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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Kategorie-Archiv: Im Loungechair

Neues Buchhoroskop für die Waage

Waage im Werden …

Haus mit Skulptur: Waage mit 2 Personen.Wenn man jung ist, ist vieles ganz schön aufregend. Es gibt sooo vieles, was man das erste Mal tut und auch, was man das erste Mal erlebt. Manchmal ist es aber auch zu viel des Guten, so wie bei Henry Atherton. Der erlebt in kurzer Zeit jede Menge aufregende und nervende Dinge. Ist man auch noch eine Waage, die gerne alles schön im Gleichgewicht und in Harmonie hätte, kann man schnell überfordert sein. So wie Henry mit seinen zig Sorgen …

Das Elfenportal – Henry Atherton von Herbie Brennan

Henry Atherton ist uns ja schon bekannt aus der Elfenportal-Saga. Der Teenager, der plötzlich erfährt, dass Mama lesbisch und Elfen und Dämonen real sind und der feststellen muss, dass seine große Liebe eine Prinzessin ist. Henry ist ein grundguter und anständiger Junge, der immer alles richtig machen will, keinem wehtun mag und ständig zwischen seinen Gefühlen hin- und hergerissen ist. Wie etwa in Bezug auf seine Mutter, die er gleichzeitig hasst und liebt – und er hat absolut keine Ahnung, wie er damit umgehen soll, wie er sich gegen die Boshaftigkeiten seiner Ma wehren oder sich ihren Wünschen widersetzen könnte.

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Foto: © C. Nöhren/PIXELIO

 

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Neue Buchhoroskope für die Jungfrau

MeerjungfrauDie Jungfrau in der Brandung

Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo eine Jungfrau her … Verbrecher, Diebstahl, eine Großstadt und über zwanzig präpubertierende Jungs – mehr Chaos geht eigentlich nicht. Umso besser, wenn irgendwer die Ruhe bewart und das Denken nicht vergisst. Wer käme dafür eher in Frage als eine Jungfrau? Denn diese Menschen können das alles und noch viel mehr: sie sind trotzdem mit Herz, Seele und all ihrer mütterlichen Fürsorge bei der Sache. Dass dieses Sternzeichen in einem Buch nicht die Hauptrolle spielt, versteht sich fast von selbst. Und doch sind Jungfrauen unheimlich präsent.

Wir empfehlen für die Jungfrau:

Emil und die Detektive von Erick Kästner

„Emil, man muss seiner Großmutter folgen.“ Das ist das Dritte, das Emils Großmutter zu ihrem Enkel sagt, als dieser nach langer Zeit und einer aufregenden Verbrecherjagd endlich bei ihr in der Wohnung auftaucht. Betrachtet man die ganze Begrüßung, die aus einem Kuss, einem Klaps, einem Lob, einem Tadel und einer Belohnung besteht, so treten zwei zentrale Eigenschaften der Jungfrau ziemlich deutlich hervor: Entschiedenheit und Fürsorglichkeit.

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Foto: © raj_nair81/flickr – CC BY 2.0

Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat

Marc-Uwe Kling ist den meisten ein Begriff als „Autobiograf“ der Känguru-WG, in der ein kommunistisches Känguru sich reichlich merkwürdig benimmt und der Mensch nicht minder. Känguru-Fans wissen vielleicht, dass Kling auch noch einen Science-Fiction („Quality Land“) geschrieben hat, und zwar sowohl für Pessimisten als auch für Optimisten.

Was vielleicht ein paar weniger Menschen wissen, ist, dass Kling nunmehr schon drei Kinderbücher veröffentlicht hat. Das dritte Buch erschien vor kurzem: „Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat“. Und das ist ganz lustig:

Oma sitzt an einem Tag in den Sommerferien vor dem Rechner und surft im Internet. Derweil liegt Enkel Max faul auf dem Boden und simst mit seinem besten Kumpel, während er ein Computerspiel auf seinem Smartphone daddelt. Luisa, seine kleine Schwester, langweilt sich ein bisschen.Die große Schwester Tiffany ist in ihrem Zimmer und streamt sich ihre Lieblingsband. Opa ist auch da, er sitzt in einem anderen Zimmer und surft ebenfalls im www.

Klick, klick, klick …

Wie wild klickt Oma sich durch die Seiten, vielleicht manches Mal ein bisschen ungeduldig. Sie ist nicht bei sich zu Hause, sondern in der Wohnung ihrer Enkel, auf die sie und Opa aufpassen, denn die Eltern dürfen arbeiten … Plötzlich passiert gar nichts mehr auf dem Computer und Oma teilt den beiden Kindern mit, sie habe wohl das Internet kaputt gemacht. Es geht ja nix mehr. Die Kleine will wissen, was das Internet ist. Und Max, ganz der Kluge, erklärt allen, was das Internet ist und wie es funktioniert und dass es außerdem vollkommen ausgeschlossen ist, dass Oma das Internet kaputt gemacht haben könne. Allerdings geht sein Spiel plötzlich auch nicht mehr und die letzte SMS hängt noch in der Warteschleife.

Schließlich kommt auch Opa und beklagt sich, dass er nicht mehr nach seinen Fischen suchen könne und Tiffany mault, dass sie ihre geliebte Band nicht mehr abrufen kann. Nun beginnt sogar Max zu überlegen, ob nicht doch etwas Komisches passiert ist. Als schließlich noch ein Pizzabote auftaucht, dessen Navi nicht mehr geht, da das Internet ausgefallen ist, stehen alle mit recht erstaunten Gesichtern da.

Was tun ohne www?

Was Kling sich da ausgedacht hat, erinnert ein bisschen an „Geschichten aus dem Tausend-Wunder-Wald“. Dort geht der Fernseher kaputt und die Familie fragt sich, was sie denn jetzt ohne das Allroundtalent in Sachen Freizeitgestaltung tun soll. So geht es auch Oma, Opa und all den anderen: Was macht man denn jetzt mit sich, so ohne Internet? Womit soll man sich beschäftigen? Was soll man bloß tun?

Erst mal gibt’s Essen, denn der pragmatische Pizzabote verteilt einfach seine Pizzen und alle futtern in einer gemütlichen Runde. Und die große Schwester verguckt sich ein bisschen in den sympathischen Jungen, der auch noch die gleiche Band mag wie sie. Als dann noch die Eltern kommen – Arbeiten in einer Bank und in einer Web-Bude geht ja auch nicht, wenn das Internet kaputt ist – wird es richtig lustig, denn alle turnen quer durch die Wohnung. Bis – tja, bis es klingelt und ein paar Techniker vor der Tür stehen, die festgestellt haben, dass die Internetstörung genau von hier ausgeht. Und rackzack ist alles behoben und alle hängen wieder vor der Kiste, ihrem Smartphone oder was auch immer.

Nur die kleine Schwester findet das doof. Ohne Internet waren alle zusammen und hatten zusammen Spaß. Jetzt hockt wieder jeder alleine rum. Aber sie hat da eine Idee …

Wie wär’s mal ohne Netz?

Ich fand die Geschichte total lustig. Sie ist kurz und nicht zu ausgewalzt. Man kann als kleiner Mensch grob lernen, was das Internet ist, es gibt ein paar politische Seitenhiebe, die die Erwachsenen interessieren werden – und wir alle werden einfach mal mit der Nase drauf gestoßen, dass man seine technischen Geräte auch mal zur Seite legen darf (sollte???) und lieber aus der Wohnung einen tollen Spielplatz macht, auf dem Groß und Klein gemeinsam toben. Nicht nur ein Kinderbuch, sondern spaßig für alle.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputtgemacht hat
Autor Marc-Uwe Kling
Seiten 72
Ausstattung Hardcover
Verlag Carlsen
Jahr 2018

Neue Buchhoroskope für Löwen

Gut geplant, Löwe!

Selbstbewusst und leidenschaftlich: das ist Prinzessin Gloria. So leidenschaftlich, dass sie alles dafür tut, endlich ihren Liebsten heiraten zu können und sich dann dieser Leidenschaft voll und ganz hingeben zu können. Davor steht aber noch, dafür zu sorgen, dass Sir Terry auch wirklich die Gelegenheit erhält, sich zu ihrem Retter aufzuschwingen und damit auch den königlichen Eltern gegenüber klarzumachen, dass der Ritter das hundertprozentige Anrecht auf ihre hübsche Hand erhält. Und das macht Löwin Gloria mit starkem Willen, aber auch einem guten Quantum Improvisation.

Wir stellen euch vor:

Nur Drachen leben länger von John Moore

Prinzessin Gloria ist eine enorm hübsche Prinzessin. So wie Prinzessinnen halt sind – vor allen Dingen in den Zwanzig Märchen-Königreichen. Sie selbst stammt aus dem Königreich Medulla, hat noch neun Schwestern (wahrscheinlich alle auch sehr hübsch) und ist unsterblich in Sir Terry verknallt. Glücklicherweise ist Sir Terry auch unsterblich in die schöne Gloria verknallt, sonst hätte das Edelfräulein sich was überlegen müssen … Leider können die beiden nicht mal einfach so zusammen kommen, heiraten und bis ans Ende aller Tage scharf aufeinander sein – obwohl es das ist, was sie unbedingt wollen. Und so macht Prinzessin Gloria einen Plan nach dem anderen, um die Bedingungen dafür zu schaffen, dass die Welt sich so dreht, wie sie es wünscht.

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Wir trauern um Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger bei einer Veranstaltung im März 2018 in Österreich.

Christine Nöstlinger bei einer Veranstaltung im März 2018 in Österreich.

Nicht nur, dass meine Kindheit von ihren Büchern und Charakteren (hier seien beispielhaft Gretchen Sackmeier, der Gurkenkönig und Pia Maria Tiralla genannt) geprägt war, durch sie lernte ich auch die österreichische Sprache. Schlagobers, keppeln und Plafond sind für mich keine leeren Worte mehr, sondern Dinge, die ich gut kenne. Noch heute liebe ich ihren Witz, ihre Empathie und ihr Herz für die, die es schwer haben – weil sie zu dick, zu klein, zu verträumt oder einfach einsam sind. In Nöstlingers Geschichten konnten diese Menschen plötzlich zaubern, waren stark, hatten keine Angst mehr und dafür Freunde.

Christine Nöstlinger ist am Freitag, den 13.07.18 gestorben. (Hier noch ein schöner Nachrf: Spiegel.de)

Danke, Christine, für alle nachdenklichen, für alle traurigen, vor allem aber für alle heldenhaften, freudigen und überschwänglichen Momente, die du uns gegeben hast:

Der Denker greift ein

Die feuerrote Friederike

Gurkenkönig

Der kleine Herr greift ein

Die Kinder aus dem Kinderkeller


Foto: © SPÖ-OÖ/WikimediaCommons (Ausschnitt) – CC BY 2.0

Raumschiffe im Größenvergleich

Neulich habe ich was ganz tolles gefunden: Einen Größenvergleich von Raumschiffen auf einem Poster!

Super. Da hat sich ein Mensch namens Dirk Löchel eine irre Arbeit gemacht, alle möglichen Raumschiffe auf einem Stück „Papier“ unterzubringen, und zwar maßstabsgetreu. Ein Pixel (!!!!) entspricht zehn Metern. Auch die ISS ist dabei – schließlich sollte unser einziges Raumschiff (wir sind mal großzügig in der Auslegung des Begriffes) nicht fehlen. Man muss sie allerdings suchen, so klein ist die Raumstation im Vergleich zu den riesigen Schiffen aller anderen …

Natürlich gibt es Star Wars, Star Wars, Star Wars. Und Star Trek, klar. Warhammer bietet auch reichlich Fluggeräte. Aber wenn man sich die Grafik mal in der Originalauflösung (klicke auf unser Bild und du kommst auf die Seite) runterlädt und dann großzieht, entdeckt man alle möglichen weiteren Vehikel, mit denen man im All rumschippern kann. Wenn euch was fehlt, guckt in den Erläuterungen und Kommentaren, oft hat Löchel dazu schon was gesagt.

So, und hier jetzt Löchels grandiose Arbeit:

Poster mit Abbildungen von Raumschiffen aller Art im maßstabsgetreuen Größenvergleich

© Dirk Löchel

Ich lese gerade … Das Rätsel Sigma

Neulich habe ich in einer Bücherverschenkebox zwei SF-Bücher rausgezogen. Sie sind noch aus DDR-Zeiten und solche Bücher nehme ich immer mit. Diese SF ist einfach anders, vor allem meist keine Endzeitutopien mit allen möglichen bösen, widerwärtigen und antimenschlichen Lebewesen. Das tut gut.

Und so lese ich jetzt „Das Rätsel Sigma“ von Karl-Heinz Tuschel. Schön ist gleich der zweite Satz: „Der Mai des Jahres 1996 hatte bis Mitte der Woche nur Kälte und Regen gebracht, einmal war soar so etwas wie Schnee auf die mecklenburgische Stadt Neuenwalde herabgerieselt.“ Das Buch ist von 1974 und da war ’96 natürlich Zukunft, während wir a) wissen, dass da schon die Mauer gefallen war und sich b) die Welt ganz schön weiterentwickelt hat, auch technisch.

Bisher (ich bin auf Seite 43) dreht sich das Buch um Herbert Lehmann, der an der Aufklärung plötzlicher Schlafanfälle arbeitet: In Neuenwalde fallen im besagten Mai mehrere Menschen urplötzlich in Schlaf und sind nicht mehr wachzukriegen. Keiner weiß, wieso. Lehmann ist Mathematiker und leitet das „mathematische Büro“ in der „Bezirksinspektion für Umweltschutz“ in einer mecklenburgischen Bezirksstadt.

Auf den „paar“ Seiten, die ich bisher gelesen habe, gibt es schon ein paar tolle Ideen: In Tuschels 1996 ist der „benzinlose Stadtberkehr“ Realität. Das heißt, in allen Städten stehen E-Autos für alle Bürger bereit. Die Autos sind offen, man kauft sich Marken, von denen man eine in einen Schlitz im Auto wirft, dann kann man fahren. Benziner stehen dann in Garagen am Stadtrand, mit ihnen kann man bei Bedarf weiterfahren bzw. ein Fahrer fährt einen.

In der Welt Herbert Lehmanns ist auch schon überall Glasfaser verlegt und Videoanrufe sind für die Menschen das normalste der Welt. Ich erinnere mich daran, Anfang der Neunziger an der Uni an Tests zur „Bildschirmtelefonie“ teilgenommen zu haben und wir dümpelten gerade mal mit Modems herum …

Auch das aktuell viel diskutierte Plastikproblem haben die Menschen in „Das Rätsel Sigma“ fast im Griff: Als man nämlich mehr und mehr Plaste produzierte, stellte die Welt fest, dass es ein Abfallproblem geben würde – und dass man sich damit beschäftigen müsse. So wurden verschiedene Methoden der Verrottung entwickelt und Anfang der 90er entschieden, bei der Produktion von Plastik gleich seine Entsorgung mitzudenken. Heute, 2018, heißt das cradle-to-cradle – und kaum ein Hersteller von irgendetwas scheint sich dafür zu interessieren.

Im Buch arbeitet Lehmanns Frau Wiebke daran, ein neuartiges Plastik ordentlich abzubauen: Gleich mit der Einführung von „Betalon“ wurden Bakterien gezüchtet, die den Stoff so zersetzen können, dass man aus dem Restprodukt wieder neues „Betalon“ machen kann. In der Realität schaffen wir es gerade mal zu Tragetaschen, Fleecepullis und T-Shirts … die aber höchstens noch zu Sargfüßen weiterverarbeitet werden können. Das ist natürlich besser als verbrennen – aber wie schön wäre eine andere Lösung …

Nach meinen knapp 40 Seiten Lektüre bin ich ziemlich beeindruckt, was Tuschel sich schon 1974 ausgedacht hat – zu einer Zeit, in der sich die meisten Menschen noch kaum Gedanken zu all diesen Themen gemacht haben. Es wäre toll gewesen, wenn wir hüben wie drüben schon 1996 Internet, Handys und E-Autos und einen voll funktionsfähigen Plastikkreislauf gehabt hätten.

Was ich denke ist, dass man die Entwicklung manches Mal nicht schneller machen kann. Aber wenn der Mensch sich schon Sachen ausdenken kann, so wie Tuschel es getan hat, dann wäre es manches Mal toll, wenn das Denken auch gleich zu Forschung und Entwicklung führen würde. Vor allen Dingen bei den nützlichen Dingen und nicht nur bei Waffen etc.

Mal sehen, wie es weitergeht im Buch. Vielleicht ist ja die Plasteproduktion schuld an der Schlafkrankheit oder das AKW, aus dem die ersten Fälle kamen.

Die Augen des Iriden

Der Vater ist ein verschollener Wissenschaftler, die Mutter daraufhin paranoid und überängstlich. Die erwachsene Tochter hat den Kontakt zu ihrer Familie längst abgebrochen und der 15-jährige Sohn versucht, den Verstand zu behalten. Das ist nicht unbedingt leicht, wenn der Vater ausgerechnet am 16. Geburtstag für tot erklärt wird. Mentale Unterstützung erhofft er sich von seiner Internet-Freundin, die jedoch auch so ihre Probleme hat. Das ist die – noch recht überschaubare -Ausgangslage im Fantasy-Teenager-Verschwörungs-Kriminalroman „Die Augen des Iriden“, die innerhalb weniger Kapitel und mit Anleihen aus der Popkultur und Religion, Verknüpfungen zur deutschen Nazi-Vergangenheit und Seitenhieben auf das eine oder andere aktuelle Gesellschaftsphänomen in ein chaotisches Potpourri kulminiert, das trotzdem irgendwie spannend ist. Und das sei an dieser Stelle schon einmal lobend zu erwähnen.

Schauen wir uns also die unterschiedlichen Bausteine, Personen und Spielorte einmal genauer an. Henry von Irides, oben genannter Teenager, der seinen Vater vermisst und das Haus nicht verlassen darf, fällt in erster Linie durch eine anatomische Besonderheit auf: Er hat ein blaues und ein braunes Auge. Valeska, seine Freundin, mit der er via Chat kommuniziert, weil sie in einem weit entfernten Internat lebt, hat scheinbar ebenfalls zwei verschiedenfarbige Augen. Allerdings hat sie keine Heterochromie wie Henry, sondern leidet unter Mydriasis – eine ihrer Pupillen ist dauerhaft erweitert, was die Farben ihrer Augen unterschiedlich erscheinen lässt.

Heterochromie_by_Jo_Noeske

Zwei unterschiedliche Augenfarben – da muss doch was dahinterstecken.

Plötzlich auf der Flucht

Henrys Routine aus Hausunterricht, Auseinandersetzungen mit seiner Mutter und zaghaften Flirts mit Valeska findet an seinem 16. Geburstag ein jähes Ende. Nicht nur, dass sein Vater offiziell für tot erklärt wird, plötzlich verschwindet auch noch seine Mutter und er selbst begegnet seinen Vorfahren, den Iriden, auf unübliche Weise: Eine junge, attraktive Hauslehrervertretung schenkt ihm ein Bild und ehe Henry „Danke“ sagen kann, befindet er sich schon mittendrin – im Gemälde. Dort empfängt er das Initiationsritus der Iriden, das ihn offiziell zum „Sehenden“ macht, was immer das sein mag. Danach wird er durch Raum und Zeit zurück nach Hause geschleudert, wo wenige Sekunden später Valeska vor der Tür steht. Diese hat in der Zwischenzeit ein geheimnisvolles Selbstmord-Video erhalten, ihr Schulkamerad hat sich erschossen und in ihrem Zimmer stand plötzlich eine Tasche, gefüllt mit Sturmhaube und Pistole (nicht irgendeine – es handelt sich um die Beretta des Amokläufers aus Winnenden. Warum auch immer.). Die Polizei sucht sie bereits, sie haute ab und kann Henry nun überreden, mit ihr zusammen nach Berlin zu flüchten, wo seine Schwester wohnt. Zusammen mit ihr erfahren die Teenies die ganze Wahrheit über die Iriden, ihre Fähigkeiten und ihre Geschichte von einem Freund seines Vaters. Und die hat es natürlich in sich.

Parallel dazu erleben wir eine illegale Party in Berlin, auf der systematisch halluzinogene Drogen verteilt werden, um damit irgendwelche Menschenexperimente durchzuführen. Wir erfahren , dass das eine der beiden It-Girls, die diese Parties veranstalten, die (scheinbare) Vertretungslehrerin von Henry ist und mit seiner Schwester in einer WG wohnt. Das andere It-Girl hat Vorfahren, die wegen ihrer Heterochromie (Aha!) von Dr. Mengele in Auschwitz ermordet wurden (Aha?). Beide erhalten jeweils eine äußerst drastische Drohbotschaft, streiten sich und gehen ihrer Wege. Der von It-Girl Nr. 1 führt direkt in die Arme der Polizei.

Die Polizei beschäftigt sich mit dem Selbstmord in Valeskas Internat, hält sie für eine potentielle Amokläuferin und wähnt sie irgendwie in der Nähe des It-Girls. Der ermittelnde Polizist vermutet außerdem einen Zusammenhang zu seiner Ex-Freundin, ihrer Doktorarbeit und einer gemeinsamen Reise nach Israel. Im Verlauf der Ermittlungen landet er mit It-Girl Nr.1 zuerst in einem Nobelhotel, dann bei den Teenies und wenige Stunden später in Jerusalem. Seine Ex-Freundin (und auch deren neugeborenes Kind) sind zu dem Zeitpunkt allerdings schon ermordet worden.

Die Teenager in Berlin sehen sich in der Zwischenzeit mit Bildern konfrontiert, die Todessehnsucht auslösen können oder Menschen mit Heterochromie in sich hineinziehen. Solche Bilder hat Henrys Mutter gemalt, der Freund von Henrys Vater hat sie versteckt und nun sollen sie von einer geheimnisvollen Verschwörungstruppe verwendet werden, um die Menschheit zu versklaven.

In Jerusalem nehmen It-Girl Nr. 1 und der Polizist halluzinogene Drogen, um auch mal in solche Bilder gesaugt zu werden. Diese gibt es in Jerusalem zu Hauf und auch noch aus wahrhaft biblischer Vorzeit. Haha. Bei ihren Bilder-Trips erfahren der Polizist und das It-Girl, dass Adam und Eva ebenfalls Iriden waren. Neben dem Blick in die Vergangenheit gelingt ihnen auch noch einer in die Zukunft, der ihnen verrät, dass Henry und seine Familie/Freunde ziemlich bald bei einem Flugzeug-Unfall sterben. Die nämlich werden plötzlich nach Brasilien geschickt, weil a) Henrys Vater noch lebt und in Brasilien in einer Art Folterknast festgehalten wird und b) auch Valeskas Vater (der die ganze Zeit in Japan weilte, was aber keinen Einfluss auf die Geschichte hatte) dorthin gebracht werden soll. Gottseidank haben der Polizist und das It-Girl Telefon, mit einem Anruf scheuchen sie Henry und sein Gefolge aus der Wartehalle des Flughafens, bevor ein Flugzeug dort hineinkracht. Valeskas Vater stirbt dabei trotzdem, macht aber nix. Einen Monat später sitzen alle zusammen, stellen fest, dass der Kampf gegen die Verschwörer noch nicht vorbei ist und schwören einander, nicht aufzugeben. Ende.

Wie bitte?

Verwirrt? Zu recht. Wer dieses Buch nicht ohne abzusetzen liest, ist schnell aufgeschmissen, denn pro Seite werden einem gefühlt drei neue Wendungen, Handlungsstränge oder Personen um die Ohren geschleudert. Zugegeben, das mit dem dranbleiben ist mir nicht ganz gelungen, deswegen bin ich vielleicht nicht immer mitgekommen. Aber das, was ich gelesen und kapiert habe – das allermeiste des Buches dann doch – war total gaga, albern, spannend, beknackt und stellenweise ganz schön brutal. Letzteres betrifft zum Beispiel eine an die Wand genagelte Katze oder eine Mutter und ihr Baby, die kurzerhand in die Luft gesprengt werden.

Aufgelockert wird die Geschichte durch viele Songzitate von David Bowie, denn Valeska und Henry sind große Fans. Ebenso nett sind Seitenhiebe zum Beispiel auf Dan Brown, was angesichts all der bewegten Bilder und der Bibelei nur Selbstironie sein kann …

Feststellen muss ich zunächst: weniger wäre mehr gewesen. Die ganzen Drehungen und Wendungen, das hohe Tempo und die teilweise doch sehr skurrilen Story-Elemente wirken insgesamt etwas konfus und spätestens am Ende fragte ich mich, ob der letzte Knalleffekt wirklich noch sein musste. Die vielen Stränge machen es einem auch schwer, mit den Charakteren so richtig warm zu werden. Das ist schade, denn ich glaube, dass die einiges mehr hergeben würden.

Trotzdem ist die Geschichte durchaus fesselnd und auf jeden Fall ungewöhnlich. Wer David Bowie mag, wird an den Songzitaten seinen Spaß haben. Ein bisschen Love ist auch dabei, ebenso wie eine gute Portion Familiendramatik. Väterliche Freunde und ehrbare Polizisten treffen auf nihilistische Teenager und mörderische Bilder – die vielen durchgeknallten Konstellationen haben einen gewissen Charme. So was muss man sich erstmal ausdenken. Bzw. gut zusammenklauen.

Schade, weil …

Das ist nämlich leider ein weiterer Nachteil des Buches: Es wirkt alles wie eine Collage aus Schonmaldagewesenem. Bei allen wirklich interessanten Elementen wie der Heterochromie oder den manipulativen Bildern gibt es einfach zu viel, das einem bekannt vorkommt: verrückte Wissenschaftler, Verschwörungen, Nazis … das ist trotz des netten Wiedersehensgefühls teilweise echt ganz schön ermüdend.

Der dritte große Nachteil ist: dem Buch fehlt der Stil. Es ist nicht unbedingt schlecht geschrieben, aber die Sprache hat leider überhaupt nichts eigenes. Und das ist ärgerlich, denn davon lebt ein Buch. Mit einer Handschrift, die ein bisschen spezieller, ein bisschen eigener wirkt, hätte das Buch viel gewonnen. Durch die irgendwie neutrale Schilderung der Ereignisse ist das Lesen nämlich einigermaßen mühsam. Und das tut der turbulenten Geschichte gar nicht gut.

Kurz gesagt, ist es schwer zu sagen, was ich von dem Buch halte. Eigentlich ein Buch, das man lesen kann. Am besten, wenn man gerade viel Freizeit hat. Und Lust auf eine total wahnwitzige, in Teilen aber launige Story hat, die zwar mit vielen spaßigen Einfällen aufwartet, dafür aber ziemlich einfallslos geschrieben ist. Klingt vielleicht undurchsichtig, aber ein besseres Fazit kann ich, ehrlich gesagt, an dieser Stelle nicht liefern …

Allerdings brennt mir nach der Lektüre immer noch eine Frage auf der Seele: Was ist eigentlich aus Pommes und Mayo geworden?

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die Augen des Iriden
Autor Maja Loewe
Seiten 353
Ausstattung Taschenbuch
Verlag papierverzierer
Jahr 2015

Foto: © Jo Noeske

Tee & Kekse: Ben Aaronovitch in Lüneburg

Mittlerweile sind sechs Bücher veröffentlicht, in denen Polizist Peter Grant sich um all die Kriminalfälle kümmert, die mit „abstrusem Scheiß“ zu tun haben. „Abstruser Scheiß“ ist in den Augen der meisten Londoner Polizisten alles, was mit Magie und Übersinnlichem zu tun hat. Neben der klassischen Polizeiarbeit lernt Peter daher auch immer mehr Zaubersprüche und versucht übrigens, seine Ex-Kollegin Leslie dingfest zu machen, die sich mit dem absoluten Bösewicht zusammengetan hat. Im Herbst kommt der siebte Band (auf englisch) – und Ende des vergangenen Jahres veröffentliche Autor Ben Aaronovitch ein „Zwischenspiel“. Ich freue mich auf ein weiteres Abenteuer Mister Grants und darauf, zu erfahren, was nun mit Leslie etc. passiert.

Ben Aaronovitch in Lüneburg am 1.3.18

Kurz bevor es losgeht: Ben Aaronovitch lacht über – vielleicht geheime? – Dinge mit Moderatorin Antje Freudenberg, die die Peter-Grant-Serie genauso klasse findet wie ich.

Was aber noch schöner ist: Ben Aaronovitch himself war in Reichweite und da musste ich natürlich hin! Am 1. März stand er in Lüneburg in der Buchhandlung Lünebuch Rede und Antwort zu vielen Fragen. Und das tat er sehr humorig und meistens abschweifend. Mehr als einmal kam „What was the question?“ – und alle Anwesenden schmunzelten.

Alles startete mit der Bitte, etwas über seinen Hintergrund zu erzählen: „My family is boring … My brother wrote a book, it’s boring. But he needs the money, so buy it.“ Schließlich kam aber doch noch heraus, dass zum Beispiel der total „langweilige“ Vater sich aus schwierigen Verhältnissen hochgearbeitet hat und schließlich mit um die 50 einen Doktor machte und Dozent wurde. Britisches Understatement?, fragt man sich.

