chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Eine Tüte grüner Wind

USA – in den Ferien, yeah! Lucy freut sich tierisch auf ihren Urlaub, denn dann soll es mit ihrer Mutter auf eine tolle Reise in die Staaten gehen. Ganz hibbelig ist sie schon. Und dann – bäng – teilt ihr ihre Frau Mama mit, dass sie die supertolle Chance hat, auf einem Forschungsschiff im Mittelmeer mitzufahren. Ihr neuer Freund arbeitet dort und sie könnte so prima Zeit mit ihm verbringen und sich auf dem Deck in der Sonne räkeln, wenn er forschen muss. So ein Mist, denkt sich Lucy, sagt aber (mal wieder) nichts. Denn die Mama schnallt es sowieso nicht, dass Lucy ganz enttäuscht ist, schließlich ist es doch, meint die Mutter, ihr gutes Recht, wenn sie auch mal an sich denkt.

Nach dieser unglaublichen Aktion bleibt die Frage, was Lucy denn jetzt in den Ferien machen soll …

Da die Mutter der Ansicht ist, es werde sich schon was ergeben, nimmt Lucy die Angelegenheit lieber selbst in die Hand und klagt als erstes ihrer besten Freundin Kora ihren Kummer. Die kommt auf die Idee, dass Lucy doch mit ihr und Koras Mutter mit nach Italien kommen könnte. Aber leider ist kein Platz mehr in dem Projekt, wo die beiden ihre Ferien verbringen wollen. Dann fragt Lucy ihren Vater und dessen neue Frau – sie versteht sich gut mit den beiden und liebt auch ihren kleinen Halbbruder – und sie bietet sich als Babysitterin an. Aber diese beiden wollen Urlaub zu dritt machen und sehen es auch nicht ein, den Notanker für Lucys sprunghafte Mutter zu spielen.

Eine unbekannte Tante in einem kaputten Haus …

Dann kommt Lucys Mutter auf die glorreiche Idee, dass ja ihre Schwester Paula prima als Urlaubsveranstalterin geeignet wäre: Die wohnt in Irland, hat wahrscheinlich Zeit und ja eh nichts zu tun. Und auch das wird Lucy wieder mal so eben präsentiert. Lucy kennt die Tante kaum, schließlich kommt die nicht so oft zu Besuch. Außerdem lebt sie in einem Haus ohne Dach und hat kein Geld. Das Kopfkino, das da bei dem Mädchen aufploppt, hilft nicht, sich auf diese Alternative zu freuen.

Leider sagt Tante Paula auch noch „Ja“ und dass sie sich auf ihre Nichte freut. Da gibt es kein Zurück, denn die Mutter hat ja eine prima Alternative gefunden, ihr Urlaub geht klar, das mit der Schwester auch – und für Lucy gibt es ein paar Ermahnungen in Form von „sei bescheiden und verlange nichts von deiner Tante, denn sie hat kein Geld und kann dir keine Wünsche erfüllen“. Lucys Eltern verdienen gut und auch wenn nicht mit den Scheinen um sich geworfen wird, kann Lucy doch auf eine gewisse Wunscherfüllung und ein gutes Taschengeld zurückgreifen.

Für sie ist es trotzdem kein Problem, sich zurückzuhalten. Sie ist ein freundliches Mädchen, das sich auch mit wenig zufrieden geben kann – allerdings hat sie einen ziemlichen Bammel, weil sie so gar nicht einschätzen kann, wie das denn bei der Tante werden soll und was sie sagen darf und was nicht …

Färben und Stricken gegen den Frust

Kommt Lucy zu Beginn des Buches ein wenig wie ein schüchternes Mädchen daher, das nicht gerne in einen Konflikt gerät und sich traurig allem fügt, was die Erwachsenen so ausbaldowern, so zeigt sie bald auch ihre Stärke: Vor lauter Frust steckt sie erst einmal Energie ins Stricken. Das kann sie sehr gut und es ist ihr Hobby, bei dem sie sich entspannen kann.

Und dann kauft sie sich, fast zufällig, eine Packung Haarfärbemittel in „Irisch-rot“. Es haben ja alle rote Haare dort, oder? Und da denkt sie sich, dann ich eben auch. Ihre Mutter ist entsetzt und zwingt sie, für die Reise einen Hut aufzusetzen, um die schreckliche Farbe zu verbergen. Lucy bleibt still – und freut sich doch irgendwie über ihre neue Haarfarbe.

