chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Scherbenpark

Ich habe anscheinend im Moment ein Händchen für dramatische Schicksalsberichte. Vor ca. 3 Wochen schrieb ich über den extrem fordernden Roman GRM von Sibylle Berg, den ich übrigens immer noch nicht durchgelesen habe. Vor einer Woche fiel mir dann der Jugendroman Scherbenpark von Alina Bronski in die Hände. Da ich gerade mal wieder eine Pause von GRM brauchte, nahm ich das Buch spontan mit in den Zug nach Hamburg, wo ich Micha mal wieder treffen wollte.

Als ich am nächsten Tag wieder in Göttingen ankam, hatte ich das Buch durch. Die Geschichte der 17-jährigen Sascha ist zwar fast so dramatisch wie die der Protagonisten aus GRM, wird aber deutlich softer erzählt als bei Frau Berg und ist dadurch um einiges verdaulicher.

Das Trauma

Hochhaus_by_Konstantin Brückner_pixelio.deSascha wohnt in einer Trabantenstadt in der Nähe von Frankfurt. Sie und ihre zwei kleineren Geschwister haben Schreckliches durchgemacht: Vadim, der Vater der beiden Kleinen, hat seine Frau und seine Kinder jahrelang misshandelt, ebenso wie seine Stieftochter Sascha. Irgendwann findet die Mutter die Kraft ihn zu verlassen. Sie verliebt sich neu, in einen ruhigen, netten Kerl. Alles scheint endlich gut zu werden, bis  Vadim eines Tages zu ihrer Wohnung kommt und sowohl ihre Mutter als auch deren neuen Freund vor den Augen der Kinder erschießt.

Es folgen: Polizei, Jugendamt und das mitleidige Geläster der Nachbarn. Ein langes Hin und Her, an dessen Ende die Cousine von Vadim aus Russland herkommt und sich fortan um die traumatisierten Kinder kümmert.

Zusammen leben sie jetzt also in einem Hochhaus in einer Gegend, die höchstwahrscheinlich als sozialer Brennpunkt bezeichnet werden würde. Aufgrund ihrer außergewöhnlich hohen Intelligenz darf Sascha eine „bessere“ Schule besuchen, hat aber weder dort noch in ihrer Nachbarschaft wirklich Freunde. Stattdessen verbringt sie ihre Zeit allein, kümmert sich um ihre Familie und geht den vermutlich kriminellen Gepflogenheiten im nahe gelegenen Scherbenpark aus dem Weg. Bis sie eines Tages einen alleinstehenden Redakteur und dessen Sohn kennenlernt.

Ein komplexer Dreier

Durch eine Beschwerde über einen allzu mitleidigen Artikel über ihren gewalttätigen Stiefvater trifft sie auf Volker. Volker ist Ressortleiter und als solcher verantwortlich für die Veröffentlichung des Artikels, die ihm furchtbar leid tut. Als Wiedergutmachung bietet er Sascha an, ihr in irgendeiner Art zu helfen, sobald sie das wünscht. Wenige Tage später nimmt sie sein Angebot an. Sie muss mal raus aus ihrer tragischen Familienkonstellation und zieht kurzentschlossen bei dem Journalisten ein. In seinem Haus lernt sie dessen 16-jährigen Sohn kennen, den Volker allein erzieht. Obwohl die Sympathie nicht gleich durchschlägt, entwickeln die drei eine schwer zu definierende Bindung zueinander, die ziemlich schnell auch ziemlich körperlich wird. Das ist in zweierlei Hinsicht schräg: einmal aufgrund des Altersunterschieds zum Ressortleiter, zum anderen durch das enge Familienverhältnis der beiden Männer.

Um nicht zu viel von der weiteren Handlung zu verraten, nur kurz: eine harmonische Nummer wird das Ganze natürlich nicht. Sascha zieht wieder aus, hat noch ein bisschen Trouble mit Familie und Nachbarschaft, verdreht den beiden Männern (Jungs?) abwechselnd den Kopf und lässt immer wieder alles fallen, weil sie eigentlich weder Männer mag, noch so stark ist, wie sie sich selbst gegenüber immer behauptet.

Sascha am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ja, das Buch macht Spaß. Nicht in dem Sinn, dass man ständig lachen muss, aber es hat irgendwie Drive. Sascha versucht gleichzeitig, für ihre Familie da zu sein, einen guten Schulabschluss zu machen, in ihrer schwierigen Nachbarschaft zu bestehen und den traumatisierenden Tod ihrer Mutter zu verarbeiten, die an allen Ecken fehlt. Kein Wunder, dass sie versucht, aus allem auszubrechen, um endlich mal ihr eigenes Ding machen zu können. Bei derartigen Versuchen gerät sie leider immer wieder in selbstgebaute Miseren, die nah an der Eskalation vorbeischrammen.

Natürlich ist die Geschichte tieftraurig. Das familienkollektive Trauma schwebt über allem und jeder Seite. Ebenfalls auf praktisch jeder Seite versucht Sascha, deren Geschichte übrigens aus der Ich-Perspektive erzählt wird, den Lesern glaubhaft zu machen, dass mit ihr alles in Ordnung sei. Sie hält ihre Intelligenz wie einen Schild vor sich und schlägt in Fällen von Unsicherheit mit Abgebrühtheit um sich. Allen außer ihr ist dabei glasklar, dass sie an den Ereignissen ebenso schwer trägt wie ihre Geschwister. Die Diskrepanz zwischen ihrer Selbstwahrnehmung und dem Offensichtlichen macht die Geschichte stark.

Aber …

… sie hat auch Schwächen. Abgesehen von der merkwürdigen Dreiecksbeziehung (oder was immer das sein soll) öffnet die Geschichte noch ein paar Fässchen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Da wären zum Beispiel der titelgebende Scherbenpark und ein Techtelmechtel mit einem Jungnazi zu nennen, die irgendwie nicht einzuordnen sind. Ich habe sie dann aber als Ausdruck von Saschas Überforderung mit ihrer Verzweiflung gedeutet. Vielleicht ein bisschen platt, hat aber geholfen, diese Ereignisse in die Geschichte zu integrieren. 

Insgesamt hat mir Scherbenpark  ziemlich gut gefallen und im Nachhinein zu mehr Nachdenken verleitet, als ich beim Lesen vermutet hätte. Zum Beispiel darüber, welche Spielarten von Rache es geben kann. Ich werde das an dieser Stelle nicht weiter ausführen, da ich den Leser*innen nichts vorweg nehmen möchte. Aber ich habe gemerkt: die Geschichte um Sascha und ihre Familie wirkt noch lange nach …

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Scherbenpark
Autor Alina Bronsky
Seiten 289
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Kiepenheuer und Witsch
Jahr 2008

Foto: © Konstantin Brückner/PIXELIO

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