chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Abschied von Rune

„Sara ist Runes beste Freundin. Rune ist Saras bester Freund.“ Mit diesen simplen Sätzen beginnt eines der schönsten und traurigsten Bilderbücher, die ich kenne. Es handelt vom Tod und vom Abschied, aber auch von Freundschaft und Erinnerung. Aus aktuellem persönlichen Anlass habe ich das Buch nach vielen Jahren mal wieder in die Hand genommen und war erfreut darüber, dass es mich immer noch so berührt, wie es das immer schon zu tun vermochte.

Rune und Sara also. Zwei Freunde irgendwo auf dem Land in Norwegen. Man erfährt nicht genau, wie alt die beiden sind (vielleicht um die acht oder neun?) oder was sie im Alltag beschäftigt oder Ähnliches. Die Geschichte nimmt einen gleich mit zu ihrem Spiel an einem See. Es ist Winter und ziemlich kalt, aber trotzdem sind die beiden zusammen draußen. Sie stellen sich vor, verheiratet zu sein (etwas, das die beiden später fest vorhaben) und Rune jetzt mit seinem Boot auf den See fahren muss, um zu fischen. Sara bleibt an Land und deshalb verabschiedet sich Rune von ihr mit einem Kuss auf die Wange. So wie ihre Eltern das auch tun.

Sara fällt der Handschuh ins Wasser. Das ist blöd, denn es ist eiskalt und sie muss nach Hause rennen und einen neuen holen. Als sie zurückkehrt, ist nichts mehr wie vorher. Rune liegt im Wasser und bewegt sich nicht. Sara läuft wieder nach Hause, ruft um Hilfe und hat schreckliche Angst. Ihr Opa rennt zum See. Aber er kann Rune nicht mehr retten.

Rune ist tot. Das kann Sara gar nicht glauben. Sie war doch nur ganz kurz weg und davor war alles noch in Ordnung. Doch schneller als ihr lieb ist, begreift sie, dass Rune nicht mehr wiederkommen wird. Es gibt eine Beerdigung mit vielen Blumen und Menschen, die schöne Dinge über Rune sagen und Lieder singen. Seine Schwester und seine Eltern sind furchtbar traurig und auch Sara kann sich nicht vorstellen, dass Rune in dieser kleinen Kiste liegt und nie mehr herauskommt. Er wird auf dem Friedhof begraben. Ein paar Tage später fällt Schnee.

Dann ist Frühling. „Jetzt besuchen wir Rune“, sagt Saras Mama und sie fahren mit dem Fahrrad los. Das Grab ist klein und irgendwie unauffällig, aber es wachsen schon Blumen. Sara und ihre Mutter stellen noch ein paar dazu. Es sieht hübsch aus, aber es ist immer noch traurig, dass Rune nicht mehr da ist. Sara würde gern wieder mit ihm spielen, doch das geht nicht mehr, nie mehr. Aber sie kann sich an ihn erinnern.

Der Tod ist ein ungeliebtes, aber unausweichliches Thema für uns alle. Tod, Abschied und den damit verbundenen Schmerz in Kinderbüchern zu beschreiben, ist daher eine besondere Herausforderung. Die Autorin Marit Kaldhol und die Illustratorin Wenche Øyen meistern diese Aufgabe mit viel Gespür und Aufmerksamkeit. Sie erzählen nicht zu viel, verlieren sich nicht in Schilderungen der Umgebung oder der Ereignisse, sondern beschränken sich auf das Wesentliche: die Gefühle von Sara. Sie ist fassungslos und gefasst gleichzeitig, sie schwankt zwischen Verzweiflung darüber, dass Rune nie mehr essen und trinken wird, und dem Mut, daran zu glauben, dass er aber auch noch bei ihr sein kann, wenn er es nicht mehr ist. Ihre Mutter tritt ein paar Mal – auch mittels gesprochener Sätze – deutlicher in Erscheinung, der Rest der Menschen bleibt im Hintergrund. So steht Sara ohne Ablenkung im Mittelpunkt der Erzählung.

Dazu kommen die Bilder. Ganz weiche Aquarelle zeigen uns erst beide Kinder, dann nur noch eins. Dazwischen großformatige Illustrationen der Landschaft, der Kirche und dem Friedhof oder Sara, die von ihrer Mutter gehalten wird. Diese Bilder unterstreichen und verstärken ganz wunderbar den Text: sie vermitteln Freude, Angst, Schmerz, Trauer und Dunkelheit und am Ende wieder Trost. Ein bisschen.

Als ich das Buch das erste Mal las, war ich noch ein Kind, vielleicht so alt wie Sara und Rune. Damals war ich vor allem interessiert, ich hatte mich noch nicht viel mit dem Tod beschäftigt. Das Buch hat mich berührt, aber so richtig traurig bin ich darüber erst geworden, als ich es als Erwachsene wieder las. Seit Jahren kann ich das Buch nicht mehr in die Hand nehmen, ohne dass mir die Tränen kommen. Anscheinend konnte ich als Kind mehr vertragen.

Ein Grund mehr, dieses Buch zu lesen und auch Kindern in die Hand zu drücken. Es ist schlimm, traurig und doof, aber den Tod kann man kaum besser erklären, als es diesen beiden Frauen gelungen ist.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Abschied von Rune
Autor Wenche Øyen, Marit Kaldhol
Seiten 32
Ausstattung Bilderbuch
Verlag  Verlag Heinrich Ellermann
Jahr 1987

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