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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Spieltrieb

Seien wir mal ehrlich: Intelligente Schüler und Schülerinnen sind im Grunde eine Pest. Nicht nur für Mitschüler*innen, die sich durch jede Äußerung der Intelligenzbestien zumindest indirekt degradiert fühlen. Sondern insbesondere für Lehrer, die die gleiche (absichtliche oder unabsichtliche) Behandlung erfahren, nur dass sie von Berufs wegen eigentlich alles besser wissen müssten. Blöd, wenn das nicht so ist.

Jetzt ist es so, dass man Jungfrauen per se einen scharfen Verstand und eine blitzsaubere Rhetorik nachsagt. Dazu kommt, dass sie gern die Kontrolle haben, die Steuerung übernehmen und das ganze Treiben, an dem sie beteiligt sind, am liebsten aus dem Hintergrund dirigieren. Wenn sie dann noch Verbündete haben, für die sie alles tun würden, dann hat der Rest der Welt nicht mehr viel zu lachen. Das mag jetzt alles ein bisschen brutal klingen, trifft aber auf manche Jungfrauen einfach zu. Was nicht heißt, dass sie kein Herz haben. Wir schauen uns das mal an:

Die hochintelligente Teenagerin Ada langweilt sich auf dem Gymnasium zu Tode. Sie hat wenig bis gar keine Mühe, den Unterrichtsstoff aufzusaugen, eignet sich in ihrer Freizeit noch etwas zusätzliche Bildung an und frönt ansonsten ihrem Nerd-Dasein. Ab und zu lässt sie im Unterricht zu ihrer eigenen Unterhaltung einen bissigen, aber immer zutreffenden und pointierten Beitrag fallen.

Zwei von einem Schlag

Das ändert sich, als der ältere Alev ihr Mitschüler wird. Er hat aufgrund seiner Biografie zwar deutliche Bildungsdefizite, ist aber dennoch auf Zack und wird dadurch Adas ebenbürtiger Gegner, was die Gestaltung des Unterrichts angeht. Im laufe der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden eine Art ungleiche Freundschaft. Ungleich deswegen, weil es eigentlich Alev ist, der die Zügel in der Hand hält und bestimmt, was geht. Eine für Ada ungewöhnliche Situation, aber da sie es nicht unbedingt mit vielen Freunden zu tun hat erliegt sie dem außergewöhnlichen und etwas arroganten Charme des Neulings. Eine Zeitlang sind sie der intellektuelle Schrecken der Schule, da sie mit geistreichen Fragen und provozierender Kritik jeden Unterricht sprengen. Bei ihren rhetorischen Übungen, die manches Mal durchaus Showcharakter entwickeln, haben sie einen riesenspaß.  Doch mehr und mehr fügt sich Ada den Vorstellungen ihres Freundes von Spaß und folgt irgendwann jedem seiner Pläne. Und die werden durchaus perfide.

Er plant nämlich, dass Ada den gütigen, klugen und engagierten jungen Lehrer Herrn Smutek verführen und dadurch sein Leben ruinieren soll. Ada, die Smutek eigentlich schätzt, willigt ein und so ziehen sie den von Alev akribisch ausgearbeiteten Plan eiskalt durch. Und haben Erfolg. Die Verführung und damit der sexuelle Verkehr zwischen Lehrer und Schutzbefohlener findet statt. Smuteks Ehefrau verlässt ihn und in einem Anfall von Wut schlägt Smutek, als er das ganze Ausmaß des „Spiels“ erkennt, Alev, ebenfalls Schutzbefohlener, zusammen. Und genau in diesem Moment, als man lesenderweise annimmt, Ada hätte nun endgültig die Kontrolle über alles verloren, tut sie das, wofür Jungfrauen bekannt sind: sie nimmt das Heft wieder in die Hand. In der unausweichlich folgenden Gerichtsverhandlung ergreift sie Partei für Smutek, spricht ein flammendes Plädoyer und distanziert sich von Alev. Es geschieht, was kaum einer glaubt: Smutek bleibt straffrei und Alev ist der Gelackmeierte. Ada und Smutek, zwischen denen sich tatsächlich so etwas ähnliches wie eine Beziehung entwickelt hat, düsen frei und ohne Plan Richtung Osteuropa, während Alev als Verlierer zurückbleibt.

Kontrollrivalen

Das mag nun eine drastische Geschichte sein und ob man mit dem Ausgang des Ganzen so einverstanden ist, bleibt jedem selbst überlassen. Aber die Erzählung zeigt deutlich, was man im Kontakt mit Jungfrauen tunlichst vermeiden sollte: sie unterschätzen. eine Jungfrau, die für ihre Liebsten durchs Feuer geht, mag in Hinsicht auf Vertrauen und Loyalität manches mal über das ziel hinausschießen. So wie Ada, die in den guten Zeiten der Freundschaft mit Alev ihren kritischen Blick ein wenig vernachlässigt. Zwar schwant ihr, dass sie sich von ihm schlicht überrennen lässt, aber die Freundschaft und Loyalität zu ihm sind ihr einfach zu wichtig. Als er allerdings den Bogen überspannt, besinnt sie sich auf ihre jungfräulichen Fähigkeiten und gewinnt ihre Kontrolle zurück. Und nicht nur das: sie erkennt auch, wem gegenüber sie wirklich Sympathie entgegenbringt. Tatsächlich ist es Smutek, dem sie ehrliche freundschaftliche Gefühle entgegenbringt und er ist derjenige, der diese auch aufrichtig erwidert. Als sie das endlich (wirklich endlich, ich als Leserin war soo erleichtert…) erkennt, zückt sie ihre Waffen und kämpft wie eine Löwin für ihn. Echt Jungfrau.

Und das Herz?

Also ja, Jungfrauen haben ein großes Herz. Aber wie alle anderen Menschen und Tiere auch, schenken sie es manchmal den Falschen. Wer das bei einer Jungfrau bemerkt, sollte an ihren Verstand appellieren. Denn der funktioniert und wird durch einen kleinen Schubs auch irgendwann wieder in die richtige Richtung gehen.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Spieltrieb
Autor Juli Zeh
Seiten 576
Ausstattung Hardcover
Verlag btb Verlag
Jahr 2006

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