Erst mal ankommen, dann weitersehen

Angekommen in Irland wird erwartungsgemäß alles ganz anders. Insofern ist es ein üblicher Plot: Die Tante ist nett, das Haus hat doch ein Dach und ist urgemütlich, es gibt ein paar andere Kinder, die sich als Spielkameraden anbieten und auch die Nachbarn sind interessant und freundlich.

Aber Lucy hat erst einmal gar keine Lust, sich mit irgendwem anzufreunden. Sie ist nicht bockig oder widerborstig, aber nicht bereit, sich sofort mit allen und jedem anzufreunden. Und das zieht sie durch, sie bleibt freundlich, aber reserviert. Und die Tante – welch ein Wunder – akzeptiert das. Ja, sie hat sogar Verständnis dafür und kommt dem Mädchen entgegen.

Trotzdem gibt es ziemlich ungewohnte Sachen. Die Tante verlangt zum Beispiel nicht, dass man gemeinsam frühstückt, ganz anders als zu Hause … Sie will Paula genannt werden und nicht Tante … Sie ist eher ein Spätaufsteher und etwas morgenmufflig … Sie findet, man kann nie zu alt für die Sachen sein, zum Beispiel heiße Schokolade zu trinken, wann immer man will … Eine ganz andere Welt tut sich auf – und so traut sich Lucy nach und nach aus der Deckung.

Gerüchte und Geschichten

Sie erfährt, dass die Tante keineswegs arbeitslos ist, sondern tolle Spiegel mit Treibholz macht und verkauft. Sie lernt, dass ihre Mutter wohl einiges falsch verstanden hat, was ihre Schwester betrifft und so ein nicht so ganz korrektes Bild an Lucy weitergegeben hat. So schwimmt Paula nicht im Geld, aber ein Urlaub mit der Nichte ist kein Problem – schließlich geht es ja nicht darum, die ganze Zeit Kaviar zu essen. Für Lucy ist das ein Lernprozess und je mehr sie merkt, dass ihre Tante sie ernst nimmt und auch einfühlsam ist, um so mehr fühlt sie sich heimisch in dem kleinen irischen Cottage.

Auch die anderen beiden Kinder sind sehr nett und zusammen machen sie, was Kinder so tun: spielen, Treibholz für Paula sammeln, leckere Sachen essen, sich Geschichten erzählen etc. Schließlich helfen sie auch noch dem einen von ihnen, der Geld für eine neue Fensterscheibe sammeln muss.

Eine unaufgeregte Geschichte

Eine Tüte grüner Wind ist vordergründig eine ziemlich ruhige Geschichte. Das Aufregendste sind die ersten Szenen, in denen Lucy vor vollendete Tatsachen gestellt wird und als die drei Kinder gegen Ende ihre Aktionen starten, um Geld für die kaputte Fensterscheibe zu bekommen. Ansonsten plätschert die Geschichte still und stetig voran.

Erstaunlicherweise ist das überhaupt nicht langweilig. Irgendwie bleibt man dabei, vielleicht, weil Lucy so ist, wie sie ist: kein hysterisches Kind, aber auch keines, das alles schluckt und sich gefallen lässt. Sie ist eines von diesen tendenziell stillen Kindern, die trotzdem ihren Weg gehen. Und Lucy trifft zudem glücklicherweise auf die Tante in Irland, die sie zum ersten Mal ernst nimmt und ihr den Raum gibt, den schließlich jedes Kind auch braucht.

Denn: Abgesehen von Koras Mutter kommt zu Beginn keiner der Erwachsenen (also insbesondere die Eltern!) auf die Idee, dass so eine Situation für ein Kind total bescheuert ist – und jenseits aller zum Teil nachvollziehbaren eigenen Interessen nimmt keiner Lucy mal in den Arm und sagt, dass es ihm oder ihr Leid tut. Keiner überlegt mit ihr gemeinsam, was man denn in dieser Situation machen könnte. Sie wird zum Spielball der Interessen ihrer Mutter, die sich überhaupt keine Gedanken gemacht hat, was mit ihrer Tochter passieren soll, während sie auf dem Meer rumdümpelt.

Ja, es gibt Unausweichliches, mit dem alle, Große wie Kleine, irgendwie klarkommen müssen. Aber einen plötzlichen Urlaubswechsel kann man auch anders vermitteln, so dass die Enttäuschung ernst genommen wird und nach einer Lösung gesucht wird, bei der alle am Ende – soweit es geht – einverstanden und zufrieden sind.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Eine Tüte grüner Wind
Autor Gesine Schulz
Seiten 176
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Carlsen
Jahr 2005

 


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