chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

GRM-Brainfuck

Ja, ich habe es geschafft: ich habe GRM-Brainfuck von Sibylle Berg durchgelesen. Ich hatte bereits am 4. Oktober berichtet, dass ich dabei war, es zu lesen – und dass es mich einige Mühen kostet. Es war und blieb auch ein Auf und Ab mit der Lektüre. Zum einen hochinteressant und unterhaltsam bis witzig geschrieben. Zum anderen ein deprimierender Inhalt, keine Ruhepausen, keine positiven Vibes. Aber vielleicht fange ich nochmal von vorne an.

Zur Erinnerung: Vier Jugendliche aus England verlieren auf unterschiedliche Art und Weise erst ihre Familien und dann den Halt. Könnte auch sein, dass es gleichzeitig passiert. Sie finden auf mehr oder weniger kuriose Weise zueinander und schaffen es gemeinsam, inmitten einer britischen Großstadt ein Leben am Existenzminimum aufzubauen. Sie sind ohne Obdach und festes Einkommen, sie haben nur einander und einen Plan: Sie wollen Rache üben an all den Menschen, die sie im Laufe ihres noch jungen Lebens verletzt haben. Es geht um Verletzungen wie Misshandlung oder Missbrauch, Vernachlässigung, sexuelle Ausbeutung und dergleichen mehr.  

Die Welt um sie herum ist aus den Fugen geraten. Die Digitalisierung frisst Arbeitsplätze, Menschen der Mittelklasse und darüber verlieren erst ihren Job, dann ihre Wohnung und dann ihr Lebensumfeld. Sie schlafen auf gemieteten Sofas in fremden Wohnungen und klammern sich an ihre Smartphones, das Tor zur Welt. Die Smartphones sind gleichermaßen Unterhaltung, Beruhigungstablette und Mittel zur (Selbst-) Kontrolle. Alles ist vernetzt und überwacht. Menschen bewerten Menschen nach dem Verhalten, das sie über die digitalen Kanäle beobachten können. Wer nette Dinge tut, kriegt gute Punkte. Wer böse Dinge tut, kriegt schlechte Punkte und muss deswegen womöglich auch noch den Sofaplatz räumen. Jene, die die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling gelesen haben, denken vielleicht unwillkürlich an das asoziale Netzwerk. 

Die vier Jugendlichen sind Don, Karen, Peter und Hannah. Mit Don fängt die Geschichte an. Sie ist ein Mädchen, eine Frau, irgendwas dazwischen, die in den oft beschworenen „schwierigen Verhältnissen“ aufwächst: Vater meist abwesend, Mutter emotional abwesend, keine nennenswerte Beziehung zum Bruder, alle arm. Vor der Haustür das gleiche. Don flüchtet sich in Grime, die Musik der Stunde. Grime ist Wut, Hass, Reichtum, Erfolg und Anerkennung und daher sehr beliebt bei Menschen, die maximal die ersten beiden Punkte abhaken können.

Nicht gerade TKKG …

Karen ist hochbegabt, was weder ihre alleinerziehende Mutter noch ihre beiden Brüder verstehen, geschweige denn unterstützen. Sie gilt in der öffentlichen Wahrnehmung außerdem als nicht attraktiv, was sie insgesamt nicht besonders freundschaftstauglich macht. Da sie weder eine familiäre noch eine anderweitig soziale Bindung aufweisen kann, sucht auch sie die Flucht, allerdings in die Wissenschaft und Technik. 

Peter ist Autist. Das ist an sich schon manchmal schwierig, aber wenn die eigene Mutter damit gar nicht umgehen kann, ist das richtiger Mist. Seine Mutter mag es eben eher laut und gesellig und hat mit ihrem Sohn dadurch kaum Berührungspunkte. Die beiden kamen irgendwann aus Polen nach England und während Peter versucht, sozialen Kontakten aus dem Weg zu gehen, schmeißt sich seine Mutter gern alkoholunterstützt verschiedenen  Männern an den Hals. Eines Tages landet sie bei einem Mann, der Peter nicht ausstehen kann und damit ist er raus. 

Hannah ist die einzige, die wenigstens zu Beginn des Buchs noch eine intakte Familie hat. Das bedeutet in diesem Kontext: zwei sich und ihre Tochter liebende Eltern. Die Eltern verdienen zwar regelmäßig Geld, aber es ist trotzdem zu wenig, um aus der schlechten Wohngegend wegzuziehen. Das wird ihnen zum Verhängnis, denn eines Tages wird die Mutter quasi aus Versehen bei einer Gang-Schießerei getötet. Damit beginnt der Abstieg: ihr Vater verliert erst das Fotogeschäft der Familie, dann die Wohnung und sich selbst an die Drogen. Abschließend nimmt er sich das Leben und damit ist Hannah auf sich allein gestellt.

