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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Vier Freunde auf Büchersuche

Neulich habe ich Fernsehen gesehen – naja, nicht ganz, war ich doch bei einem der vielfältigen Streaminganbieter unterwegs. Ich habe rumgestöbert und bin dann bei einer Kinder-/Jugendserie hängengeblieben, die ich ganz witzig und gut fand. In der Serie finden vier Kids durch Zufall zueinander, denn sie sind am gleichen Ort, als eine mysteriöse Schrift in verschüttetem Orangensaft auftaucht und ihnen einen Hinweis auf ein Geheimnis gibt. Da sie sich aber kaum kennen, denken sie nur, dass einer von ihnen (der frisch in die Stadt gezogene „Neue“, den sie noch nicht mal vom Sehen kennen) irgendwie echt schräg ist – bis sie noch ein paar Mal auf plötzlich auftauchende Nachrichten stoßen. Und feststellen, dass nur sie die Schrift sehen können. So finden sich die vier unverhofft in einem Abenteuer wieder, das insgesamt 26 Folgen dauert.

Besonders an der Serie ist, dass der „Neue“ quasi in einer Buchhandlung lebt, also in Wirklichkeit in der Wohnung darüber, aber seine Mutter und sein Opa betreiben den kruschtigen Laden mit handgeschriebenen Genreschildern und einer bunten Mischung aus antiquarischen und neuen Werken. Da sich die Kinder infolge ihres Abenteuers häufig dort treffen, spielt die Serie zu einem großen Teil in diesem Setting. Und der „Geist“, den die Kinder als Urheber der Schriften identifizieren, sendet den Vieren immer wieder Charaktere aus verschiedenen Büchern in ihr Leben. Plötzlich werden Romanfiguren lebendig – aber warum?

Das versuchen die Kinder herauszufinden – und gleichzeitig ihre Leben zu leben und zu bewältigen: Ob als superschlaues Mädchen zu lernen, dass andere auf andere Art schlau sind und es manchmal besser ist, den Wunsch zu helfen mit dem Angebot der Hilfe zu kombinieren. Oder die beiden Geschwister aus der Truppe, die die eine Hälfte der Woche bei Papa, die andere bei Mama leben. Von denen die jüngere Schwester sich so in das Geheimnis verstrickt, dass sie ihre Freundinnen total vernachlässigt, während ihr Bruder nicht versteht, warum er mit den Noten immer weiter runterrutscht und dadurch seine Teilnahme in der Baseballmannschafft gefährdet ist. Der „Neue“, der anfangs ein bisschen schüchtern ist und auch gar nicht umziehen wollte – und sich dann doch gut einfinden kann.

Dem „Warum“ kommen die vier näher, als sie nach und nach herausfinden, dass sie jedes Mal versuchen müssen, die Buchgestalten wieder in ihre Bücher zu transferieren. Und die Figuren helfen ihnen durch ihre Geschichte oder durch irgendeinen Umstand oder eine Fähigkeit, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Dadurch, dass der Geist immer wieder Figuren aus Romanen, Gedichten, Kurzgeschichten in unsere Welt sendet, lernt man so ganz nebenbei eine kleine Reihe an Gestalten kennen. Ob sie alle aus real existierenden Büchern kommen, habe ich nicht überprüft. Trotzdem sind manche bekannt: Da rennt plötzlich das Weiße Kaninchen durch die Schule der Kinder und hat wie immer keine Zeit, weil es zur Roten Königin will. Alice trippelt als Winzling in einem Klassenzimmer herum und wird fast zertreten. Das Frankenstein-Monster will einfach nur, dass sein Schöpfer es wahrnimmt und beachtet. Mogli taucht aus dem Dschungel-Buch auf und befreit alle Hunde aus dem Tierheim, weil die gehören nicht eingesperrt. Sherlock Holmes und Watson überraschen total – denn sie sind eine Adaption der Romanvorlage: sie sind Frauen. Oder die Space-Cowboys, die sich mit Laser-Peitschen schlagen und am Ende auf ihren Schwebemotorrädern davonbrausen. Ein Taxifahrer kommt aus einem Gedicht, aber am Ende ist auch er woanders her: Der Gedichtschreiber hat sich von einem Detektivroman inspirieren lassen.

So werden munter Figuren aus unterschiedlichsten Genres präsentiert, Erwachsenenliteratur oder Kinderbuch ist egal, auch die vielfältigen Wege, die so eine Figur zurücklegen kann, lernt man nebenbei. Ob man die Bücher kennt oder nicht (auch, ob es sie wirklich alle gibt oder nicht) ist wurst.

Die Kids sind allerdings nicht die super belesenen Nerds, nein, oft kennen sie die Geschichte gar nicht, oft müssen sie erstmal das Internet danach durchforsten, woher denn der aktuelle Charakter bloß kommt, und sich dann das Buch besorgen und lesen. Im Falle der Space-Cowboys liegen sie eine ganze Weile falsch, weil sie durch das Outfit der Typen denken, dass sie es mit einem Western zu tun haben – bis sie irgendwann das Schwebemotorrad entdecken …

Insgesamt eine nette Serie. Manchmal sind die Probleme und ihre Lösung doch arg kurz geraten, aber auf der anderen Seite wird die Story so nicht durch eine epische Breite totgetreten. Gut gefallen hat mir auch, dass die Kinder nicht sofort aufeinander losstürzen und dicke Freunde sind. Nein, sie fühlen sich anfangs eher als zufällig zusammengewürfelt, dann als Verbündete und werden erst nach und nach Freunde. Wie im richtigen Leben eben.

 

 

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