chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Weit weg von Verona

Jessica Vye hat es nicht leicht: sie weiß immer, was andere denken, sie kann nicht lügen und niemand mag sie. Naja, bis auf ihre Freundin Florence und später vielleicht auch Christian, aber der ist selbst irgendwie komisch. Alle anderen Mädchen in der kleinen englischen Stadt finden sie jedenfalls höchst merkwürdig. Jessica selbst ist mit sich ziemlich im Reinen, seitdem sie weiß, dass sie Schriftstellerin werden will. Das hat sie immerhin schon im Alter von neun Jahren herausgefunden. 

Leider muss sie trotzdem noch zur Schule, obwohl sie sich dort nur mit ihren Lehrerinnen und Mitschülerinnen in der Wolle hat. Lediglich mit der schrulligen Miss Philemon versteht sie sich gut. Vielleicht liegt das daran, dass Miss P. auch ein bisschen verrückt ist und sich einen Dreck darum schert, was andere Leute von ihr denken. Vielleicht ist der einfache Grund dafür aber auch der, dass Miss Philemon genauso gern Bücher liest wie Jessica – und am Ende sogar ihr Gedicht lesen darf.

Die Frage, wovon das Buch handelt, ist also nicht so schwer zu beantworten: Es geht um ein junges Mädchen, dass Schriftstellerin werden möchte und mit diesem Wunsch im Herzen in einer kleinen englischen Stadt inmitten des Zweiten Weltkriegs erwachsen wird.  

Die Frage, was im Buch passiert, ist schon kniffliger. Denn eine Handlung, die sich ankündigt, dann langsam aufbaut und zum Schluss eine Höhepunkt und eine Auflösung hat, gibt es in dem Sinne nicht. Es passieren zwar Sachen, aber eher viele einzelne, nicht eine große. Die vielen einzelnen Geschichten haben als einziges gemeinsames Ziel, die Entwicklung der jungen Heldin zu schildern.

Das ist für eine klassische Coming-of-age-Story vielleicht noch gar nicht so ungewöhnlich. Hinzu kommt hier, dass das Buch aus der Ich-Perspektive von Jessica erzählt wird und Jessica gern zwischen den verschiedenen Episoden springt. Es ist also gar nicht so leicht, ihr zu folgen und zu begreifen, worauf sie eigentlich hinaus will. 

Die Summe der Einzelteile …

Ich versuche das mal ein bisschen genauer zu schildern: Zu Beginn des Buches möchte sie unbedingt mit ihren Freundinnen (oder dem, was Freundinnen in ihrer Welt am nächsten kommt) in einem Teehaus Tee trinken. Sie gehen also zum Teehaus, werden von der Besitzerin aber als Kunden nicht ernstgenommen. Daraufhin streiten sie ein wenig, zählen ihr Geld zusammen, um zu beweisen, dass sie welches haben und bestehen darauf – allen voran Jessica – bleiben zu dürfen. Das klappt dann auch und sie lernen beim Tee schlürfen eine schrullige ältere Frau kennen. Mit der smalltalken sie ein wenig, wie man das beim Tee vielleicht so macht, und als sie bezahlen wollen, stellen sie fest, dass die merkwürdige Frau die Rechnung schon übernommen hat. Am Ende der Geschichte weist Jessica darauf hin, dass diese Geschichte einen ziemlichen Einfluss auf nachfolgende Ereignisse habe. Aha. Der Einfluss blieb mir ehrlich gesagt verborgen. Zwar tauchen die schrullige Lady und natürlich auch die Mitglieder der Mädchenclique im Verlauf der Geschichte wieder auf, aber der Bezug zur Tee-Episode tut sich mir einfach nicht auf.

Ähnlich verläuft die Geschichte über die Freundschaft mit Christian. Sie wird auf ein Fest irgendeiner Familie eingeladen, deren Vater im Zusammenhang mit der Kirche zu tun hatte (Jessicas Vater ist Pastor, der feiernde Vater war wohl mal Dekan). Den Eltern ist es wichtig, dass sie hingeht (anscheinend, damit ihre Tochter ihnen anschließend den neuesten Klatsch über sie erzählen kann) und somit geht sie hin. Die Party ist ein ziemlicher Reinfall, sie versteht sich mit den anderen Mädchen kein bisschen und sondert sich irgendwann ab. Und dann lernst sie Christian kennen. Der Sohn der Gastgeber ist ein merkwürdig verschrobener Bursche, den sie aber von Anfang an wunderbar findet. Sie gehen spazieren, er gibt sich weltgewandt, intellektuell und bezeichnet sich als Kommunisten. Jessicas Vater übrigens auch, den er nebenbei sehr bewundert.

Irgendwann kurze Zeit später besucht er sie – nein, ihren Vater – um mit ihm zu fachsimpeln. Wieder kurze Zeit später besucht er Jessica, um mit ihr in die Slums zu fahren. Er will ihr die Armut der Menschen näher bringen und so setzen sie sich in einen Bus und fahren in eine arme Gegend. Arme Menschen gibt es dort tatsächlich, doch vor allem gibt es einen Luftangriff. Beide überleben, aber die Gegend liegt in Schutt und Asche. Erst Jessica, dann auch Christian werden von einer Familie aufgelesen, deren Haus ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Nachdem die Kids den ersten Schock überwunden haben, setzt Jessica Christian in einen Bus heimwärts. Sie selbst kommt mit einem anderen Bus nach Hause, in dem zufälligerweise die merkwürdige Miss Philemon sitzt.

… liegt irgendwo zwischen den Zeilen

Eine durchaus interessante Episode, finde ich (und auch die aufschlussreichste). Trotzdem hat mich irritiert, dass aus ihr nicht viel folgt. Jessica erzählt ihren Eltern nichts von dem Ereignis, ihre Mutter erfährt es mehr oder weniger zufällig von Christians Mutter, der Christian ganz aufgeregt alles erzählt hat. Anscheinend waren beide durchaus geschockt von diesem Erlebnis. Jessica sieht Christian danach nur noch einmal wieder. Er ist anders, nicht mehr so faszinierend. Und kann sich an ihren Aufenthalt bei der Familie nicht mehr erinnern. Sie streiten sich und danach ist Christian aus Jessicas Leben verschwunden.

Und trotzdem!

Im Großen und Ganzen geht es darum, wie Jessica ihr Leben lebt und dabei – mehr oder weniger zielstrebig – ihren Wunsch verfolgt, Schriftstellerin zu werden. Das ist schön mitzuerleben, da sie wirklich ein interessantes junges Mädchen ist, das sich nichts sagen lässt und allen Widrigkeiten in ihrer Umgebung (gemeinen Lehrerinnen, zickigen Mitschülerinnen, begriffsstutzigen Eltern etc.) trotzt. Dazu zeichnet das Buch ein sehr plastisches Bild vom kleinstädtischen England während des 2. Weltkriegs und zwar ohne viel vom eigentlichen Kriegsgeschehen zu schildern (von der Episode mit dem Luftangriff mal abgesehen). Das ist ungewöhnlich und macht das Buch zu einer durchaus fesselnden Lektüre. Allerdings bliebt für mich das Problem mit dem Springen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist nicht so, dass Jessica keine ihrer Geschichten zu Ende erzählt und ich ihr gar nicht folgen konnte. Sie deutet allerdings immer wieder an, welche Bedeutung diese und jene Episode auf die nachfolgenden Ereignisse habe und diese Bedeutung wurde mir nicht immer klar. Teilweise verlor ich auch den Sinn für die richtige chronologische Abfolge der Ereignisse. Das wiederum könnte aber auch meinem Leseverhalten geschuldet sein, das ich im Lauf des Buches entwickelte: Ich las halt so voran, Story für Story und gab mir immer weniger Mühe, die Ereignisse einzuordnen. Das fand ich ein bisschen schade, weil ich Jessica und ihre Welt wirklich mochte.

Schlussendlich muss man das Mädchen und ihre Geschichte einfach mögen. Wenn man einen Draht zu ihr und ihrer Erzählweise findet, hat man mit Weit weg von Verona großen Spaß. Wenn nicht, dann muss man immerhin zugeben, dass das Buch und Jessica eins gemeinsam haben: sie sind höchst eigenwillig. Und das ist meiner Meinung nach für beide ein großes Plus.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Weit weg von Verona
Autor Jane Gardam
Seiten 238
Ausstattung Taschenbuch
Verlag dtv
Jahr 1971 (Erstveröffentlichung)

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