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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Dicey’s Song

Es ist unglaublich, aber wahr: Die Mutter hat ihre Kinder einfach im Auto vor dem Einkaufszentrum zurückgelassen. Seit diesem Tag sind die Geschwister Dicey, James, Sammy und Maybeth auf sich allein gestellt. Dicey – mit 13 Jahren die älteste – übernimmt die Verantwortung und führt ihre Geschwister auf eine lange  Reise, die schlussendlich im Haus ihrer Großmutter endet. Hier endet auch Teil eins der Tillerman-Saga von Cynthia Voigt.

Wenn zwei sich streiten…

Interessant ist hier aber vor allem Teil zwei: Die Großmutter ist nicht unbedingt bis auf das Äußerste erfreut, plötzlich vier Kinder im Haus zu haben. Aber sie hat die kleinen Überlebenskämpfer ins Herz geschlossen und daher dürfen sie bleiben. Allerdings nur, so macht es „Gram“ unmissverständlich klar, wenn sie sich an ihre Hausregeln halten. Leider unterscheiden sich die Hauseregeln manches mal von den Regeln, die Dicey als Erziehungsberechtigte aufgestellt hat. Das sorgt für eine gewisse disharmonische Stutenbissigkeit und so manches schweigsames Abendessen.

Während sich die beiden zurückhaltend, aber scharf beobachten, umschleichen und ankeifen, erkunden die anderen Kinder ihre Umgebung, finden neue Freunde, gehen zur Schule und machen eben all das, was heranwachsende Kinder so machen. Und entwickeln sich so zu eigen- und selbstständigen Persönlichkeiten, die auf ihre große Schwester immer weniger angewiesen sind.

Arme Dicey

Und als würde das alles nicht schon reichen, muss Dicey auch noch auf eine neue Schule gehen und sich mit Lehrern und Mitschülern herumstreiten, die – behütet, wie sie in ihrem kleinen Küstenstädchen nun mal leben – überhaupt keine Ahnung von der harten Seite des Lebens haben. Leider sind Diceys Survival-Kenntnisse im Unterricht nicht besonders gefragt und weil sie darüber hinaus sowieso nicht unbedingt der gesellige Typ ist, steht sie auf dem Schulhof ziemlich allein.

Dicey ist bedient, aber gründlich. Als Anführerin und Mutterersatz abgemeldet, als Schülerin belächelt und als Mitschülerin missverstanden. Am liebsten würde sie zurück in die Wildnis. Nur langsam akzeptiert sie, dass die harte aber herzliche Fürsorge der Großmutter auch ihr gilt und sie sich nun zurücklehnen und in aller Ruhe aufwachsen kann. Schließlich ist sie auch erst 13 und vom Kindsein noch gar nicht weit entfernt.

Jungfrauengebaren

Irgendwie sind Jungfrauen den Prostituierten am Hans-Albers-Platz gar nicht so unähnlich: jede will ihr Revier im Griff haben. Das Zusammentreffen der beiden Jungfrauenartigen geht hier anfangs auch gar nicht gut. Aber da Jungfrauen ja durchaus clevere und empathische Wesen sind, haben sie eben manchmal, ja, manchmal, doch die rechtzeitige Weitsicht, das Ruder dem Stärkeren/Erfahreneren/Besseren zu überlassen, auch wenn es ihnen nicht leicht fällt. Sie geben ja nicht jede Kontrolle auf. Aber gewinnen dafür ein Stück Entspannung.

Liebe Jungfrau, jetzt setz dich doch erstmal hin. Niemand will dir etwas wegnehmen. Und es passieren auch nicht gleich 1000 Katastrophen, nur weil du mal nicht hinsiehst. Entspann dich. Wir wissen deine Fürsorge  und dein durchaus mütterliches Bestreben, alles im Blick zu behalten, wirklich zu schätzen. Aber wir können doch nicht für den Rest unseres Lebens von dir bemuttert werden. Und du wirst merken: wenn du dich erstmal hast fallen lassen, wirst du feststellen, dass es gar nicht so schlecht ist, nicht immer alles unter Kontrolle zu haben. Es wirkt nämlich auch ganz schön befreiend – für alle Beteiligten. Und vielleicht möchtest du selbst ja auch mal gehätschelt werden …

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Dicey’s Song
Autor Cynthia Voigt
Seiten 368
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Aladdin Paperbacks
Jahr 2003, Erstauflage 1981

Im deutschen unter dem Titel „Wir Tillermans sind so“ erschienen


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