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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Annapurna – Meine Mutter ist eine Göttin

Der gemeine männliche Löwe verbringt seine Zeit meistenteils damit, im trockenen Gras zu liegen, zu fressen und zu schlafen und natürlich das Rudel im Blick zu behalten, damit keiner Dummheiten macht. Um letzteres zu verhindern, muss sich der König der Tiere ab und zu eine imposante Drohgebärde einfallen lassen. Das alles klingt nach einem annehmbaren Leben – solange das Nichtstun auf Freiwilligkeit basiert. Trifft ein stolzes Familienoberhaupt ungewollt die erzwungene Untätigkeit, so kann die Situation ungemütlich werden. Erst recht, wenn es sich bei dem Leidtragenden auch noch um das Sternzeichen Löwe handelt.

Veena ist neun Jahre alt und das drittälteste von insgesamt sechs Kindern. Ihre Mutter versorgt als Annapurna, als Köchin, Fabrikarbeiter mit warmen Mahlzeiten. Der Vater ist schon seit Jahren krank. Er liegt tagein, tagaus auf der Zwischendecke, die den einzigen Raum des Zuhauses in zwei Stockwerke teilt, und hustet. Sein Husten hat nicht zufällig etwas Demonstratives, denn eigentlich ist es als Vater und Oberhaupt eindeutig seine Aufgabe, die Familie zu ernähren. Um zu beweisen, dass ihm das beim besten Willen nicht möglich ist, hustet er, sobald jemand den Raum betritt. Doch alle ermunternden Worte und Besserungswünsche können ihm nicht über den verletzten Stolz hinweg helfen, den er neben den üblichen Krankheitssymptomen – Husten, Schmerzen, Unwohlsein – erleidet.

Der Vater, der Held

Denn in der indischen Gesellschaft, in die uns Autor Klaus Kordon entführt, ist der Vater nun mal nach wie vor der Ernährer einer Familie. Und wer ernährt, der darf auch bestimmen, herrschen, machen. So wie ein richtiger Löwe. Dass die Mutter, eine Frau, die Familie versorgt, lenkt, beschützt, kurz: führt (!) ist … Oh, mein Gott … nicht auszudenken! Dementsprechend verhält sich auch die Laune von Barbai, dem Vater. Er hat als Mann im Haus versagt, seine Gattin rockt das Familienuntenehmen, da kann man schon mal so richtig stinkig werden. Oder winselig.

Dabei ist er doch eigentlich ein cooler Typ. Er liebt seine Familie, ist stolz auf seine Frau und auf seine Töchter, die tatkräftig mithelfen, den Laden zu schmeißen. Er ist auch stolz auf seine beiden Söhne, zwei straffe, kluge Burschen, und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass die beiden endlich Arbeit finden. Er würde gern wieder arbeiten gehen und von dem Geld, das er verdient, für seine Familie rauschende Feste feiern. Er möchte seine Liebsten in eine bessere Zukunft führen und so weiter und so fort.

Stattdessen liegt er auf seiner Matte und hustet. Er, der König, wird nur noch bemerkt, wenn er um Mitleid bettelt, den Respekt verdient seine Frau. Das kränkt und so kommt es, dass er sich trotz Krankheit betrinkt, dass er das Haus verwüstet, dass er den beiden Jungs Dummheiten einredet. Er erschreckt seine Töchter und beleidigt seine Frau. Erst mit Hilfe der weisen Frauen aus der Nachbarschaft kann er davon überzeugt werden, sich nicht wie ein Idiot aufzuführen.

Puderzucker auf die Löwenmähne

Der liebe Löwe ist ein kompliziertes Tier unter den Sternzeichen. Er macht es einem manchmal wirklich schwer, ihn zu mögen. Denn wenn er nicht der King ist, wenn er nicht den Respekt bekommt, den er meint, verdient zu haben, und wenn er nicht als Mittelpunkt des Interesses Bewunderung erntet, kann er richtig nerven. Er glaubt nämlich, dass das seine blöde Lage besser macht.

In so einem Fall ist Fingerspitzengefühl gefragt. Ein Löwe muss, selbst wenn es vorne und hinten nicht stimmt, ein bisschen das Gefühl kriegen, das Sagen zu haben. Nicht zu sehr – sonst flippt er vor Selbstüberschätzung aus. Aber die richtige Dosis „Wir lieben dich“ und „Wir brauchen dich“ kehrt seine positiven Eigenschaften hervor: Großzügigkeit, Charme, Liebenwürdigkeit. Dass der liebe Löwe möglicherweise im Augenblick nicht sooo sehr gebraucht wird, darf dabei ruhig verschwiegen werden. Hauptsache, er ist von seiner Notwendigkeit überzeugt und kann die Ausmaße seiner Präsenz bewundern. Auch ein richtiger Löwe hat schließlich nur viele Haare auf einem normal großem Kopf und wirft daher vor allem einen imposanten Schatten.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Annapurna
Autor Klaus Kordon
Seiten 93
Ausstattung Taschenbuch
Verlag dtv junior
Jahr 1989

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