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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Scharnow

Brandenburg. Lange Zeit eine Gegend, von der man wenig Gutes zu berichten wusste, ein Art Ödnis um Berlin herum, in der außer den Dagebliebenen und ein paar Nazis (manchmal in Personalunion) niemand tot übern Zaun hängen wollte. Das änderte sich mit der Zeit und nachdem die ersten Berliner, die keinen Bock mehr auf Großstadt hatten, dort ein Grundstück kauften und Craft Beer herstellten, erhielt das Bundesland eine Art Hipster-Zertifikat und war damit ausreichend cool, um ein paar bessere Geschichten darin und darum zu erfinden. Einige dieser Geschichten machten mir sogar richtig Lust, ebenfalls ein altes Haus zu kaufen, es auszubauen und zum Gärtnern rbb zu hören. Ich kann weder ausbauen noch gärtnern, aber die Landschaft in Brandenburg ist wirklich schön und den rbb mag ich auch.

Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen, sondern um einen weiteren Brandenburg-Roman, der gleichzeitig (unter anderem) ein weiterer Blick eines Berliners auf Brandenburg ist. Bela B. Felsenheimer ist jener (Ex-)Berliner und euch allen wahrscheinlich noch bestens bekannt als Schlagzeuger der Berliner Band Die Ärzte („Es gibt nur einen Gott: BelaFarinRod“ – ihr wisst schon …). Bela B. hatte genau wie seine Kollegen schon immer gern andere Projekte betrieben und in dem Zusammenhang hier und da auch mal was geschrieben, aber Scharnow ist sein erster Roman. Und dafür gar nicht schlecht.

Scharnow

Scharnow ist ein Ort in Brandenburg. Fiktiv, aber deswegen nicht weniger normal. Ein bisschen langweilig, ein bisschen abgeranzt und ein bisschen skurril. Genauso wie im nahegelegenen Berlin kann man in Scharnow machen, was man will und sein, wer man will. Heißt, es ist ein guter Ort für durchgeknallte Horrorfilm-Säufer, einsame Tierliebhaberinnen, romantische Enkeltöchter und Neffen, sensationsheischende Polizisten und Leute, die wirklich übernatürliche Kräfte haben (und nicht nur eingebildete). Im Gegensatz zu Berlin fehlt Scharnow allerdings die Anonymität, daher weiß am Ende jeder, wer wer ist. Das sollte einem egal sein können. 

Im Roman geht es jedenfalls um genau solche Leute, die es entweder aus Versehen oder mit voller Absicht nach Brandenburg verschlagen hat und die in einer Art und Weise vor sich hin werkeln und spinnen, dass es einem pure Freude bereiten kann. Allein die Rührigkeit der Leute vor Ort würde mich bestens unterhalten, aber dann gibt es auch noch so etwas wie Handlung.

Scharnower …

Im Mittelpunkt derselben steht ein fliegender Mann, der möglicherweise ein wichtiger Teil einer von Außerirdischen gelenkten Weltverschwörung ist, und dessen Fähigkeit auf ein traumatisches Ereignis in seiner Kindheit zurückgeht. Er selbst ist total abgebrannt, aber sein Kumpel aus Kindertagen hat sich mit Erotiktanz eine goldene Nase verdient und ist gern bereit, seinen alten Freund hier und da zu unterstützen. Der Kumpel tanzt also gern und anscheinend auch sehr gut, verliebt sich aber völlig unerwartet in eine Supermarkt-Kassiererin, die kurz vorher auf tragische Weise ihr Haustier verlor. Das war kurz nachdem sie Zeugin eines sehr seltsamen Überfalls an ihrem Arbeitsplatz war. Ebenfalls Zeugen waren ein junger Mann aus Syrien und eine Teenagerin aus Berlin, die sich gerade ineinander verliebten, was beide aber noch nicht wahrhaben wollen. Viel zu abgelenkt sind sie von den nackten Banditen, die eigentlich nur Stoff für ihre regelmäßige Druckbetankung brauchen, es aber irgendwie mal wieder übertreiben. 

Die nackten Banditen beispielsweise sind „der Pakt der Glücklichen“, eine Mischpoke aus einer Handvoll Gelegenheitsarbeiter, die sich per Manifest dazu verschrieben haben, nur noch Dinge zu tun, die sie glücklich machen und alles andere kategorisch zu vermeiden. Zu den Dingen, die glücklich machen, gehören gemeinsames Besaufen, Rauchen und Filme anzusehen. Zu den Dingen, die es zu vermeiden gilt, gehören unter anderem Lesen (um der reinen Information willen) und das Einhalten von Sauberkeit („Dreck wird erst dann gefährlich, wenn man Angst vor ihm hat.“). Letztere Klausel führte unlängst dazu, dass die Küche ob der bedrohlichen Unreinheit schlichtweg zugemauert wurde. Schade um den Kühlschrank. Dennoch darf man sich den Pakt nicht als einen undisziplinierten Haufen vorstellen. Im Gegenteil: die Regeln des Manifests sind streng einzuhalten. So wird nur mittwochs eingekauft und nur gemeinsam gesoffen. Niemand der Männer würde sich gegen das Manifest stellen, denn Regeln sind Regeln und nur ein stabiler Pakt verheißt ewige Glückseligkeit. In ihrer sehr eigenen Lebensweise sind sie zwar nicht unbedingt unauffällig, aber auch für niemanden eine Gefahr. Nicht einmal als nackte Banditen auf der Jagd nach Korn stellen sie eine ernstzunehmende Bedrohung dar. Trotzdem befinden sie sich im Verlauf der Handlung in der mehr oder weniger unangenehmen Situation, ein paar Leichensäcke entsorgen zu müssen. Gut, dass ihr Filmrepertoire zu einem Großteil indizierte Horrorfilme umfasst, was ihre Berührungsangst mit Leichen schnell abbaut. 

Am Scharnowsten …

Soviel dazu. Der Pakt ist ein gutes Beispiel für die Beknacktheit vieler Charaktere in dieser Geschichte. Beknacktheit ist an dieser Stelle durchaus wertschätzend gemeint. Während manche der handelnden Personen sich einigermaßen rational oder zumindest nachvollziehbar verhalten, agieren andere so lustvoll durchgeknallt, dass man sich einerseits mit beiden Händen an den Kopf fasst und andererseits nicht möchte, dass sie aufhören zu tun, was sie tun. Natürlich werden ihre Handlungen und deren Konsequenzen immer schräger. Umso erstaunlicher, dass es dem Autoren einigermaßen gelingt, alles beisammen zu halten und zwischendurch ein paar überraschende Verknüpfungen zwischen Personen und Handlungssträngen hinzulegen. 

Wer ab und zu was von Bela B. mitgekriegt hat, dem dürfte dessen Faible für Comics und Horrorfilme bekannt sein. Beides schlägt sich in Scharnow nieder. Ein bisschen Blut und Science-Fiction, Manga-Mädchen, niedliche Haustiere und Verschwörungstheoretiker – alles zwar im Fließtext und ohne Sprechblasen, trotzdem aber durch eine deutliche Sprache wie gezeichnet. Das dunkle Zimmer des Pakts mit groben Bleistiftstrichen, der Himmel über Brandenburg hell getuscht und die Seelenparkplätze in mildem Aquarell.

Bevor die Erwartungen aber ganz durch die Decke gehen: Bela B. ist sicher kein Literat. Manche Sätze, vor allem am Anfang des Buches, sind etwas hölzern, ein paar der Cliffhanger am Kapitelende etwas zu gewollt und das Ende ist … weiß auch nicht – aber was soll’s. Das Buch macht einfach Spaß! Man muss sich darauf einlassen, in guter alter Trash-Manier unterhalten zu werden. Ich hatte in der kalten, grauen Zeit des Corona-Kontaktverbots mit diesem knalligen Werk jedenfalls ein paar wunderbare Stunden auf dem Sofa und habe das Buch mit großer Freude in einem Affenzahn und zum Glück unverletzt durchgelesen. Darauf ’ne Mische.  

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Scharnow
Autor Bela B. Felsenheimer
Seiten 414
Ausstattung Hardcover
Verlag Heyne Verlag
Jahr 2018

 

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