chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Geheimagent Lennet wird ausgebildet

Neulich plauderte ich mit Freunden über Filme, die wir früher gesehen haben – und die man ja gaaaanz vielleicht nochmal konsumieren könnte. Tja, Star Wars gucken wir uns in unregelmäßigen Abständen ja schon zusammen an. Das neueste aus der „Reihe“ (wenn man so will), den Mandalorian, haben wir auch schon gesehen.

Ich warf noch Eolomea in den Topf, einen DDR-Science-Fiction von Anfang der Siebziger und dann kamen wir noch zu Solaris und Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein. Und wie es in Unterhaltungen so geht, waren wir dann plötzlich nicht mehr bei SF-Filmen, sondern bei Kinderbüchern: Raumschiff Monitor zum Beispiel und Burg Schreckenstein tauchten auf. Und Geheimagent Lennet. Den kannte keiner außer mir, was mich echt wunderte, denn schließlich war das doch „Jungs“-Lektüre und am Tisch saßen auch Männer … Aber nun gut.

Ich erzählte also ein bisschen von dem „Bond junior“ und als ich heimkam, musste ich gleich an mein Bücherregal stürzen und mir den Lennet nochmal zu Gemüte führen.

Geheimagent Lennet ist insofern bemerkenswert, als dass es eine französische Reihe ist. Autor war Leutnant X, das Pseudonym von Vladimir Volkoff. Der wiederum konnte auf einige Jahre Tätigkeit beim französischen Militärgeheimdienst zurückblicken und so natürlich seine dortigen Erfahrungen mit in die Serie einfließen lassen – ähnlich wie John le Carré.

Die Bücher erzählen von einem jungen Mann, der gerade sein Abi hinter sich hat und in einem Bewerbungsverfahren für den französischen Militärdienst für den supergeheimen Französischen Nachrichtendienst (FND) ausgewählt wird. Der FND ist noch geheimer als der eigentliche Geheimdienst und sucht dringend Mitglieder – aber natürlich müssen die neuen Agenten gut passen. Die Auswahl wird übrigens von einem (für damalige Zeiten) Supercomputer getroffen, und Maschinen irren sich ja bekanntlich nie 😉

Lennet wird genommen, weil er dem zuständigen Hauptmann neben seiner „Computereignung“ auch seine Pfiffigkeit demonstrieren kann (er findet raus, wo der Hauprmann wohnt und legt ihm einen Brief unter die Fußmatte). Und jenseits dessen ist es für den FND auch praktisch, dass er Vollwaise ist und auch nicht so viele Freunde hat, denn so schert sich kaum jemand um den jungen Kerl.

Aus Spiel wird Ernst

Aber bevor sich der junge Draufgänger ins echte Agentenleben stürzen darf, muss er natürlich für seinen Job ausgebildet werden. Zu Übungszwecken muss er sich daher eine andere Identität namens Paul Armand zulegen und wird mit 29 anderen Anwärtern auf ein Schiff verlegt. Dieses Schiff ist die Schule des FND und schwimmt nach wechselnden Kursen durch die Meere, damit es ja nicht von den ganzen feindlichen Geheimdiensten gefunden werden kann – denn das ist eine der größten Sorgen des FND: Ihre Kaderschmiede wird den „Anderen“ bekannt.

Kleiner Spion mit Fernglas im Gebüsch

Früh übt sich, wer ein Geheimagent werden will – aber wenn Lennet sich während seiner Ausbildung so offensichtlich „versteckt“ hätte, er wäre wohl durchgefallen.

Auf dem Schiff sollen die jungen Leute alles lernen, was man als Geheimagent so können muss: Kampfsport, geheime Nachrichten verfassen, ordentliches Bespitzeln, Fragetechniken, Verkleiden, Technik für alle Lebenslagen, Schießen und vieles mehr. Neben all dem sollen sie einen „feindlichen Agenten“, einen Maulwurf, unter ihren Mitschülern identifizieren, der sich eingeschlichen haben soll. Das dient als Übungsaufgabe und auch dazu, dass sich die Schüler*innen nicht so sehr miteinander anfreunden. Und obendrein werden sie selbst auch die ganze Zeit mit allem, was geht, bespitzelt. Nun ja, es ist eine Geheimdienstausbildung, nicht wahr?

