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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Emil und die Detektive

„Emil, man muss seiner Großmutter folgen.“ Das ist das Dritte, das Emils Großmutter zu ihrem Enkel sagt, als dieser nach langer Zeit und einer aufregenden Verbrecherjagd endlich bei ihr in der Wohnung auftaucht. Betrachtet man die ganze Begrüßung, die aus einem Kuss, einem Klaps, einem Lob, einem Tadel und einer Belohnung besteht, so treten zwei zentrale Eigenschaften der Jungfrau ziemlich deutlich hervor: Entschiedenheit und Fürsorglichkeit.

Jagd nach einem Dieb

Für den Fall, dass jemand die Story um Emil schon wieder vergessen hat: Der brave Junge lebt mit seiner Mutter in einer Kleinstadt und macht sich auf den Weg nach Berlin. Seine Mutter arbeitet hart für jeden Pfennig und so nimmt er sich vor, fürchterlich auf die hundertvierzig Mark aufzupassen, die er in das Innenfutter seines Sonntagsanzugs packt. Von denen sind nämlich hundertzwanzig für seine Großmutter, die er in Berlin besuchen möchte, und zwanzig für alles andere in der Großstadt. Berlin war damals schon teuer. Nur leider schläft der Bub im Zug ein und wird prompt dreist beklaut. Zum Glück gibt es einen Hauptverdächtigen, der ebenfalls in Berlin aussteigt. Emil hat Glück, sieht den Halunken von weitem und nimmt die Verfolgung auf. Und dabei hat Emil sogar noch mehr Glück: völlig unerwartet schließen sich rund zwanzig Jungs an, die ihm mir nichts dir nicht helfen wollen. Und so mündet das Unglück in eine rasante Verbrecherjagd durch Berlin, an deren Ende der Dieb geschnappt und gestellt wird, die Jungs feiern wie nix Gutes und Emil endlich mit dem ganzen zurückeroberten Geld seinen drei Berliner Damen in die Arme fallen darf.

Werfen wir doch noch mal einen Blick auf die drei Frauen: die jüngste von ihnen ist ein Energiebündel vor dem Herrn. Quietschfidel und immer mit einem frechen (aber nie unverschämten) Spruch auf den Lippen begegnet sie Emil und seiner Bande aus Detektiven. Ihre Mutter steht ihr in nichts nach. Und auch die Großmutter, die hier als Jungfrau ja besonders interessant ist, ist eine grundfidele Natur. Aber sie hat den anderen die Weisheit des Alters voraus. Wenn ihre Enkelin schnabbelt wie nichts Gutes, denkt sie nach. Und wenn keiner mehr weiß, was er sagen soll, sagt sie genau das Richtige.

Emils Großmutter hatte ein schweres Leben, ist nun alt und lebt bei ihrer Tochter Martha, deren Mann und Tochter Pony Hütchen in Berlin. Drei Generationen in einem Haus – kein Wunder, das da immer was los ist. Der Vater geht arbeiten, Mutti und Pony Hütchen schmeißen den Haushalt, Pony strengt sich obendrein in der Schule an und Großmutter … ja, Großmutter hält natürlich alle Fäden zusammen.

Eine Jungfrau ist eine Jungfrau, ist eine Jungfrau …

So versucht  sie in dem ganzen Chaos, das sich im Laufe der Geschichte entwickelt, die Kontrolle zu behalten. Weil sie wissen möchte, was mit ihren Liebsten los ist. Eine Jungfrau, so zurückhaltend sie sich manchmal geben mag, kann ihre Verantwortung, der sie sich verpflichtet fühlt, nicht einfach aus der Hand geben. Und es fällt ihr auch bisweilen schwer, diese Rolle fallen zu lassen, wenn alle anderen ihren Emotionen freien Lauf lassen.

Natürlich ist sie besorgt um Emil, als dieser nicht wie verabredet am Bahnhof steht. Und natürlich ist sie außer sich vor Freude, als er endlich mit den Blumen in der Hand vor ihrer Tür steht. Doch während die anderen ins Tanzen geraten, hält sie sich zurück – wie es die Art einer Jungfrau ist. Sie lobt ihn und freut sich, lässt aber auch nicht mit sich verhandeln, als sie ihm einen Teil des Geldes zurückgeben will und er nicht annehmen möchte. Einer Jungfrau wie ihr hat man zu gehorchen.

Emils Großmutter sagt, was sie denkt. Sie hat alles im Blick und urteilt mit Herz und Verstand. Sie ist das unangefochtene Oberhaupt der Familie. Und das ohne laute Worte, ohne Aufwand und ohne Theatralik. Sondern einfach deswegen, weil sie weiß, was sie tut und empfindet.

Mit zwei kurzen Gesten – dem Klaps und dem Kuss – und wenigen Sätzen mehr drückt sie alles aus, was sie und andere Jungfrauen für ihre Liebsten empfinden: Fürsorglichkeit, ein wenig Strenge, aber auch Freude und unendlich Liebe.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Emil und die Detektive
Autor Erich Kästner
Seiten 170
Ausstattung Hardcover
Verlag Dressler/Atrium
Jahr Erstausgabe 1929

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