tigert Ben rastlos durch seinen großstädtischen Mikrokosmos und versucht irgendetwas zu finden, was ihn genau daraus befreit.

Im ständigen Wechsel zwischen Vergessen- und Zurückhabenwollen macht der Protagonist alles, was man eben so macht, wenn man glaubt, dass jetzt sowieso alles egal ist: er ruft sie an, legt wieder auf, er versucht es bei anderen und landet dann doch irgendwann wieder bei ihr, wird erneut vor die Tür gesetzt und fängt von vorne an. Seine Versuche der Selbstoptimierung mittels Jogging sind ebenso erfolglos wie die Idee, sich ganz bewusst neu zu verlieben. Zu Sport und Sex kann man sich vielleicht aufraffen, das innere Gleichgewicht stellt sich dadurch aber noch lange nicht ein.

Unterfüttert wird diese Erzählung mit vielen Kommentaren, Meinungen, Exkursen und Anspielungen zu und auf kulturelle, gesellschaftliche oder auch politische Themen oder – weiter runtergebrochen – Szenen des Alltags. Frisuren und Kleidungsstile, Zeitungen und Bücher, Filme und TV, Personen, Ernährungsgewohnheiten oder Hobbies werden fortwährend beschrieben, verglichen und bewertet. Besonders Musik und ganz besonders die Band Oasis nehmen in der Analyse der kulturellen Welt einen besonderen Stellenwert ein. Es wimmelt von Bandnamen und -zitaten, so dass man gut beraten ist, sich in der (Brit-)Popkultur der 90er Jahre zumindest rudimentär auszukennen. Ebenfalls sollte man sich damit anfreunden können, dass dieses Buch vom Ton der schlechten Laune geprägt ist. Im Grunde genommen ist Ben permanent genervt von seinen Mitmenschen, auch von denen, die er den Leser*innen als seine Freunde vorstellt. So wird im Buch nicht nur ordentlich geselbstmitleidet, sondern auch gelästert.

Aber …

Das Starke daran ist: obwohl es vielleicht gar nicht so klingt, habe ich das Buch weder in schlechter Erinnerung, noch würde ich im Nachhinein behaupten, dass ich das Buch aufgrund meiner jugendlichen Naivität völlig überschätzt hätte. Es trifft einfach einen Nerv und zwar den, der blank liegt, wenn man jung und wütend ist. Damit ist diese ganz persönliche Wut gemeint, die nicht zur Weltrevolution auffordert, sondern einen schwach und egoistisch erscheinen lässt. Bei der es nicht um die Ungerechtigkeit des Systems geht, sondern darum, dass man höchstselbst eins auf den Sack gekriegt hat und einem dämmert, welchen Eigenanteil man daran haben könnte.

Das alles ist höchst pubertär, aber vielleicht gar nicht so ungewöhnlich. Möglicherweise kann man deswegen gut mit Ben zusammen pöbeln, schimpfen, trinken und rumheulen. Möglicherweise ist es aber auch gar nicht schlecht, zu lesen, wie ätzend so ein Zustand aus der Außenperspektive sein kann, bevor es einen selbst erwischt.

Es ist ein gutes Buch. Wer Soloalbum mit Mitte 30 das erste Mal liest, wird es vermutlich wieder weglegen. Wer es mit 17 genossen hat, der könnte auch im doppelten Alter daran noch Gefallen finden. Davon, dass Benjamin von Stuckrad-Barre schreiben kann, zeugt es meiner Meinung nach in jedem Fall.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Soloalbum
Autor Benjamin von Stuckrad-Barre 
Seiten 246
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Kiepenheuer und Witsch
Jahr 1998  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: