chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Mein Bruder heißt Jessica

Sam fällt aus allen Wolken, als sein Bruder Jason eines Abends der Familie eröffnet, dass er eigentlich ein Mädchen ist. Schon immer war. Wie, so fragt sich der kleine Bruder, kann man ein Mädchen sein, wenn man „einen Pimmel“ hat? Und auch schon eine Freundin, mit der man knutscht? Und – vollkommen unverständlich – auch noch der Oberkracher im Fußball ist – sogar Mannschaftskapitän? Das ist viel zu unvorstellbar für den Dreizehnjährigen, für den sein großer Bruder die unverzichtbare Stütze im Leben ist. Der ihm bei seiner Lese- und Schreibschwäche hilft, der auf ihn aufpasst und der immer da ist – vor allen Dingen, wenn die Eltern mal wieder keine Zeit haben. Die Mutter ist nämlich Ministerin im britischen Parlament und der Vater ihr Sekretär. Und die beiden sind meistens viel zu sehr damit beschäftigt, die Karriere der Mutter voranzutreiben, als sich mit ihren Sprösslingen auseinander zu setzen.

Aber Sam versucht irgendwie seinen Bruder (oder am Ende gar Schwester?? verdammt, wie denn nun?) zu verstehen und damit klar zukommen, dass der 17-jährige plötzlich nicht mehr der Ältere ist, der ihm bei seinen Sorgen hilft. Da er das ganze Thema aber kaum versteht und sich schon gar nicht vorstellen kann, ist es ziemlich schwer für den Jungen, sich überhaupt zu der gesamten Situation zu verhalten.

Sei doch einfach normal!

Schlimmer sind die Eltern. Denn die Mutter – die erfolgreiche Politikerin mit Hang zum Konservativen und Ambitionen auf den Posten der Premierministerin – macht sich Sorgen, dass der inzwischen langhaarige Jason negative Auswirkungen auf ihre Karriere haben könnte. Der Vater will wissen, ob eine Elektroschocktherapie helfen könnte, „das Problem“ wieder aus der Welt zu schaffen. Jason soll wieder auf Spur gebracht werden und sich normal benehmen.

Das Verhalten der Eltern färbt auch auf Sam ab: Hin- und hergerissen zwischen seinen eigenen Sorgen, dem Mitgefühl für seinen Bruder, Anforderungen von Seiten der Eltern und dem Schock der plötzlich total veränderten Situation will er immer mehr einfach nur seinen großen, verlässlichen Bruder zurück. Sam versucht mit seinen 13 Jahren damit klarzukommen, dass Jason sich immer mehr verkriecht. Er versucht auch wegzustecken, dass sich seine Klassenkameraden über ihn und Jason lustig machen. Ihm werden Schminksachen auf seinen Tisch in der Schule gestellt und die hämischen Bemerkungen tun auch weh. Mit den Eltern kann man nicht reden – und auch die beiden Brüder schaffen es nicht, sich gut auszutauschen. Letztlich reagiert er impulsiv in der für ihn ausweglosen und irgendwie bedrohlichen Situation: Er schneidet Jason nachts den Pferdeschwanz ab und versteckt die Haare. Und glaubt, dass mit den kurzen Haaren Jason zur Vernunft kommt und einfach wieder sein geliebter großer Bruder ist. Natürlich klappt das hinten und vorne nicht.

Helfen Elektroschocks?

Irgendwann schleifen die Eltern beide Kinder zu einer Stunde bei einem Psychologen, der sogar ganz nett zu sein scheint, aber es in der ersten Stunde auch nicht schafft (nicht schaffen kann), alle mal zum Zuhören und Akzeptieren zu bewegen. Trotzdem scheint ein bisschen durch, dass die Eltern neben ihren karriereinduzierten Ängsten irgendwo auch Sorge um ihr Kind haben – auch wenn der Vater am Ende wieder mit der Idee von der Elektroschocktherapie anfängt …

Kurz vor Weihnachten flüchtet Jason dann zur Schwester seiner Mutter, einer Hippiefrau mit offenen Ansichten. Und dort bleibt er einfach. Die Eltern rufen ihn nicht an, sondern beschäftigen sich mehr und mehr damit, ob die Mutter doch noch Premierministerin werden könnte. Dafür darf aber niemand erfahren, was los ist. Sam fährt irgendwann auf Einladung seiner Tante zu ihr und besucht Jason. Der heißt allerdings jetzt Jessica und sieht auch überhaupt nicht mehr wie ein Junge aus. Die Haare sind wieder länger, Schminke im Gesicht, rasierte Beine und so fort. Er fühlt sich wohl, weil er so sein kann wie er will. Und ersie geht weiter zu dem Psychologen, der sie bestärkt und akzeptiert. Auch eine Selbsthilfegruppe hat Jason/Jessica aufgetan, mit lauter Leuten, denen es genauso geht. Sam versteht die Welt zwar immer noch nicht richtig, aber er sieht auch, dass es Jessica irgendwie gut geht. Nach diesem Besuch telefonieren die beiden öfter und Sam stellt fest, dass man sich mit Jessica wie früher mit Jason gut unterhalten kann.

Und dann lernt Sam Laura kennen und kommt mit ihr zusammen. Er vertraut sich ihr an und sie erzählt ihm, dass ihr Vater (ebenfalls ein Politiker) mal eine Affäre mit einer anderen Frau hatte, sie daher ein Halbgeschwister hat, die Familie von den Medien in der Luft zerrissen wurde – und sich nach einer Weile einfach alles wieder beruhigt hat. Die Eltern sind sogar wieder zusammen. Sie macht Sam Mut, dass sich die ganze Aufregung in ein paar Jahren einfach erledigt haben wird.

Allerdings muss auch Laura mit jemandem reden und erzählt ihrer Mutter die ganze Geschichte – und die erzählt es prompt dem Vater, der sich die Story für seine eigenen politischen Ambitionen zunutze macht. Plötzlich steht alles auf der Kippe – und an irgendeinem Abend, ohne Parteifreunde und Reporter, als alle mal für einen Moment zur Ruhe kommen, merken die Eltern, dass sie vielleicht Mist gebaut haben. Plötzlich weinen alle beide und fühlen, wie mies sie sich benommen haben. Dass sie keinen Blick und kein gutes Wort für ihr ältestes Kind hatten.

Trotzdem: Jetzt hat die Presse ein gefundenes Fressen und das für alle bekannte Tohuwabohu läuft. Die Mutter hätte sich mehr um das Kind kümmern müssen, dann wäre das nicht passiert. Der Vater ist ein Weichei, er ist ja nur der Sekretär seiner Frau. Und so weiter. Aber irgendwie ficht es die Eltern nicht mehr richtig an – und das erweist sich am Ende als gut.

Einfach mal die Perspektive wechseln

Das Buch ist aus der Sicht von Sam geschriebenen, das ist irgendwie ganz prima. Schließlich ist es für Geschwister bestimmt nicht leicht, wenn sich gravierende Umwälzungen jeglicher Art ereignen, egal, ob einer stirbt, schwer krank wird, sich die Eltern trennen oder der Bruder neuerdings eine Schwester ist. Und wie der Autor John Boyne in seinem Nachwort schreibt, wollte er auch gar nicht aus der Sicht einer Transgender-Person erzählen. Das hätte er falsch gefunden. Mir gefällt es jedenfalls, wie Boyne an die Sache herangeht und ich finde, es ist ihm gut gelungen, die Welt eines 13-jährigen einzufangen und vor allen Dingen, die Verwirrung des Jungen darzustellen.

Wie wär’s mit Kommunikation?

