chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Der Sternenkavalier

Gerhard Branstners „Sternenkavalier“ ist, um gleich alle möglichen Missverständnisse auszuschließen, weder ein Frauenverführer wie Dominic Flandry noch ein charmanter Durchslebenstolperer wie Thomas Lieven. Aber ein Ästhet ist Eto Schik. Und mit dem Selbstbewusstsein des Löwen vertraut er auf seine ästhetischen Einschätzungen und gestalterischen Fähigkeiten. Daher versteht er auch überhaupt nicht, dass seine Mitmenschen auf der „Geo“ (seinem Heimatplaneten) so gar nichts von seinen Fertigkeiten wissen wollen. Aber egal: Dann macht er sich eben auf den Weg, den Weltraum nach ästhetischen Gesichtspunkten umzuorganisieren.

Wohlgeordnete Sterne

Bild der Milchstraße

Ob die Milchstraße (hier ein Teil davon) als ästhetisch angesehen wird, liegt im auge des Betrachters – auch wenn Löwe Eto Schik auch hier vielleicht gerne Hand anlegen würde …

Zusammen mit seinem Assisten As Nap macht sich Eto auf den Weg. Sie suchen ein Eckchen Weltraum, wo man das bestehende Sternensystem zu einem allen Regeln der Ästhetik entsprechenden Sternbild umorganisieren kann. Allerdings soll hier niemand leben, damit nicht irgendeiner zu Schaden kommt. Als Hilfsmittel hat Schik sein „Kavaliersstöckchen“, einen multifunktionalen Stab, und As seinen Apparat, der eigentlich ein Hochleistungscomputer ist. Mit diesem berechnen sie alles und jedes und das Ergebnis gibt Eto in sein Stöckchen ein, schwenkt es wie einen Zauberstab und schwupps – fertig ist zum Beispiel das neue Sternenbild.

Und der Ästhet ist zufrieden, hat er doch den ersten Schritt zur Ästhetisierung des Weltalls getan. Leider ist ein Planet übergeblieben, den sie jetzt ins Schlepptau nehmen, um ihn anderswo in eine Formation einzubauen. Eto träumt von einer gigantischen Rosette, in der es auf einen Stern mehr oder weniger nicht ankommt.

Unzufriedene Weltraumbewohner

Doch Eto Schiks Feinsinn trifft nicht auf Bewunderer. As, der nach einem Unfall ein künstliches Ohr und ein künstliches Auge erhielt, kann über enorm weite Strecken hören und sehen – und er bekommt nach einer Weile mit, dass auf einem Planeten ein großes Unglück im Gange ist. Die beiden Raumfahrer wollen wissen, was los ist und fahren hin. Sie stellen fest, dass eine große Rebellion ausgebrochen ist. Man will einen Teil der Bevölkerung töten, weil man sie dafür verantwortlich macht, dass der Sternenhimmel plötzlich anders aussieht und vor allen Dingen ein bestimmter Stern vom Himmel verschwunden ist. Etos ästhetisches Bestreben hat einer Menge Menschen Unheil gebracht.

Nach einigem Hin und Her, an dessen Ende As Prügel bezieht, machen sie sich wieder von dannen. Mit ihnen geht weiterhin der Stern, denn Eto ist es reichlich egal, ja, er versteht es nicht einmal richtig, dass das Unglück von der Veränderung am Himmel herrührt, dessen Verursacher er ist. Die ÄSthetik geht seiner Meinung nach vor.

Das Land der Verläßlichkeit

Auf der Suche nach dem geeigneten (und dieses Mal wirklich bewohnerfreien) Stück Himmel für die Rosette, die Eto gerne gestalten möchte, treffen die beiden Raumfahrer auf die unterschiedlichsten Planeten und deren Bevölkerung. Immer will Eto die jeweiligen Gesellschaften perfektionieren. Zum Teil bringt er sein selbstverstandenes Heil so überzeugend rüber, dass die Leute denken: „Oh, er hat recht, mach mal“. Manchmal allerdings schüttelt sich der Leser ob der Überheblichkeit, mit der Eto an die Prozesse herangeht – noch dazu, wo sein Assisitent As Nap oft genug Prügel bezieht, bevor sie die Planeten wieder verlassen.

Und so zieht Eto in seinem ästhetischen Bestreben immer weiter. Bis, ja bis die beiden eines Tages ins „Land der Verläßlichkeit“ kommen. Das ist ein Planet, dessen Bevölkerung sich zu einer so ausgefeilten Gesellschaftsform fortentwickelt hat, dass sogar Eto erkennen muss, wie anmaßend er ist, wenn er dem Weltraum seine Ästhetik aufzwingen will. Er muss erkennen, dass er auf diesem Planenten nichts tun kann – aber er selbst hat sich verändert und gelernt, dass man nicht immer nur seine Maßstäbe anlegen darf, sondern auch die anderen respektieren und sich gegenseitig vertrauen muss, um gut in einer Gesellschaft leben zu können.

Mit dieser Erkenntnis ausgestattet helfen die beiden noch einem anderen Planeten auf ihrem Weg, indem sie deren vermüllten Erdklumpen gegen ihren guten Planeten tauschen. Dann fahren sie wieder heim, denn sie wollen jetzt ihre gewonnen Erkenntnisse bei sich selbst und ihrem eigenen Planeten anwenden.

Ein Löwe im All

Wie gesagt, ein Charmeur im eigentlichen Sinne ist er nicht, unser Eto Schik. Aber was der Ästhet hat, ist das grenzenlose Selbstvertrauen des Löwen – leider jedoch ein bisschen zu viel davon. Ihn interessiert es nicht, ob sich die Bewohner eines Sternbildes ängstigen, weil ihr Himmel jetzt anders aussieht. So ist es ästhetisch gut und damit ist auch alles gut. Schluss aus.

Das ist die Gefahr für alle Löwen: Dass sie sich ihrer Königswürde zu sehr bewusst sind und vollkommen übersehen, was denn ihre „Untertanen“ (sprich: alle anderen) brauchen und wollen. Für Löwen ist es wichtig zu lernen, dass es auch andere Wege gibt, ihr durchaus sinnvolles Anliegen unters Volk zu bekommen. Das lernt Eto im Land der Verlässlickeit. Glücklicherweise ist er klug genug, das auch zu erkennen – und so seinen Horizont und auch sein Leben zu erweitern.

Also Löwen: Nicht nur brüllen, wenn die anderen nicht so wollen wie ihr, sondern offen sein für Neues und Ungewohntes.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der Sternenkavalier oder Die Irrfahrten des ein wenig verstiegenen Großmeisters der galaktischen Wissenschaften Eto Schik und seines treuen Gefährten As Nap
Autor Gerhard Branstner
Seiten 243
Ausstattung Hardcover
Verlag Das Neue Berlin
Jahr 1981

Das Buch ist nur antiquarisch erhältlich.


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Fotos: © ESO/S. Gillessen et al./Wikimedia Commons

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