Und wie es nun so ist (und damit der Spannungsbogen abrupt steigt …): Es gibt einen echten feindlichen Agenten, aber niemand von den Lehrer*innen weiß, wer es ist. Das findet der pfiffige Lennet heraus und hat ab sofort einen Wissensvorsprung vor seinen Mitschüler*innen. Der Agent in Ausbildung macht sich insgeheim an die Arbeit – denn einen echten Agenten zu stellen wäre doch auch ein prima Einstieg in seinen Beruf …

Wer ist der oder die Böse?

Vor der erfolgreichen Erledigung steht allerdings jede Menge Action auf dem Programm. Zunächst versucht Lennet (der übrigens in allen Bänden ohne Vornamen auskommen muss) seine Mitschüler auf die Probe zu stellen und sie dabei zu erwischen, wie sie sich in ihrer Tarnidentität verhaspeln. So kann er nach und nach fast alle ausschließen. 

Eines Tages erwischt er jemanden, der etwas ins Wasser geworfen hat – und entlarvt so den angeblichen Agenten, den die Schüler*innen erwischen sollten. Wer aber ist der echte Agent?

Ende mit Schrecken und Humor

Schließlich erhält er von einer Lehrerin einen mysteriösen Auftrag, bei dem er sich mit verschiedenen Dingen zusammen ins Meer begeben soll. Er wird dann von einem Hubschrauber aus dem Wasser gefischt und als sie wieder an Land sind, eingesperrt. In seinem Gefängnis findet er heraus, wer der wirkliche Agent ist – und kann – uff – fliehen und im Froschanzug nach Paris gelangen, um dort selbstbewusst und keck in eine Aufzeichnung einer Spielshow zu gelangen, die sein einer Agentenkumpel immer ansieht. Und so steht er im Neoprenanzug auf der Bühne und teilt aller Welt mit, wer der feindliche Spion ist. Klar gibt’s dafür sein FND-Patent und die Lizenz zum Spionieren.

Wiedersehen macht Freude

Ein bisschen war das Lesen von Lennets Anfängen wie das Treffen eines alten Bekannten – man weiß ziemlich genau, wer einen erwartet, aber dann ist man doch wieder überrascht, dass man Sachen vergessen hat.

Aber es war ein sehr nettes Wiedersehen. Ja, man merkt den Zeitgeist der 60er, 70er und 80er, in denen die Serie geschrieben wurde. Das Bild von schlauen Computern, die die Auswahl von Kadetten übernehmen, verleitet heute zum Schmunzeln (und zum nervösen Zucken, da ja immer noch Leute glauben, dass das problemlos geht!). Manches ist damals doch so anders gewesen, und sei es auch nur der Umstand, dass man sich irgendwie in den Backstagebereich einer Spielshow mogeln kann, ohne dass man zigfach gefilzt und angezeigt wird.

Der junge Lennet ist übrigens irgendwie eine nette Type. Freundlich und charmant, ein bisschen frech und auch pfiffig, intelligent, aber nicht überheblich. Vielleicht ein wenig dickschädelig und er behandelt Frauen doch irgendwie von oben herab. Dafür vielseitig interessiert, weswegen ihm die umfangreiche Ausbildung auch Spaß macht. Einer, mit dem man gerne mal eine Runde Boule spielen würde oder essen gehen. Natürlich, aufgrund seines Berufes, nichts für eine tiefgehende lange Freundschaft.

Dass man 30 junge Leute komplett für die Ausbildung wegsperren kann, stelle ich mir für damals ebenfalls viel einfacher vor als heute: Wo kein Briefkasten, da kein Postweg und wenn der Weg zur nächsten Funke auch versperrt ist … dann sitzt man halt da und kann wirklich nichts ausplaudern. Das stelle ich mir heute schwieriger vor. Selbst wenn man allen die Smartphones wegnähme: Machen Geheimdienste eine internetlose Ausbildung?

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Geheimagent Lennet wird ausgebildet
Autoren Leutnant X
Seiten 116
Ausstattung Hardcover
Verlag Franz Schneider Verlag
Jahr 1967

Das Buch ist nur noch antiquarisch zu erhalten.


Foto: © Bredehorn.J/pixelio.de

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