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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die Stadt der verkauften Träume

Lily ist ein Waisenkind. Sie kann nicht einmal herausfinden, wer ihre Erzeuger waren und warum sie sie weggegeben haben. Als Säugling wurde sie vor die Tür eines Waisenhauses gelegt. Hier durfte sie die ersten Jahre ihres Lebens fristen – ärmlich gekleidet, kaum genährt, immer frierend.

Mit sechs verkauft das Waisenhaus das kleine Mädchen an einen Buchbinder. Sie hat genau die richtig kleinen Finger, um die feinen Stiche für die Buchheftung zu machen. Arbeitet sie nicht gut und ärgert sich der Besitzer über Lily, hat er das Recht, ihr das Essen zu verweigern.

Als sie zu groß wird und die Arbeit nicht mehr gut machen kann, wirft der Buchhändler sie raus. Es ist egal, dass sie nichts anderes hat. Sie muss zusehen, was sie machen und wem sie ihre Dienste verkaufen kann. Glücklicherweise hat sie es in der Buchhandlung geschafft, sich Lesen und Schreiben beizubringen und so schreibt sie dem berühmtesten Astrologen der Stadt einen Brief und bietet ihm an, bei ihm zu arbeiten. Die jetzt gerade Zwölfjährige, nach dem Gesetz der Stadt nunmehr volljährig, hat Glück und der Sterndeuter schließt einen Vertrag mit ihr: Sie arbeitet als Hausgehilfin für ihn und dafür bekommt sie ein Dach über dem Kopf und jeden Tag etwas zu essen.

Krebs durch Erziehung

Es ist kein Unrecht, das der kleinen Arbeiterin geschieht, es ist normal in der Stadt: Man kann verkauft und verhökert werden, so lange, bis man seinen so genannten Eigentag hat. Das ist der Tag, an dem man zwölf wird. Dann erhält jeder Bürger einen Siegelring und macht ab sofort seine Verträge selbst. Bei den Menschen, die wenig haben, arm sind oder gar vollkommen mittellos, bedeutet das zumeist, sich für das Allernötigste zu verkaufen. Seine Arbeitskraft für ein bisschen Essen und einen meist schlechten Schlafplatz anzubieten. Geld gibt es auch, aber selbst die Reichen geben für die Dienste anderer zum Beispiel Möbel oder – wie im Falle des Astrologen – Vorhersagen. Es ist Kapitalismus pur.

Lily hat gelernt, dass Gehorchen und Stillsein der beste Weg ist, keinen Ärger zu bekommen. Sie hat die Regeln der Stadt verinnerlicht, weiß, wie sie sich verhalten muss, um möglichst gut durchzukommen. Hat sich seit ihrem sechsten Lebensjahr alleine um sich kümmern müssen – und nie gelernt, was menschliche Regungen noch sein können außer Bestrafung und Abweisung oder im günstigsten Fall Ignoranz. Sie ist ein Krebs, der gelernt hat, ein Krebs zu sein: Nach außen stets freundlich und höflich und das, was in ihr ist, bloß nicht zeigen.

Natürlich gibt es Liebe in der Stadt, es gibt Freundschaften und vielleicht auch Güte. Aber alles steht unter dem Diktat, dass man keine Handlung ohne Gegenleistung ausführt. Es gibt wenige freundliche Gesten, man tut selten einfach so etwas für jemand anderen – von einer guten Familie vielleicht einmal abgesehen. Es gibt Eintreiber, die nicht ausgefüllte Gegenleistungen einfordern – was bei Nichterfüllung edeutet, dass man den Schuldner nicht mehr wiedersieht – oder nur als Bettler. Er verliert sein Ansehen und meist auch all sein Hab und Gut.

Und so ist Lily eigentlich ganz zufrieden, dass sie in dem Astrologenturm wohnen kann. Ihr Dienstherr ist ein knurriger, alter Mann, aber er lässt sie in Ruhe, solange sie ihm pünktlich sein Essen bringt und ihm seine Sachen und sein Haus in Ordnung hält. Und der Enkel des Alten, der im Keller seine medizinische Forschungsabteilung betreibt, ist freundlich und höflich zu dem Mädchen und unterhält sich sogar mit ihr.

Ein Krebs, der nicht auffällt

Lily ist durchaus kommunikativ und geht auch auf Leute zu – aber wirklich offen ist sie nicht. Sie redet nicht über sich. Sie ist neugierig, zeigt es aber nicht, da sie fürchtet, sich damit verwundbar zu machen. Sie ist ein zu schnell zu alt gewordenes Kind, dass seine Seele schützt, indem es nichts wirklich rein und nichts wirklich raus lässt.

Als Mark in den Haushalt kommt, ein 12-jähriger, den der Doktor seinem Vater abgekauft hat und den er von einer Seuche heilen kann, geht sie auch auf ihn zu. Sie schenkt ihm zum Eigentag sogar ihren wertvollsten Besitz, ein Buch, weil sie plötzlich das Gefühl hat, dass Geschichten nichts wert sind, wenn man sie nicht teilen kann. Ihm erzählt sie zum ersten Mal davon, was sie bisher in ihrem Leben erlebt hat – doch sie tut es in einer Weise, als sei sie schon Jahre älter und habe alles gut verarbeitet.

Mark darf eigentlich nicht im Haushalt sein – der Astrologe will keinen weiteren Diener und auch nicht, dass sein Enkel einen hat. Und so ist der Junge zwar mit Vertrag, aber trotzdem illegal in dem Haus. Als das auffliegt und Mark zusammen mit dem Doktor aus dem Haus fliegen soll, tauscht Lily mit Mark und geht mit dem Doktor: Sie will raus und in die Stadt und das Leben kennen lernen. Sie wird die Gehilfin des Arztes, hilft ihm bei seinen Forschungen und seiner Arbeit mit den Patienten – und nach und nach empfindet sie die Realität in der Stadt als zu bedrückend: Warum, fragt sie sich, warum sollte es nicht möglich sein, dass die Menschen sich auch einmal etwas einfach so geben? Ohne Vertrag, einfach so, weil sie es so wollen.

Gelebter Traum

Und während der Krebs sich sonst gerne in seinen Träumen verliert und nur noch in seiner Phantasie lebt, schafft es das Mädchen, seinen Traum – zumindest teilweise – in die Realität umzusetzen: Mit dem Doktor wohnt sie nach dem Rauswurf aus dem Astrologenturm in einem alten Tempel. Neben den Behandlungsräumen richtet sie eine Suppenküche ein für die Armen, für die Schuldner, mit denen keiner mehr einen Vertrag macht und für alle, die keinen Job mehr haben, sich nicht mehr rehabilitieren können. Sie schafft es, dass der Doktor mitmacht und die Menschen behandelt, dass ihre Freundin und deren Geschwister Essen zubereiten und unentgeltlich die Öffentlichkeitsarbeit machen.

In ihre Suppenküche kommen immer mehr Menschen – aber auch die Eintreiber haben ein Auge auf sie. Es ist nicht verboten, was sie macht, aber es besteht die Gefahr, dass sie das System stört und so behält man sie scharf im Auge. Und es wird immer schwerer, die Arbeit zu machen: Es gibt zwar Förderer, aber zu wenige. Die fünf Hauptmitstreiter arbeiten schon viel zu viel und es reicht trotzdem nicht. Es bleibt die Frage, ob ihr Projekt nicht einfach zum Scheitern verurteilt ist.

Entscheide selbst: Tür auf oder zu?

Krebse sind nicht nur nach dem Motto „Harte Schale, weicher Kern“ gestrickt. Manch ein Krebst ist durch sein Leben und die Umstände so geworden. Schicksalsschläge, schlechte Behandlung, Frust, Trauer und Verletzungen können dazu führen, dass jeder von uns ein Krebs wird. Dann macht man dicht und manch einer macht leider nie wieder auf. So hätte es auch mit Lily gehen können.

Das Problem ist, dass sehr oft, wenn nichts rauskommt, auch nichts rein kommen kann – und umgekehrt. Und so hockt der Krebs dann in sich selbst gefangen in der Gegend herum. Lily ist anders. Sie lässt nichts heraus, weil sie gelernt hat, dass es besser ist, sich zu schützen und den Panzer aufrechtzuerhalten. Aber als sie Mark kennen lernt und später ihre anderen Freunde – da erzählt sie doch von sich. Es gibt kein großartiges Aha-Erlebnis oder einen Durchbruch oder Ähnliches. Lily hat etwas in sich, das jeder in sich hat, sogar der zugeknöpfteste Krebs: Die Fähigkeit, sich zu entscheiden, den Panzer aufzumachen – oder zumindest durchlässiger.

Und damit kann sie es zulassen, ihre Gefühle zu zeigen, ihre Meinung zu sagen – und so schafft sie es auch, ihren Traum zum Leben zu erwecken und nicht nur in ihrem Kopf zu leben und Luftschlösser zu bauen.

Die zweite große Eigenschaft der Krebse ist es schließlich, Träume zu haben. Aber wenn durch den Panzer der Traum nicht raus kann und nicht an der Realität geprüft werden kann, ist das manches Mal schade. Lily schafft es, den Traum rauszulassen. Auch hier sieht man, dass einem Krebs mit Willen und Entscheidungsfähigkeiten alle Möglichkeiten offen stehen. Also, liebe Krebse: traut euch, geht raus und habt nicht so viel Sorgen, ob die Welt euch mag oder nicht.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die Stadt der verkauften Träume
Autor David Whitley
Seiten 381
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Goldmann
Jahr 2009

 


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Foto: © minds-eye/flickr – CC BY-SA 2.0

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