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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Geschichten aus Gavagans Bar

Will man einen gepflegten Abend mit gepflegten Getränken genießen, in recht angenehmer Gesellschaft und hat zudem Lust, eventuell die eine oder andere interessante und vor allem fantastische Geschichte zu hören, dann sollte man sich aufmachen und Gavagans Bar besuchen.

Nicht nur, dass man auf einen Barkeeper trifft, der seinen Job mit viel Können und Verantwortung ausübt. Nein, auch die Stammklientel ist ein netter Haufen von – hauptsächlich – Gentlemen, die sich gerne gepflegt einen hinter die Binde kippen und sich sicher sein können, dass Mr. Cohan (der besagte Barkeeper) sie davon abhalten wird, sich besinnungslos zu saufen. So etwas wird nämlich nicht geduldet in Gavagans Bar!

Also auf, lasst uns hinziehen und einen leckeren Cocktail schlürfen und hoffen, dass mal wieder einer eintritt und eine Geschichte zum Besten gibt, die uns staunen lässt ob der Dinge, die in der Welt geschehen.

Eine Bar mit Stil

Gavagans Bar wurde von Mr. Gavagan eröffnet – ja, es gibt ihn „wirklich“, den Namensgeber. Und die Geschichten aus Gavagans Bar wurden von Lyon Sprague de Camp und Fletcher Pratt „aufgezeichnet“. Beide haben angeblich den Erdölgeologen schon vor seinem Unfall kennen gelernt. Und damit natürlich gleich richtig mitbekommen können, wie es weiterging, als er seinen Fuß verlor, Geld von der Versicherung bekam und sich dann fragte, was er mit seinem Leben anfangen solle – so ganz ohne Job.

Er kam dann auf die Idee, die abgewrackte Bar zu kaufen und den versierten Mr. Cohan einzustellen, der seitdem des Abends für das flüssige Wohl der Gäste und den ordnungsgemäßen Betrieb der Bar zuständig ist. Es gibt auch einen Barkeeper für tagsüber, aber da weder er noch Mr. Gavagan für die Geschichten relevant sind, werde ich sie hier einfach ignorieren. Viel interessanter ist alles andere …

Ein Barkeeper mit Prinzipien

Bar mit Cocktails

Mr. Cohan mixt gut und zügig und seine Gäste trinken seine Cocktails gern. Er ist auch einem eigenen Drink nicht abgeneigt – aber betrunken hat ihn noch keiner der Anwesenden gesehen.

Schauen wir uns doch gleich mal Mr. Cohan an. Er hat nichts mit dem Barbaren zu tun und käme man ihm mit dieser Idee, so würde er sich jegliche Verbindung auf das Vehementeste verbitten. Mr. Cohan ist ein Barkeeper alter Schule: Er mixt super, hat aber auch kein Problem damit, jemandem ein Bier einzuschenken. Er behandelt grundsätzlich alle gleich, er hat immer das Wohl des Ladens im Sinne, ohne jedoch auf Teufel komm raus Geld scheffeln zu wollen. Ein loyaler und fähiger Angestellter also.

Was Mr. Cohan nicht toleriert, ist ganz klar ein Besäufnis. Sein Credo ist, dass jeder (insbesondere jeder Mann – das Original ist halt aus den Fünfzigern …) das Recht hat, sich gepflegt ein paar Getränke die Kehle herunterrinnen zu lassen. Aber bitte kein Binge-Drinking! Wer das will, soll das woanders tun. Mr. Cohan hat nämlich die Berufsehre, dass ein Mann sein Lokal in einem Zustand verlassen sollte, in dem er noch aufrecht nach Hause gehen kann.

Außerdem wird er grantig, wenn ein Gast unhöflich ist. Dann gibt es erst Ermahnungen und im schlimmsten Fall holt er den Knüttel raus.

Guckt man sich das an und überlegt einmal, in wie viele Bars man heutzutage tingeln müsste, um einen solchen Barkeeper zu finden –  ich glaube, wir würden alle lange suchen müssen … Aber möglicherweise war das auch in den Fünfzigern schon Wunschdenken und die beiden „Chronisten“ hatten da auch nur das Bedürfnis nach einer idealen Kneipe.

Egal, es ist irgendwie toll, sich vorzustellen, Gavagans Bar existiere tatsächlich und man könne hingehen und einen der Cocktails mit interessanten Namen trinken, die zumindest ich noch nicht gehört habe.

Trinken mit Contenance

Ach ja, die Getränke. Pratt und de Camp zählen eine ganze Menge Cocktails auf, die die Gäste sich reinlöten. Und es wird nicht wenig getrunken: Meist fängt einer der Gäste an zu erzählen, dann gibt einer eine Runde für vier, fünf Leutchen aus, drei Sätze weiter gibt’s die nächste Runde und gefühlt müsste die halbe Bar (respektive die Flaschen) leer sein, wenn die Geschichte zu Ende ist. Glücklicherweise hören meist alle gespannt zu und es gibt eine Trinkpause.

Die Cocktails werden übrigens nur namentlich genannt, ich musste oft genug nachschlagen, was die Herr- und Damenschaften da denn überhaupt bestellen. Ist ja auch lustig – da liest man Fantastisches und guckt sich Cocktailbeschreibungen an 🙂

Und was gibt’s so? Mr. Gross trinkt meist einen Boilermaker. Hört sich spannend an, ist aber wohl einfach das, was man hier als Herrengedeck (Bier und Korn) bezeichnen würde – nur in der amerikanischen Variante Bier und Whiskey. Entweder getrennt getrunken oder zusammengemixt. Allerdings will Mr. Gross seinen immer mit viel Rum, nun ja … Mrs. Jonas (ja, es kommen auch Frauen in die Bar) und Mr. Thott trinken meist Presidente, und auch nicht nur einen … Das ist übrigens ein Cocktail auf Rum-Basis mit Wermut, Curaçao und Grenadine.

Neben einem einfachen Bier (Mr. Jeffers kann seit eines auf ihn losgelassenen Fluches nur noch Bier trinken), Wodka, Whisky, Schnaps oder einem Tokaier schüttelt und rührt Mr. Cohan alles, was die Gäste bestellen: Martini, Manhattan, Whisky Sour, der ein oder andere Zombie (auch mal ein doppelter), Sherry Brandy, alles bekannt. Aber Rye Highball  oder ein Rye mit Soda (Rye Whiskey ist Roggenwhiskey, der Highball wird mit Ginger Ale aufgefüllt), Rob Roy (Scotch Whisky mit Wermut und Kirschen), Yellow Rattler (u.a. Gin, Wermut und eine eingelegte Silberzwiebel) und dergleichen kannte ich nicht mal dem Namen nach. Für einen Gast, den Magier Theophrastus V. Abaris, steht eine spezielle Flasche da: Sie enthält Vin de Sable, Sandwein (das ist Wein, der auf Sand angebaut wird, aus Südfrankreich). Aber von der bekommt nur Mr. Abaris etwas.

Fasst man die Menge konsumierten Alkohols und Mr. Cohans Devise des gepflegten Trinkens zusammen, kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass die Gäste alle seeeeeehr trinkfest sind – und man sollte das Buch meiner Ansicht nach niemandem empfehlen, der gerade versucht, weniger oder gar nicht mehr zu trinken. Ernsthaft.

Ein Gast kommt selten allein

Es gibt eine Reihe von Stammgästen und mit jeder Geschichte, die man sich zu Gemüte führt, kennt man mehr und mehr die Eigenheiten der einzelnen Leute. Da ist zum Beispiel Mr. Gross, dem eigentlich keiner zuhören mag, weil er immer abstruse Geschichten erzählen will, die dem Onkel des Vetters des Schwagers seiner Frau und dessen Cousine dritten Grades widerfuhren – oder so ähnlich. Die übliche Reaktion ist, dass alle anderen schnell und laut über irgendetwas anderes sprechen und so Mr. Gross daran hindern, seine Schnurren zu erzählen. Aber auch er hat einmal seine Story, als er die Lebensgeschichte der siamesischen Zwillinge, der Brüder Walsh, erzählen kann.

Oder Professor Thott und seine Assistentin Mrs. Jonas – die aber auch mal alleine kommt. Ist Mrs. Jonas mit dabei, sitzen in der Regel alle Beteiligten am Tisch. Denn wie die Uni-Angestellte lernen musste, dürfen Frauen nicht an der Bar stehen. Da wurde Mr. Cohan deutlich und betonte, dass die Bar ein anständiges Lokal sei, in dem es Tische für die Damen gebe. Oha – hier bekommt man als Leserin des 21. Jahrhunderts gleich eine Lektion in Benimm von damals.

Des Weiteren lernt man an Stammgästen Mr. Witherwax kennen, Mr. Keating von der Bibliothek und Doc Brenner. Und dann kommen all die anderen in das Lokal, die vor allen Dingen die fantastischen Geschichten erzählen, die ihnen widerfahren.

Geschichten zum Staunen

Diese Geschichten handeln zum Beispiel von der Dame aus Ungarn, deren Mann ein Werdackel ist, was sie aber erst nach der Heirat erfahren hat. Oder vom kleinen Elefant, der im Gebälk wohnt und wie Dumbo fliegen kann, heimlich Gläser leertrinkt und die Salzbrezeln mopst. Oder von dem Erbstück, einem Amethyst, der einen davor bewahrt, dass man betrunken wird – das wird übrigens handfest in einem Trinkwettbewerb bewiesen. Auch erfährt man von dem anscheinend zu gut gelungenen Versuch, einen Teufel zu beschwören und dabei zu bescheißen oder weiß um die Geschichte von dem Mann, dessen saufselige Halluzinationen Realität werden und ihm auf die Pelle rücken. Und gut für Mrs. Jonas, dass sie rechtzeitig die Geschichte der Frau kennenlernt, die sich in einem Schönheitssalon die Haare machen lässt und dann – obwohl eher ein graues Mäuslein – sich einen tollen Kerl angelt, aber immer wieder in den Salon muss, weil sonst die Wirkung nachlässt und der Kerl abhauen könnte. Geschichten über Geschichten, die meist vergnüglich sind, manchmal für unseren Geschmack zu sehr Fünfziger und ab und zu etwas an unserem heutigen p.c.-Verständnis vorbeischrammen, aber trotzdem in einem schönen Rahmen serviert werden.

Wem also die Cocktails zu langweilig werden, trinke langsam ein Bier oder auch einen Tee und „höre“ einfach zu, denn es ist wirklich nett, sich die Geschichten aus Gavagans Bar durchzulesen und sich vorzustellen, man säße mit an der Bar oder am Tisch und die trinkfesten Herren und Damen begrüßten einen freundlich und wohlwollend, so dass man sich gleich irgendwie zu Hause fühlen würde. Eine schöne Vorstellung.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Geschichten aus Gavagans Bar
Autoren Lyon Sprague de Camp
Fletcher Pratt
Seiten 272
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Heyne
Jahr 1982

Das Buch ist nur noch antiquarisch zu erhalten.


Foto: © Alexandra Bucurescu/pixelio.de

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