Was mir an dem Buch zwischenzeitlich auf den Wecker ging: Ständig reden alle aneinander vorbei. Keiner hört dem anderen zu. Keiner versucht, den anderen auch nur halbwegs ernst zu nehmen. Auf mich wirkte das wie die alte Methode, Spannung über Missverständnisse und Ignoranz aufzubauen. Irgendwie komme ich damit nicht klar. Ich rege mich auf. Aber leider, so stelle ich es mir vor, erleben einen Haufen Menschen genau so was. Egal, ob es um ein wie auch immer geartetes Coming-out geht oder um sonstige familiäre Konflikte: Es ist einfacher, mit seinen Vorstellungen, Erwartungen, Ängsten und Vorurteilen um sich zu schlagen, um mit einer Situation klarzukommen, als innezuhalten und mal rauszufinden, was man eigentlich will.

Die Politikermama und der Sekretärpapa hätten vielleicht auch jemanden wie Jennifers Mama aus Der Katze ist es ganz egal gebraucht. Dann hätten sie dort anrufen und sich den ein oder anderen Tipp holen können. Aber sie schaffen es ja nicht mal, die Tante wirklich anzurufen oder dem Therapeuten zuzuhören.

Eigentlich hat doch jeder irgendwas

Außerdem ist es doch sehr auffallend, dass eigentlich jeder in dem Buch irgendwas hat, was nicht so ganz „normal“ ist: Sam hat Dyslexie, die Mutter ist die Erfolgreiche, der Vater der Sekretär seiner Frau, der Bruder transgender, Laura hat ein Halbgeschwister aus einem Seitensprung ihres Vaters, die Tante hatte drei Ehemänner und war mal im Gefängnis. Das einzig „Unnormale“ an Jason/Jessica ist, dass das noch nicht so üblich ist – und deswegen als unnormal gilt. Das finde ich einen schönen Kniff des Autors, denn es kommt so nebenbei rüber, dass ich mich unwillkürlich nach meinem eigenen Bild von Normalität gefragt habe. Normal ist doch das, was „üblich“ ist, was bei den meisten so ist. Aber (und das schreibt euch hinter die Löffel!) eben nur bei den meisten (!). Der Rest ist vielleicht ganz anders, gehört aber trotzdem zu „allen“ dazu.

Und noch was: Wenn ihr mit einer Situation überfordert seid (auch wenn es nicht um sexuelle Orientierung geht, sondern um irgendetwas, das euer aktuelles Weltbild aufmischt), haltet doch einfach mal inne und schaut, was es wirklich ist, was euch wütend, traurig oder ängstlich macht. Vielleicht fällt es euch dann leichter, mit eurem Gegenüber umzugehen, statt zu überlegen, ob Elektroschocks sinnvoll wären, damit eure Welt weiter so bleibt, wie sie ist …

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Mein Bruder heißt Jessica
Autoren John Boyne
Seiten 256
Ausstattung Hardcover
Verlag Fischer KJB
Jahr 2020

 


 

3 Antworten zu “Mein Bruder heißt Jessica

  1. tala2019 13. Mai 2021 um 11:28

    Findest du das Buch trotz der Kommunikationsprobleme zwischen den Figuren gut zu lesen? Mich ärgert sowas auch immer, denn oft lassen sich Probleme schnell lösen, wenn man miteinander redet. Aber das scheint tatsächlich nicht immer selbstverständlich zu sein.
    Liebe Grüße, Tala

    • chairlounge 19. Mai 2021 um 20:17

      Hallo Tala, ja, ich finde, dass man das Buch gut lesen kann – trotz der Kommunikationsschwierigkeiten. Das ging mir zwar gegen den Strich, aber die eigentliche Geschichte kommt trotzdem gut rüber. Und wie gesagt, ich finde es ganz prima, dass das Buch aus der Sicht des kleinen Bruders geschrieben ist.
      Und das eine ist der vermeintliche Spannungsaufbau über Nichtkommunikation – was ich aber wichtiger finde: Mich selbst an die Nase zu fassen und zu schauen, ob ich nicht auch manchmal merkwürdig mit anderen umgehe und das dann lieber ändere 🙂

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