Peter wollte links herum, ich rechts …

Auf die Fragen nach Inspiration und Recherchen kommt die bekannte Antwort, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln. Das scheint alle Autoren zu vereinen, die so auf dieser Erde schreiben. Ben Aaronovitch berichtet das auch. Insbesondere, als er für „Fingerhut-Sommer“ nach Herefordshire fuhr: Nach der Bahnfahrt und endlosen Taxifahrten und Spaziergängen in der ihm unbekannten Landschaft fuhr er nach Hause und schrieb an seinem Buch. Allerdings gab es eine Stelle, an der er wollte, dass Peter rechts herum geht. „But Peter wanted to go left“. Leider wusste der Autor nicht, wie es linksherum aussah – und so fuhr er kurzerhand ein zweites Mal nach Herefordshire, um es herauszufinden. Der Taxifahrer freute sich, dass er wieder da war … Das Buch spielt im übrigen nur deswegen in Herefordshire, weil der Brite auch einmal mit seinen Figuren in Herefordshire sein wollte und nicht nur ein anderer Autor, dessen Bücher alle dort spielen …  Sorry, ich habe mir leider nicht gemerkt, wer das war.

Peter war eine Frau – beinahe

Fanfiction liest Aaronovitch nicht, sagt er auf die Nachfrage einer Zuhörerin. Am Ende käme er noch auf die Idee, etwas zu klauen, was gut sei. Er fände klauen zwar gut ;-), aber es sei doch besser, es nicht zu tun. Und außerdem: Fanfiction sei etwas für die Fans. Das solle man nicht lesen.

Eine andere Frau will wissen, wie das denn nun mit Leslie und Peter sei. Daraufhin erzählt der Autor, dass beide niemals als Liebespaar angelegt gewesen seien. Im Gegenteil: Ursprünglich habe er bei der Geschichte an eine TV-Serie gedacht und da sollte es um zwei Frauen gehen, die Rivalinnen seien. Als dann klar wurde, dass er ein Buch in Ich-Form schreiben wird, stellte Aaronovitch fest, dass er bei einem ersten Roman nicht eine Frau aus der Ich-Persepektive schildern wollte. Und so kam es zu Peter Grant.

Natürlich hat Ben Aaronovitch auch vorgelesen. Eigentlich wollte er aus „Hanging Tree“ lesen. Aber dann dachte er sich, dass er uns lieber das erste Kapitel aus seinem neuen Werk „Lies Sleeping“ zum Besten geben wolle – schließlich hatte er es gerade an seinen Verlag abgegeben („only two months late“). Beim Lesen fiel ihm dann auf, dass Zeiten falsch waren oder manche Ausdrücke doch nicht so gut … alles lachte. Im übrigen seien wir nach ein paar Berlinern die ersten, die das neue Kapitel hören würden.

Ach, es war schön!

Was ich noch spannend gefunden hätte, wäre gewesen, wenn Moderatorin Antje Freudenberg und Ben Aaronovitch sich ein wenig über Polizei, Polizeiarbeit etc. unterhalten hätten – schließlich ist Freudenberg selbst Polizistin und Aaronovitchs Held auch. Da hätte man doch mal reales Leben und Fiktion auf den Prüfstand stellen können.

Aber auch so war es super! Es war lustig und spannend, Aaronovitch zuzuhören. Eine der besten Lesungen, die ich in den letzten Jahren gesehen und gehört habe – mal abgesehen von Saša Štanisić im letzten November. Es gibt selten so nette Autoren, die Lust haben, zu erzählen, die von sich aus den den Mund aufmachen, die Geschichten und Anekdoten erzählen und einfach ihre Meinung sagen. Danke, Ben Aaronovitch 🙂


Foto: © Micha Schneider

gestorben: Ursula Le Guin

Heute kam es dann in den Medien: Ursula Le Guin ist am 22.1. im Alter von 88 Jahren gestorben. Damit ist eine weitere geniale Figur aus der Science Fiction und Fantasy nicht mehr unter uns.

Der „Planet der Habenichtse“ war eines der wichtigsten – vor allem auch politisch motivierten – Bücher der Amerikanerin, spannend ihre Geschichten aus dem Erdsee-Zyklus, ihre schön frühe Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und -verständnis wie etwa in „Winterplanet“ (neu: „Die linke Hand der Dunkelheit“). Besonders spannend ist auch, dass sie sowohl in der Science Fiction als auch in der Fantasy Romane herausbrachte und ihre Fans hatte.

Ruhe in Frieden.