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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Mummenschanz

Walter Plinge ist ein verschlossener Mann, der in den Tiefen der Oper von Ankh Morpork lebt. Eigentlich ist er ein Mädchen für alles, ein Sohn, der für seine Mama alles tun würde, einer der arbeitsam und still seine Aufgaben versieht – und auch einer, der alles sieht und hört und vieles weiß, den aber alle für ein bisschen minderbemittelt und merkwürdig halten. So jemand fällt nicht auf und für so jemanden interessiert sich in der Regel auch niemand. Walter ist – möglicherweise – der Geist in Terry Pratchetts Version des „Phantoms der Oper“.

Im Krebsgang durchs Opernhaus

Zuschauerraum der komischen Oper in Berlin. Gryffindor/Wikicommons

Vorhang auf! Das Spiel beginnt. Und in der Loge sitzt gut versteckt und obendrein maskiert ein heimlicher Zuschauer – von dem trotzdem alle wissen und den alle ein bisschen fürchten. Auch Krebse sind den Menschen stets ein bisschen unheimlich: manchmal kaum zu sehen und dann wieder schnell weg, verschlossen in ihrem Panzer, aber doch alles im Blick.

Walter lebt in, mit und von der Oper. Er kann gar nicht ohne das Theater existieren. Keiner weiß, was in dem jungen Mann vor sich geht. Keiner ahnt, dass er aufgrund seines Lebens in den Theauterräumen jeden Text und jede Melodie kennt. Keiner weiß, dass ein Teil von ihm sich zu dem Geist gewandelt hat, der in seiner Stammloge sitzt und dessen Fehlen ein großes Unglück bedeuten würde. Walter ist quasi ein Doppelwesen – aber in beiden Personen ist er ein voller Vertreter des Schalentiers: Dem „Walter-Teil“ gehen Oper und Mutter über alles. „Die Oper füllte die Stellen in Walter, die sonst leer geblieben wären“, so wird sein Wesen beschrieben. Seine Mutter muss geschützt werden, ihr soll nichts Schlimmes geschehen. Deswegen muckt er nicht auf, als ein konkurrierender Geist beginnt, Leute umzubringen und Geld zu horten, das eigentlich dem Opernhaus gehört. Als Walter macht er seine Arbeit ordentlich, gründlich und zuverlässig. Der „Geist-Teil“ will, dass die Oper lebt, dass die Sänger gut sind, dass die „Show weitergeht“. Dafür bildet er die Hauptsängerin aus, dafür schreibt er heimlich selbst ein Stück.

Oma Wetterwachs, die mächtige Hexe aus Pratchetts Scheibenwelt-Universum, erkennt Walters Gemütsverfassung: „Da drin ist alles durcheinander, aber nicht verdreht“, sagt sie, als sie versucht, Walter zu motivieren, das Unheil in der Oper abzustellen.

Im Krebsgang durchs Gehirn

Misstrauisch ist Walter, ängstlich. Das verhindert, dass er sich anvertrauen kann. Man muss schon sehr geschickt sein, um hinter das Regelwerk in Walters Welt zu blicken und zu verstehen, dass er nicht lügen darf und das wirklich durchzieht. Ohne Ausnahme. Verpetzen ist auch unlauter, vor allen Dingen, wenn einem gesagt wird, dass man nichts sagen darf, sonst werde die Mutter bestraft. Das ist das Schlimmste neben dem Aufhören der Oper, das Walter sich vorstellen kann. Man braucht schon sehr viel Geschick und verbale Finesse, um Informationen aus ihm herauszubekommen. Man muss sich total in sein Denken hineinfinden, was schwierig ist, wenn man den Krebsgang in Walters Gedanken kaum versteht.

Krebs mit Maske?

Ein rechter Krebs ist treu und aufopfernd für seine Lieben da. Auch Walter ist so. Und leider lebt auch Walter manchmal wie so ein rechter Krebs nur in seinem Kopf. Das macht es zuweilen schwer, an die Realität anzudocken und mitten im Leben und mitten unter den anderen Menschen zu stehen. Glücklicherweise endet für Walter alles gut: Oma Wetterwachs gibt ihm eine „unsichtbare Maske“, die die Unsicherheit und Ängstlichkeit von ihm nimmt. Walter kann jetzt selbstbewusst und offen auf Leute zutreten, so wie er es als Geist manchmal getan hat. Nur, dass er jetzt nicht mehr heimlich umherschleichen muss, sondern als neuer Musikdirektor die Oper so richtig auf Vordermann bringen kann.

Also, liebe Krebse, wenn ihr mal wieder in euren Verhaltensweisen gefangen seid und einfach nicht raus kommt aus eurem Panzer, setzt doch einfach mal eine unsichtbare Maske auf. Dann geht’s besser und ihr könnt vielleicht auch mal eure Eifersucht, eure Unsicherheit und auch eure zu große Fürsorge zur Seite stellen und euch einfach mal anders benehmen und sehen, ob es euch gefällt – und euch vielleicht auch die ein oder andere Freiheit gibt …

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Mummenschanz
Autor Terry Pratchett
Seiten 315
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Goldmann
Jahr 1997

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Foto: © Gryffindor/Wikimedia Commons

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