chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Mein verlorenes Land

Ende 2019 war ich in Vietnam. Ein Urlaub, keine außergewöhnliche Reise, sondern nur eine Stippvisite als Touristin. Und doch ist für mich ein langgehegter Traum in Erfüllung gegangen. Denn Vietnam ist seit meiner Kindheit in meinem Kopf. Und damit hat ein ganz bestimmtes Buch zu tun, welches ich euch heute hiermit vorstellen möchte.

Mein verlorenes Land ist eine Sammlung von Erzählungen des Autoren Huynh Quang Nhuong, in denen er von seiner Kindheit in einem Dorf in Vietnam erzählt. Für mich als westdeutsches Stadtkind war es eine Kindheit voller Abenteuer. Schlangen, Wasserbüffel, Wildschweine und andere Tiere nehmen einen großen Platz in seinen Geschichten ein, aber auch die Familie und sein ganzes Dorf spielen eine wichtige Rolle. Das alles wirkte auf mich so fremd und faszinierend, dass ich erstens das Buch in einem Rutsch durchlas und mich zweitens die Schilderungen von Land, Leuten und Tieren nie wieder losgelassen haben. Bis heute.

Huynh Quang Nhuong ist in diesen Erzählungen noch ein Junge. Er wächst bei seinen Eltern in einem kleinen Dorf im Hochland von Vietnam auf. Neben seinen Eltern und seinen  sieben (!) Schwestern gehört vor allem sein Cousin zu seinem engen Familienkreis. Mit ihm verbringt er viel Zeit. Sein Cousin ist etwas älter als er und fungiert dadurch als Vorbild – er ist stark, klug und mutig und weiß auch in brenzligen Situationen meistens, was zu tun ist.

In seinem Buch erzählt er von den unglaublichen Geschichten, die die beiden zusammen erleben oder die die Menschen aus dem Dorf sich erzählen. In den meisten Fällen kommen oben genannte Tiere vor und immer geht es um Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt und Freundschaft.

Besondere Kreaturen …

Eine ganz besondere Freundschaft verbindet den Autoren zum Beispiel mit dem männlichen Wasserbüffel der Familie, Tank. Nachdem der alte Büffel starb, war es dem Vater wichtig, einen neuen Büffel zu finden, der in der Lage sein würde, auf den Reisfeldern zu arbeiten, aber auch sich und die beiden Weibchen gegen Angreifer (wir reden hier unter anderem von Tigern!) zu verteidigen. Der Vater findet mit viel Glück ein Mischlingskalb, dessen Papa ein hitziges Tier aus dem Gebirge und dessen Mama ein geduldiges Exemplar aus dem Tiefland war. Ich kann mir das Ergebnis nicht gut vorstellen, aber für die Familie war das Kalb perfekt. So kommt Tank in die Familie, als der Autor sechs Jahre alt war und zwischen beiden entwickelt sich eine tiefe und langanhaltende Verbindung. Zusammen fangen sie die größten Fische des Flusses.

Noch tiefer ist nur die Freundschaft zu seinem Cousin, der bei seiner Familie aufgewachsen und somit für ihn wie ein Bruder ist. Mit ihm geht Huynh durch dick und dünn, weil er weiß, dass sein Cousin auf ihn aufpasst. Eines Tages verwechseln sie einen Baumstamm mit einem übergroßen Python und merken es erst, als sie sich gesetzt haben und sich die vermeintliche Sitzgelegenheit unter ihnen bewegt – die beiden entkommen in letzter Sekunde. Ein anderes Mal allerdings gelingt es seinem Cousin, einen kleinen Python zu fangen und zu zähmen. Fortan kann er ihn überall hin mitnehmen und sogar als Kopfkissen benutzen (Pythons scheinen fantastische Kopfkissen abzugeben – leider bin ich nie in den Genuss gekommen, es selbst auszuprobieren).

Manche Geschichten enden auch tragisch, so zum Beispiel die Episode der Zwei-Schritt-Schlange (nach ihrem Biss kann man nur noch zwei Schritte tun, bevor man stirbt) und dem frisch vermähltem Hochzeitspaar. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber die Geschichte geht für niemanden gut aus, obwohl nicht einmal die Schlange wirklich daran Schuld war.

… und ein vergangenes Land

All diese Erzählungen sind eingerahmt von der Geschichte des Landes, auf die der Autor gleich am Anfang Bezug nimmt. Als junger Mann verlässt er das Dorf, um zu studieren und mit dem festen Willen, als Lehrer wieder dorthin zurückzukehren. Doch der Krieg zerstört sein Dorf und seine Träume – das Land, in dem er aufgewachsen ist, gibt es nicht mehr.

Mit diesem Kontext habe ich die Geschichten als Kind und auch später noch gelesen. Die einzelnen Erzählungen hatten etwas unglaublich Märchenhaftes, Schönes und Traumhaftes. Das Wissen darum, dass alles davon der Vergangenheit angehört, machten mich traurig, gleichzeitig empfand ich die Tatsache, dass sie in einem Buch vor mir lagen, als umso wertvoller. Dem Buch ist damit die Aufgabe übertragen worden, diese Welt, die verschwunden ist, zu bewahren und an alle weiterzugeben, die sie nie kennenlernen können. Ich glaube, das war auch die Absicht von Huynh Quang Nhuong (er wurde übrigens im Vietnamkrieg schwer verletzt, lebte ab 1969 in den USA und ist 2001 verstorben).

Abgesehen davon habe ich das Buch einfach gefressen. Mir waren die Geschichten näher als die aus 1001 Nacht, aber genauso abenteuerlich und exotisch. Ich wollte unbedingt dieses Land, die Reisfelder, die Büffel und die Menschen sehen (die Schlangen … naja), auch wenn ich wusste, dass es nicht dieselben sein werden. Vor zwei Jahren ist es mir endlich auch gelungen und auf meiner Reise von Nord- nach Südvietnam habe ich ständig an dieses Buch gedacht.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Mein verlorenes Land
Autoren Huynh Quang Nhuong
Seiten 92
Ausstattung Taschenbuch
Verlag dtb
Jahr 1982 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: