chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Oh, wie schön ist Panama

Der allgemein bekannte und beliebte Kinderbuchautor Janosch ist kürzlich 90 Jahre alt geworden. Er ist definitiv einer der ganz ganz Großen unter den Kinderbuchliteraten, der wahrscheinlich noch über Generationen hinweg im Schein einer Nachttischlampe vorgelesen wird. Das Merchandising zu seinen Werken erfreut sich ambivalenter Beliebtheit (Benjamin von Stuckrad-Barre äußerte sich einmal sehr despektierlich über Tigerenten und auch ich kann die dazu passenden Zahnputzbecher nicht mehr sehen), aber seine Werke selbst sind äußerst vielseitig und unterhaltsam.  Auch als Erwachsene (oder das, was ich dafür halte) kann ich mich noch an Kümmel-Luki oder Herrn Wondrak erfreuen. Aber eigentlich wollte ich die Gelegenheit hier nutzen, eines seiner berühmtesten Werke mit dem Abstand einiger Jahre unter die Lupe zu nehmen.  

Oh, wie schön ist Panama – das schmale Bilderbüchlein mit der großen Schrift ist wahrscheinlich jedem ein Begriff. Für diejenigen, denen der Titel nicht bekannt vorkommt, hier eine kurze Zusammenfassung:

Der kleine Bär und der kleine Tiger lebten gemeinsam in einem kleinen Haus am Flussufer. Der kleine Bär ging angeln und der kleine Tiger Pilze sammeln und es gab nichts, woran es ihnen fehlte oder wovor sie sich fürchteten. Bis sie eines Tages eine Kiste aus dem Fluss fischten, die herrlich nach Bananen roch. „Panama“ stand auf der Kiste und von da an war beiden klar, dass Panama nach Bananen duftet und es demzufolge das Land der Träume sein muss. Schnell stand der Plan fest und am nächsten Morgen machten sich die beiden auf den Weg. Bewaffnet mit der Tigerente, einem Kochtopf und einem Hut folgten sie einem selbstgebauten Wegweiser (sonst wüssten sie ja nicht, wohin) und gingen los. Die Reise führte sie durch ferne Gefilde und sie machten viele interessante Bekanntschaften. Die wussten zwar auch nicht so genau den Weg nach Panama, behaupteten aber oft das Gegenteil und leiteten die beiden gerne mal nach links. Bär und Tiger kamen also ganz schon herum und trafen zu guter Letzt auf eine Krähe, die sehr überzeugt war, genau zu wissen, wo dieses Panama liegt. Sie geleitete die beiden auf einen Baum und deutete von der höchsten Spitze aus auf einen Fluss mit weitem Land drumherum und ein paar Bäumen im Land. Die beiden Säugetiere waren hin und weg. Schnell wieder runter vom Baum, ab zum Fluss, Floß gebaut und rüber. Und dann, im Paradies angekommen, fanden sie tatsächlich ein altes etwas verwittertes Häuschen und direkt davor ein leicht kaputtes Schild auf dem – na, was wohl stand? – Jawoll, Panama. Sie waren angekommen. 

Angekommen?

Ob sie jemals bemerkt haben, dass sie im Kreis gegangen und lediglich wieder zu Hause angekommen sind (auch wenn sie ihr Haus erst ein bisschen renovieren mussten)? Oder spielt es am Ende gar keine Rolle, denn: es war der schönste Platz der Welt und die beiden wollten nie wieder weg. Was kann es Besseres geben?

Soweit, so bekannt. Als Kind fand ich die Geschichte vor allem süß und anheimelnd und erfreute mich an dem Gedanken, ein Leben zu führen, in dem man mit seinem besten Freund in einem Haus wohnt, Fisch und Pilze isst und einfach loslaufen kann, sobald und wohin man möchte (ich hasste Pilze und Fisch, aber im Buch sah beides so viel besser aus als in echt). Mittlerweile (ca. 35 Jahre später) sehe ich noch ein bisschen mehr in dieser Geschichte und ihren Bildern. Mal gucken, was mir so einfällt.

