chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Propeller-Opa

Ach, was tun, wenn der Opa immer weniger geistig anwesend ist? Und was tun, wenn man seinen Opa liebt und nur das Beste für ihn will, obwohl er das vielleicht gar nicht mehr so richtig versteht? Vor allen Dingen als Kind. Eine mögliche Antwort gibt Propeller-Opa von David Walliams, das auf eine vergnügliche Art und Weise mit dem Thema Demenz umgeht. Der besagte Opa wird nämlich immer tüdeliger, aber sein Enkel Jack Bunting schafft es trotz seiner jungen 12 Jahre, ihn da abzuholen, wo er ist, geistig und örtlich. Und nebenbei kommen sie beide noch einer Gangsterbande auf die Schliche, die alte Leutchen ausnimmt.

Aus Spiel wird Ernst

Jack lebt in London, zusammen mit seinen Eltern. Die Familie hat nicht viel Geld und so muss der schüchterne Junge immer noch mit seinem Dreirad durch die Gegend kurven statt schon ein richtiges Rad fahren zu können. Das ist ihm durchaus peinlich und aus Angst vor Hänseleien knüpft er keine Freundschaften zu seinen Klassenkameraden.

Jack ist trotzdem glücklich, denn er hat ja seinen Opa. Der war im zweiten Weltkrieg Pilot in der Royal Air Force (RAF) und mit seiner Spitfire in vollem Einsatz gegen die deutschen Luftstreitkräfte unterwegs. Der Junge liebt die Geschichten seines Opas, denn der alte Mann erzählt lebendig und so farbenfroh, dass beide richtig abtauchen in die Zeit. Aus Sicht des Jungen spielen sie Luftabwehr und er lernt alle Fachausdrücke und Redewendungen der Fliegerei inklusive aller Flugzeuge, die damals am Himmel unterwegs waren.

Der Opa aber lebt eigentlich immer mehr in der Vergangenheit, die Spiele sind für ihn Realität, er ist ganz wirklich zurückgegangen in seiner Zeit. Einer Zeit, die für ihn wichtig und erfüllend gewesen ist, in in der er sich gut gefühlt hat in seinem Job, den er trotz der Schrecken gerne machte.

Feindbeobachtung vom Kirchturm aus …

Spitfire im Flug

So eine Spitfire ist Opa Bunting im 2. Weltkrieg geflogen – und nun taucht er als alter Mann wieder in seine Erlebnisse von damals ein – dieses Mal unterstützt von seinem Enkel, der manchmal plötzlich sein Vorgesetzter ist.

Opa schafft es immer weniger, in der Gegenwart zu bleiben. Zwar ist er immer tadellos in seine penibel gebügelte Fliegeruniform gekleidet – aber an Silvester will er alle in den Keller schicken, weil ja Bombenalarm (die Silvesterraketen) ist … Manches Mal geht er von zu Hause weg, weil er meint, etwas im Fliegerhorst erledigen müssen. Dann ist die Aufregung groß, Jacks Eltern sorgen sich und befürchten, dass Opa nicht mehr in der Lage ist, allein zu Hause leben zu können. Als er eines Nachts den Kirchturm erklimmt, weil er meint, Aufklärungsrunden fliegen zu müssen, denken Jacks Eltern ernsthaft darüber nach, das Angebot des Pfarrers anzunehmen, den Opa ins neue Altenheim zu geben. Aber Jack will das nicht, er glaubt, dass sein Großvater dort nicht richtig untergebracht ist, dass er da nicht so verstanden wird, wie er seinen Opa versteht. Die Eltern nehmen ihren Sprössling ernst und geben nach: Sie wollen es erst einmal versuchen, dass der Opa bei ihnen lebt. Und so zieht der alte Mann zu Jack ins Zimmer, ins untere Bett des Stockbetts.

Leider büxt er von dort eines Nachts aus. Er klettert aus dem Fenster und ist mehrere Tage verschwunden, bis Jack ihn bei einem Schulausflug ins Kriegsmuseum in der an der Decke hängenden Spitfire entdeckt. Er holt den Alten unter Einsatz seines Lebens aus der Maschine – aber dabei gehen erwartungsgemäß einige Exponate zu Bruch und sowohl die Lehrerin als auch die Security-Männer sind sehr, sehr sauer. Nach dieser Eskapade wird der Ex-Flieger dann doch ins Altenheim gesteckt.

Aber als Jack ihn besuchen will, muss er feststellen, dass das Eingangstor des Altenheims unter Strom steht, Besuchszeit nur sonntags von 15 bis 15.15h ist und sein Opa plötzlich Pillen bekommt und tagsüber schläft. Das macht den pfiffigen Jungen misstrauisch und auch sein Opa hat gleich gemerkt, dass er in der „Kriegsgefangenschaft“ kalt gestellt werden soll. Und so schaffen die beiden es in einer wahnwitzigen Aktion, alle alten Leutchen aus dem Heim zu befreien. Und gleichzeitig kommen sie einer bösen Verschwörung auf die Spur.

Erinnerungen an früher und wieso das ein tolles Buch ist

Ich finde Propeller-Opa toll. Einerseits ist es eine prima Geschichte für Kinder, mit der sie sich die ganze Sache mit Demenz und Alzheimer etwas plastischer vorstellen können. Das ist quasi die sachliche oder pädagogische Seite.

Was ich aber viel faszinierender finde, ist die Welt, in der sich Opa und Enkel bewegen: Der alte Mann war Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg – und steckt den Enkel mit seiner Begeisterung für die Fliegerei und die Flugzeuge an. Es erinnert mich ein wenig an meinen eigenen Vater, der ebenso begeisterter Flugzeugfan ist – allerdings auch für die zivilen Flugzeuge. Wie in Jacks Zimmer hingen auch bei uns viele Modellflugzeuge an der Wand, die mein Vater akribisch und richtig bemalte. Ich durfte als Kind unzählige Flugtage und Flugschauen besuchen – Spitfire, Messerschmidt, Henkel und so fort sind daher bekannte Namen für mich.

Aber auch wenn man keinen solchen Hintergrund hat, ist Propeller-Opa ein schönes Buch. Wenn der Enkel seinen Opa vom Kirchturm lotst, indem er sich als Staffelkapitän ausgibt und dem alten Mann Befehle zubellt und der Opa gehorcht und so sicher wieder auf die Erde gelangt, wird schnell klar, dass der kleine Jack den richtigen Ton trifft, um zu Opa durchzudringen. Das ist gerade mit der Fliegergeschichte prima darstellbar. Sogar die Szenen im Altenheim, in der Jack und sein Opa dessen Flucht vorbereiten, verlaufen ganz prima, eben weil der Opa in seiner Welt lebt – als Kriegsgefangener versucht man eben, den Feind auszutricksen und auch die Mitgefangenen bei der Flucht nicht zurückzulassen. 

Ja, es gibt einige Geschichtchen, die hanebüchen wirken, übertrieben sind. Das macht aber rein gar nix, weil man einfach so viel Spaß an der gesamten Story hat. Also lesen und sich kaputtlachen – und ein bisschen mehr verstehen, wie es ist, wenn das eigene Gehirn sich in die Vergangenheit zurückzieht und die Gegenwart egal wird.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Propeller-Opa
Autoren David Walliams
Seiten 464
Ausstattung E-Book
Verlag rowohlt e-book
Jahr 2017

 


Foto: © Chowell/Wikimedia Commons – CC BY-SA 2.5

 

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