chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Ich lese gerade … Rätselhafte Ereignisse in Perfect

Violet hat keine Lust, umzuziehen! Warum nur muss der Papa einen Job irgendwo anders annehmen und die ganze Familie muss dahin ziehen. Aber da selbst die Mutter – obwohl sie ebenfalls kein Interesse daran hat, aus ihrem hübschen Häuschen und der netten Stadt wegzuziehen – meint, dass das jetzt nun mal so ist, muss sich wohl auch Tochter Violet der neuen Arbeitssituation unterordnen.

Und so findet sich das Mädchen eines dunklen Abends in Perfect wieder, einem Städtchen irgendwo, in dem der Vater seine neue Stelle hat. Er ist Augenarzt, operiert und forscht vor allen Dingen – ist also keiner, zu dem man hingeht, wenn man ein Gerstenkorn hat oder so. Als er einen Preis für seine Arbeit erhält, meldet sich ein Headhunter bei ihm – und er nimmt den angebotenen Job an. Denn in Perfect sind alle blind und Violets Pa soll helfen, das zu ändern.

Man ahnt schon nach den ersten Seiten, dass in Perfect höchstwahrscheinlich nicht alles mit rechten Dingen zugeht, sonst wäre ja der Spannungsbogen gleich futsch. Und zack, geht es gleich los: Denn die neuen Arbeitgeber des Vaters erwarten die Familie schon an der Haustür ihres neuen Heims, laden sich selbst ein und spendieren eine schöne Tasse Tee. Mr Archer und Mr Archer sind lustig anzusehen, wie Violet insgeheim findet: Der eine groß, lang, dünn und der andere eine Kugel auf zwei Beinen. Sie tragen beide Brillen und eröffnen den drei Neuankömmlingen, dass jeder in kurzer Zeit blind wird, wenn man nach Perfect zieht. Tragischerweise. Abhilfe gibt es nur durch die Brillen, die der lange und der runde Optiker entwickelt haben. Mit denen kann man nämlich wieder sehen.

Violet befürchtet das Schlimmste, denn sie will weder blind sein noch eine Brille tragen. Aber die Archer-Brüder beruhigen sie, man solle doch abwarten und außerdem sei ihr Vater ja genau deswegen von den beiden engagiert worden, um dem Problem endlich auf die Spur zu  kommen. Und dann soll das Blindsein endlich der Vergangenheit angehören. Aber erst einmal der Tee. Obwohl weder Violet noch ihre Mutter Tee sonderlich mögen, schmeckt ihnen der Aufguss ganz prima: Er hat die Eigenschaft, nach dem Getränk zu schmecken, dass man sich beim Trinken vorstellt. Tolle Sache, das. Und so stellen Mutter und Tochter fest, dass Tee doch ganz lecker sein kann.

Am nächsten Morgen kann keiner aus der Familie etwas erkennen. So schnell hatten sie das Blindsein nicht erwartet. Und damit sie überhaupt ihre neue Umgebung erkunden können, brauchen sie also schnell eine der Wunderbrillen der Optikerbrüder.

Als sie mit den Sehhilfen bewaffnet dann die Stadt erkunden, stellen sie fest, dass die Stadt sehr hübsch und sauber ist. Nirgendwo liegt Unrat, die Bewohner sind sehr freundlich – und so ziemlich der beliebteste Laden ist der Teeladen, besser „Tee-Ausschank“. Dort gibt es den leckeren Tee, den die drei schon kennen lernen konnten. Falls man also in Perfect unterwegs ist, kann man sich immer ein Tässchen gönnen. Er ist sogar sehr preiswert. Für den Hausgebrauch bekommt übrigens jeder Bürger morgens ein frisches Päckchen geliefert. Wie praktisch und nett von der Stadtverwaltung, denkt die kleine Familie.

Doch nicht alles perfekt?

Obwohl alles so toll ist, ist Violet nicht restlos begeistert. Nicht nur, dass sie die Archer-Brüder von Anfang an unsympathisch und seltsam findet. Nein, als sie mit ihren Eltern beim Brillen anpassen ist, findet sie einen versteckten Raum voller Bücher, aus dem sie verjagt wird. Und mit ihrer neuen Brille stellt sei fest, dass die Brüder nicht mehr so absurd aussehen. Und auch ihre Eltern wirken anders, die Mutter noch hübscher, der Vater noch netter und beide sind wirklich ein perfeltes Paar. Violet fand ihre Eltern vorher schon toll und gut zusammen passend, aber der jetzige Eindruck wirkt etwas befremdlich auf sie.

Zudem flüstert ihr jemand ins Ohr, dass er ihren Vater sprechen müsse, aber das passiert, bevor sie ihre Brille bekommt – und so kann sie nicht erkennen, wer das ist. Und auch nicht, wer da rumbrüllt, dass er den Halunken jetzt endlich erwischt habe. Die Optikerbrüder versuchen, ihr weiszumachen, dass da niemand gewesen sei. Und dass man in Perfect erwarte, dass man sich perfekt benimmt. Also auch nicht ungefragt in geheime Räume geht.

Für Violet steht nach den ersten 25 Seiten fest, dass sie weder die Stadt noch die Brüder leiden kann – und dass die Stadt definitiv überhaupt nicht perfekt sein konnte, wenn doch alle blind waren ohne ihre Brillen.

Vorahnungen

Jetzt sitze ich also hier und ahne, dass sich wahrscheinlich alles um Tee und Brillen dreht und die Optiker wahrscheinlich ein paar ganz fiese Möpps sind. Fragt sich nur noch, wieso? Der Klassiker wäre die Weltherrschaft und der arme Papa hilft gutgläubig dabei, alle Menschen blind zu machen. Und wer ist der Mensch, der Violet angesprochen hat und dringend mit dem Vater reden will? Irgendwie finde ich es ein bisschen langweilig und vorhersehbar, dass sich alles darum drehen könnte. Aber bisher gefällt mir das Buch trotzdem gut.

Violet scheint nämlich ein Mädchen zu sein, dass zwar keine Lust hat, neu irgendwohin zu ziehen. Sie hat Angst und ist unsicher, als sie erblindet. Am ersten Abend rennt sie superschnell vom Auto ins Haus, weil sie sich ein bisschen fürchtet, bloß um dann auf Socken den gefliesten Flur entlang in die Küche zu schlittern. Das macht schließlich Spaß. Und auch bezüglich der ungleichen Brüder lässt sie sich nicht einmachen. Ja, sie findet sie unsympathisch, basta. Dass die beiden unfreundlich zu ihr sind, führt nicht dazu, dass sie eingeschüchtert reagiert. Nein, sie denkt darüber nach.

Insofern hoffe ich, dass sich das bewahrheitet, was sich hier vielleicht andeutet: Dass wir es mit einem Mädchen zu tun haben, das sich mit den miesen Umständen auseinandersetzt, ohne ständig zu heulen oder zu kreischen oder vor Angst zu bibbern und es dann trotzdem irgendwie schafft. Diese Violet scheint eher das Modell zu sein, das selbst denkt und trotz ihrer Sorgen ihren Verstand bewahrt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Rätselhafte Ereignisse in Perfect – Hüter der Fantasie
Autor Helena Duggan
Seiten 432
Ausstattung Hardcover
Verlag Loewe
Jahr 2021

 


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