1. Die völlig irrationale Sehnsucht

Früher hatte ich das ständig, mittlerweile hat es ein bisschen abgenommen, möglicherweise durch die überzeugende Kraft der Realität und Planungssicherheit: – eine Sehnsucht nach irgendwas: Ananas essen in einem fernen Land mit blauem Meer. Auf einem Segelboot fahren. Pferde zu beobachten, ohne dass andere Menschen dabei sind. Mein Traumland war Indien, ohne dass ich wusste, warum. 

Es gibt immer noch kleine Sehnsuchtsmomente, aber sie sind leider etwas banaler geworden. Trotzdem fielen mir die alten Sehnsüchte wieder ein, als ich las, wie der Bär die Kiste findet, daran riecht und sofort weiß: „Panama. Yo – das isses!“

2. Die Ziellosigkeit

Kann man eigentlich gar nicht so nennen, denn das Ziel ist ja klar wie Kloßbrühe. Trotzdem taumeln die beiden ganz schön planlos durch die Landschaft, sitzen im Regen oder bei wildfremden Tieren in der Bude. Aber egal: am Ende brauchen sie sich vor nichts zu fürchten und kommen sogar irgendwo an. Und zwar da, wo es gut ist. Das ist im Grunde die Quintessenz jedes Road-Movies, aber hier mit 46 Seiten (inkl. ausladender Bilder) wirklich auf den Punkt gebracht.

 3. Die kleinen Seitenhiebe

Der Fuchs, der mit einer Gans Geburtstag feiern will? Sagt sich so festlich, die Gans, die der Fuchs auf dem Bild daneben in den Armen hält, ist allerdings schon tot. Messer und Gabel liegen dezent an der Seite. Hase und Igel ein paar Seiten weiter schuften schwer, leben dafür aber sehr harmonisch in einem Haus mit einem gigantischen Sofa. Und träumen jetzt ebenfalls von Panama. Ob sie auch bald losziehen?

4. Die Bilder

Mal ehrlich: Janosch ist der wuscheligste Autor, den es gibt. Das liegt nicht nur an den Protagonisten, die überwiegend weiches Fell haben, sondern auch an den von ihm selbst angefertigten Illustrationen. Diese nämlich strahlen eine einzigartige Wolligkeit aus, die man sonst nirgendwo findet. Es pelzen nicht nur die Felle und Gefieder der Tiere, sondern auch das Gras, die Felder und die Bäume, ja sogar Sofa und Kochtopf sehen aus, als könnte man sie kraulen und sich an ihnen die Füße wärmen. Schraffierungen wie Haare und Kanten wie weiche Knautschzonen. Und alles irgendwie in sanfter Bewegung. 

5. Das Lob auf Zuhause

Man kann ja in der Zeit der Pandemie nicht mehr hören, dass es zu Hause am schönsten sein soll. Und gerade, wenn man an Punkt 1 denkt, ist es das auch längst nicht mehr. Dennoch kann man von den beiden hierzu vielleicht noch was lernen. Denn die zwei sehen ihr Zuhause ja nicht nur in einem neuen, sondern geradezu in einem völlig fremden Licht. Einem Licht, das so radikal anders ist, dass sie ihr eigenes Haus nicht mehr wiedererkennen. Wenn man diesen Blickwinkel auch nur im Ansatz jetzt gleich reproduzieren könnte – wären wir alle wieder unterwegs auf Individual-Rucksackreise. Genial, oder? 

Fazit: Ich muss sagen, auch wenn das Buch und die Geschichte etwas abgegriffen erscheinen (und auch meine Deutungsversuche hier sicher nicht die neuesten sind), hat die Reise nach Panama nach wie vor ihren Charme. Man sollte vielleicht etwas Zeit verstreichen lassen, bis man das Werk wieder zur Hand nimmt. Dann aber könnte der eben beschriebene Trick auch hier funktionieren: Mit einem anderen Blick darauf und etwas Abstand erscheinen viele Dinge plötzlich anders. Und anders schön.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Oh, wie schön ist Panama
Autor Janosch
Seiten 46
Ausstattung Bilderbuch
Verlag Beltz & Gelberg
Jahr 1978

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: