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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Pünktchen und Anton

Berta ist Haushälterin bei der reichen Familie Pogge. Vater arbeitsamer Generaldirektor, Mutter permanent abwesende Generaldirektorsfrau und Tochter Luise noch ein Kind mit lauter Flausen im Kopf. Dazu gibt es noch das Kindermädchen Fräulein Andacht. Und mit der stimmt etwas nicht …

Die dicke Berta, wie Berta gern von anderen genannt wird, ist schon seit Jahr und Tag bei Pogges angestellt. Sie kennt jeden Winkel im Haus und das Kind, seit es laufen kann. Und daher weiß sie, dass Pünktchen, so der Spitzname Luises, früher mal ein munterer, rosiger Wonneproppen war. Bis das merkwürdige Fräulein Andacht ins Haus kam …

Ein Verdacht wächst

Seitdem ist Pünktchen blass und immerzu müde. Sie hat noch immer einen Haufen Mist im Kopf und plappert gern wie ein Wasserfall. Diese Eigenschaften würde ihr wohl niemand austreiben können. Aber es besteht ein gewaltiger Unterschied zu dem Kind, das Berta einmal kennengelernt hat. Und es muss irgendetwas mit diesem Kinderfräulein zu tun haben. Fräulein Andacht verschweigt etwas. Ständig schleicht sie durchs Haus und lässt niemanden mehr an die Kleine ran. Besonders abends scheint sie besonders wachsam zu sein. Früher hat Berta dem Mädchen hin und wieder heimlich noch ein Betthupferl ans Bett gebracht. Das hat Fräulein Andacht nun streng verboten.

Sicher: Pünktchen gehört nicht in den Zuständigkeitsbereich der dicken Berta. Sie ist das Dienstmädchen und für die Tochter des Hauses ist das Kindermädchen da. Völlig klar, keine Frage! Aber als Dienstälteste fühlt sich Berta nun einmal für alles verantwortlich, was im Hause Pogge passiert. Sie ist es gewohnt, den Überblick zu haben. Sie weiß, wann das Essen auf den Tisch und der Direktor aus der Fabrik kommt. Sie weiß, wann Frau Pogge ihre Migräne kriegt und wann und mit wem das Ehepaar abends verabredet ist.  Und dass so eine dahergelaufene Angestellte alles durcheinanderbringt, kommt ihr mal gar nicht in die Tüte! Also lauscht und horcht und spioniert sie, so gut sie kann. Doch sie findet nichts heraus.

Noch jemand wird misstrauisch

Es gibt allerdings noch einen, der sich nicht gern hintergehen lässt. Herr Pogge, der Generaldirektor höchstselbst, schöpft Verdacht. Und da er nunmal der Mann im Haus ist, wird klar, dass er handeln muss. Und Herr Direktor Pogge hat ein paar James-Bond-Filme mehr gesehen. Vielleicht hat er auch nur den besseren Kontaktmann. Gottfried Klepperbein aus der Nachbarschaft gibt gegen den Spottpreis von zehn Euro einen heißen Tipp.

Und so steht Pogge eines Nachts im strömenden Regen vor seinem eigenen Haus und ist entsetzt. Es stellt sich nämlich heraus, dass sein Kindermädchen mitsamt seiner Tochter in zerrissenen Klamotten mitten in Berlin betteln geht. Stundenlang stehen die beiden in der Friedrichstraße, knicksen und jammern, was das Zeug hält und kriegen es auch noch bezahlt. Da platzt dem Herrn verständlicherweise der Kragen. Und als erstes holt er seine Frau.

Showdown Berlin-Friedrichstraße

Es gibt eine Szene, wie sie Berlin an der Stelle vermutlich nicht allzu oft sieht – ein gutgekleideter, aber klatschnasser Herr zerrt eine ebenfalls herausgeputzte Dame durch den Regen auf ein bettelndes Paar zu. Der Mann ruft nach der Polizei, die offenbar blinde Bettlerin – nein, sie ist doch nicht blind – türmt. Ein Betteljunge von gegenüber mischt sich ein, scheint das bettelnde Mädchen zu kennen. Ebenso wie die schicke Dame, die das Kind schreiend in die Arme schließt … ein Tohuwabohu ohne Gleichen, an dessen Ende sich herausstellt: Fräulein Andacht hat einen Freund, der regelmäßig Geld von ihr verlangt. Um ihm das geben zu können, geht sie mit der ihr anvertrauten Direktorentochter Streichhölzer verkaufen. Klar – mit Kind kriegt man mehr. Der Junge, der plötzlich angerauscht kam, ist Pünktchens bester Freund und verkauft Schnürsenkel auf der Straßenseite gegenüber. Jedoch nicht für den Lover von Fräulein Andacht, sondern für sich und seine kranke Mutter, die er liebevoll umsorgt.

Doch Anton, besagter Freund, hat beim nächtlichen Business noch etwas anderes bemerkt: Der liebe Freund vom Kinderfräulein hat heimlich von eben diesem einen Schlüssel zugesteckt bekommen. Was kann das bedeuten? Nur eines – der gute Mann hat vor, das Haus der Pogges ungefragt zu betreten.

Ausgerechnet in dieser Nacht plant der Halunke seinen Einbruch. Anton weiß sich nicht anders zu helfen – er rennt zur nächsten Telefonzelle und ruft bei Pogges an. Schwein muss man haben – die dicke Berta sitzt gelangweilt in der Küche. Sie glaubt ihren Ohren kaum – von dem Jungen hat sie vorher noch nie etwas gehört und nun erzählt er mitten in der Nacht solche Horrorgeschichten. Aber sie hatte ja schon etwas geahnt … Minuten später steht sie schwer bewaffnet im Hausflur.

Zwei Jungfrauen schreiten zur Tat

Zwei Jungfrauen auf so engem Raum – kann das gutgehen? Erstaunlicherweise ja. Denn obwohl sowohl Herr Pogge als auch die dicke Berta nach Jungfrauenart die Zügel in der Hand behalten möchten und am liebsten alles fest im Blick haben, ergänzen sie sich auf wundersame Weise. Er hat mehr Macht, mehr Einfluss, die besseren Kontakte – und findet so raus, was Sache ist. Sie ist jedoch zur rechten Zeit zu Hause und tut, was getan werden muss. Ihre Durchsetzungskraft können jedenfalls beide Jungfrauen am Ende ausspielen: Herr Pogge organisiert im Handumdrehen die Kinderbetreuung neu und die dicke Berta knüppelt den Einbrecher k.o.

Jungfrauen sind fürsorglich und liebevoll, können aber, wenn sie ihre Schützlinge in Gefahr sehen, urplötzlich kiebig werden. Das sehen wir hier an zwei sehr unterschiedlichen, aber interessanten Beispielen. Berta lässt zwar ab und zu gegenüber Fräulein Andacht eine fiese Bemerkung fallen, steht ihr aber sonst ob ihrer Positition recht machtlos gegenüber. Bis sie mit der Keule zuschlagen darf. Herr Pogge ist im Umgang mit seinem Verdacht weniger scharfzüngig, handelt aber ebenfalls zur rechten Zeit mit rechten Mitteln: Ein weiteres unbekanntes Kindermädchen verbittet er sich, er spricht ein strenges Wort mit seiner Tochter und sorgt strategisch dafür, dass am Ende alles wieder im Lot ist. Und auch er lässt sich zu einer Ohrfeige hinreißen, um eine Sachlage zu klären.

Wer also eine oder mehrere Jungfrauen um sich hat, ist gut aufgehoben. Ihr Kontrollwahn mag in manchen Fällen etwas zu weit gehen – auch das wird diesen Tierkreiszeichen nachgesagt – aber sie werden in der Regel zur rechten Zeit tätig, auch wenn man ihnen viele dieser Taten vorher nicht unbedingt zugetraut hätte.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Pünktchen und Anton
Autor Erich Kästner
Seiten 94
Ausstattung Hardcover (Sammelband Kästner für Kinder Band 1)
Verlag Büchergilde Gutenberg
Jahr 1985

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