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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Trix Solier, Zauberlehrling voller Fehl und Adel

Mancher lebt ja in dem Glauben, dass das Schicksal das eigene Los bestimmt. Oder dass die Sterne dafür sorgen, wie es mir heute geht und was dieses Jahr für mich bringen wird. Man kann aber auch daran glauben, dass man einfach selbst verantwortlich für seine Taten, Gefühle, Meinungen etc. ist.

Oder man heißt Annette, ist eine Blumenfee und dazu beschworen, der Familiar eines Zauberlehrlings zu sein, zudem hübsch, klein und (meistens) freundlich. Und weil der Lehrling noch ein sehr junger Lehrling ist und sich mit Zauberei noch nicht sehr gut auskennt, hat er beim Beschwören die kleine Fee dazu verdonnert, in ihn verliebt zu sein und nicht ohne ihn leben zu können, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein vorbestimmtes Leben?

Tja, und mit dieser Bürde im frisch gewonnenen Leben – schließlich macht es peng und Annette ist da – flattert die kleine Fee fortan durch Trix‘ Leben. Trix Solier ist der Zauberlehrling, der schnell einsieht, dass er seinen Zauberspruch auch etwas anders hätte formulieren können.

Annette ist eine freundliche Blumenfee, natürlich total verliebt in Trix und erschaudert und freut sich sehr, wenn sie auf seiner Schulter sitzen oder – oh, Wonne der Gefühle – in seine Jackentasche schlüpfen darf. Sie ist im Grunde eine echt nette Person und – wie viele Feen – natürlich ein Fisch. Trix gegenüber ist sie schmachtend, höflich, nett und nur manchmal schnippisch. Mit anderen Leuten oder Wesen redet sie anfangs überhaupt nicht. Ihr größter Nachteil ist, dass sie manchmal ein bisschen viel von dem sogenannten Rauschkraut nascht, anstatt sich einfach mit Nektar zufrieden zu geben. Dann wird sie sehr albern und kicherig.

Leider ist es für Trix nicht sonderlich toll, eine ihn dauernd anflirtende Fee um sich herum zu haben. Und auch wenn er ein herzensguter Junge ist und es ihm sehr leid tut, Annette so geschaffen zu haben, es ändert nichts an der Tatsache, dass Trix überhaupt gar nicht in Annette verliebt ist (sondern in ein anderes Mädchen) und dass es außerdem schon anatomisch nicht klappen würde, er so als Mensch und sie als handtellergroße Frau. Und so kommt es wie es kommen muss: Trix sagt zu Annette „Wir müssen reden“.

Hilfsbereit trotz Hindernissen

Und dann zeigt sich, dass Annette ein wirklich gutes und auch fischiges Herz hat. Denn nachdem Trix sich noch einmal bei ihr entschuldigt hat, weil er sie so geschaffen hat, wie sie ist und nachdem er ihr auch gesagt hat, warum das selbst beim besten Willen nichts mit ihnen werden kann, da schluckt Annette tapfer ihre Traurigkeit herunter, sieht die Argumente ein und entscheidet sich, Trix eine gute Freundin zu sein und auch, auf ihn aufzupassen und ihm zu helfen.

So eine Großmut, im Gegensatz zu Rumgezeter und Gemotze, jahrelangen Sticheleien und Boshaftigkeiten – was man sich so alles in so einer Situation halt vorstellen kann – das kann nicht jeder. Ein Fisch schafft das schon. Zumindest wenn er nicht nur auf Lob und Anerkennung aus ist. Und so schafft auch Annette das. Zunächst etwas schmallippig und ab und zu gibt es auch einen Seitenhieb auf Wasauchimmer. Aber sie hat die Entscheidung getroffen, ihre Rolle in der Trix-Annette-Beziehung neu zu definieren und das nimmt sie mit der Fischen eigenen Tatkraft in Angriff. Ab nun ist sie ein wirklicher Familiar, der seinem Zauberkompagnon mit Rat und Tat zur Seite steht, aber definitiv einen eigenen Kopf hat.

Flatternder Moralapostel

Fortan vertreibt sich Annette ihre Freizeit im Blumenmeer um des Zauberers Turm herum und kichert mit  anderen Feen (die einfach so da leben). In der übrigen Zeit passt sie auf Trix auf. Vor allen Dingen achtet sie darauf, dass er sich bei seinen Reisen und Abenteuern anständig benimmt und kluge Entscheidungen trifft. Manchmal passt sie auch auf seine Freunde auf und sagt allen zusammen die Meinung. Denn ihre anfängliche Scheu hat sie ebenfalls rasch abgelegt.

Besonders in moralischen Angelegenheiten ist manchmal ihr Rat gefragt, zuweilen gibt sie aber auch ungebeten ihre Meinung ab. Insbesondere als Trix seine Angebetete in ein Buch verwandeln muss und das Buch dann abends auf sein Kopfkissen legt, schreitet Annette energisch ein: Es könne ja nicht angehen, dass ein Jüngling und ein Mädchen ohne Schwert zwischen sich im Bett liegen und es ist bitteschön vollkommen egal, ob das Mädchen gerade ein Buch sei. Das gehöre sich nicht, liest sie dem Jungen die Leviten. Das Buch wandert in die Nachttischschublade. Andererseits berät sie Trix wieder ganz prima, als das Mädchen zurückverwandelt werden soll und Trix, Annette und Trix‘ Freunde überlegen, wie sie das Mädchen am besten ankleiden und am allerbesten verkleiden.

Annette ist ein kleiner Fisch, der trotz seines Schicksals – oder wie man die Umstände ihrer Feewerdung auch immer nennen mag – seinem eigentlichen Wesen treu bleiben kann. Fast könnte man sogar den Eindruck haben, dass sie nach dem klärenden Gespräch erst wirklich ein Familiar und eine Blumenfee wird. Sie muss keine Frau mehr sein, die in einen Teenager verliebt ist, sondern kann sich um ihn kümmern, ihm aber auch die Meinung geigen. Wie ein guter Freund es tun sollte. Und das ist etwas, was Fische eigentlich gut können sollten: Fürsorge, aber aufgrund ihrer Empfindsamkeit auch bemerken, was mit ihren Lieben so los ist. Und dann könnten sie weiter fürsorglich sein und ihrem Freund zum Beispiel sagen, das er gerade Mist baut. Auch dazu sind Freunde schließlich da.

 

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Trix Solier, Zauberlehrling voller Fehl und Adel
Autor Sergej Lukianenko
Seiten 584
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Beltz
Jahr 2014

 


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