… dafür Revolution?

So viel zu den vieren, deren Wege durch die Kleinstadt Rochdale sich irgendwann kreuzen. Müde durch ihre Schicksale und doch irgendwie euphorisiert durch ihre neu gefundene Gemeinschaft entwickeln sie den Plan, sich an denen zu rächen, die sie für ihr Leben verantwortlich machen, die sie vergewaltigt oder gequält, vernachlässigt oder verlassen haben oder andere dazu verleiteten, das zu tun. Die Teenager ziehen von Rochdale nach London, errichten sich eine Existenz als Outlaws und entziehen sich der Massenüberwachung, indem sie alle digitalen Endgeräte vergraben, nirgendwo registriert sind und so vom staatlichen Radar verschwinden. Sie treffen eine Handvoll Hacker, ebenfalls Outlaws, die sich wie sie buchstäblich am Rande der Gesellschaft niedergelassen haben und die Revolution planen. Sie führen eine Zeitlang ein beinahe friedliches Leben, essen Nudeln, schlafen zusammen in einer fast wohnlich eingerichteten Fabrikhalle und observieren die Menschen, die sie vernichten wollen.

Doch Rache und Revolution sind nicht so einfach. Ihre potentiellen Opfer entziehen sich auf die eine oder andere Weise der drohenden Vergeltung, die Revolution der Hacker hat nicht die erwünschte Wirkung und am Ende ist irgendwie … alles einfach zu Ende. 

Das Fazit

Ich erwähnte schon, dass ich den bissigen Witz, den Zynismus in dem Buch sehr zu schätzen gelernt habe, merkte aber von Seite zu Seite immer mehr, dass ich genau das auch als anstrengend empfand. Die Niedergeschlagenheit der Szenerie und die traurigen Biografien der Protagonisten haben von Anfang an viele emotionale Ressourcen gekostet, aber die destruktive Sprache hat einen Großteil dazu beigetragen, dass ich pro Abend nur ein paar Seiten geschafft habe. Weiterhin hat mich der Aufbau des Buchs gleichermaßen fasziniert und total geschafft. Es gibt keine Kapitel, eigentlich noch nicht einmal richtige Unterbrechungen. Die Perspektive springt stattdessen zwischen den handelnden Personen hin und her. Diese werden überschriftartig, aber doch mitten im Satz genannt und – sofern sie nicht schon vorgekommen sind – mit einem Kurzsteckbrief vorgestellt. Dadurch lernt man nicht nur die Hauptfiguren kennen, sondern auch sämtliche Nebencharaktere (die zum Teil doch zu wichtigen Rollen heranwachsen) und -gruppierungen. Eigentlich fand ich diese Struktur total geil und neu, aber es fehlten mir dadurch die Absätze, nach denen ich ein Buch normalerweise erstmal weglege. Ich las also gehetzt weiter, bis mir aus o. g. Gründen die Augen zufielen. Platt.

Das hat mich ein bisschen betrübt. Die Handlung ist nämlich durchaus fetzig, die vier Hauptcharaktere sind trotz ihrer Kaputtheit sympathisch und liebenswert. Die Revolutions- und Rachegedanken sind nachvollziehbar und ich habe den Protagonist*innen nichts anderes als Erfolg dabei und anschließenden Frieden gewünscht.  Dass es kein Happy End im klassischen Sinne gibt (ohne hier zu viel verraten zu wollen) passt gut zu dem Roman, leider hatte ich selbst nicht immer das Durchhaltevermögen, um der Handlung mit wirklicher Spannung zu folgen und mit den Held*innen mitzufiebern. Aber das muss keineswegs die Schuld des Buches gewesen sein. Vielleicht hätte ich es zu einem anderen Zeitpunkt lesen müssen. Schlussendlich habe ich mich gefreut, von vier netten verlorenen Youngstern in eine Welt geführt worden zu sein, die sich erschreckend wenig von unserer unterscheidet (hat Frau Berg übrigens von Anfang an gesagt …).

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel GRM-Brainfuck
Autor Sibylle Berg
Seiten 633
Ausstattung Hardcover
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Jahr 2019

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: