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Die seltsamen Taufgäste

Hat man Eisriesen und Feen als Vorfahren, könnte man glauben, es sei ziemlich schwer, kein Löwe zu sein. Eisriesen sind groß und immer eine prächtige Erscheinung – auch wenn sie über die Jahrhunderte der Evolution hinweg geschrumpft sind und so kaum mehr als zwei Meter messen. Und Feen sind nun einmal lieblich und freundlich und nett und daher immer gut gelitten. Also, was soll man weiter zu Rupert Eberesch sagen? Löwe. Punkt.

Aber so einfach ist es nicht. Schließlich wissen wir ja alle, dass ein großer Teil unseres Charakters und unseres Gehabes nicht von den Genen herrührt, sondern von Erziehung und Umwelteinflüssen. Und so ist auch Rupert nicht einfach als Löwe geboren, sondern auch dazu geworden. Das merkt man recht schnell, wenn man ihn mit seiner älteren Schwester Bronwyn vergleicht, die so ganz anders als der charmante Prinz ist, draufgängerisch und eine richtige Schwertmaid, die schon im Kindesalter an der Seite ihres Vaters gefochten hat. Und dabei sind es doch die gleichen Eltern und Vorfahren. Die Gene helfen einfach, sind sozusagen die Sahnehaube.

Diplomatischer Prinz

Prinz Rupert Eberesch, seines Zeichens viertes Kind von Königin Bernsteinwein und König Brüllo Eberesch, ist groß gewachsen, gut gebaut, gut aussehend und charmant, ein friedfertiger und liebevoller Geselle. Einer, den man gerne um sich haben kann.

Da man als jüngster Sohn eines königlichen Elternpaares quasi das fünfte Rad am Wagen ist, mit dem man nicht so recht weiß, was man anfangen soll, wird er an einen anderen Adelshof geschickt, damit er die Diplomatie lernen solle. Das passt Rupert durchaus in den Kram und auch zu seinem Wesen – schließlich hat er genauso wenig wie seine königliche Mama ein Interesse daran, sich einen Namen als marodierender Ritter zu machen, der das Volk drangsaliert.

Löwe mit Ausbildung

Und so lernt Rupert am Hof von Wasimarkand die Kunst, diplomatisch in allen Lebenslagen zu sein. Da er pfiffig ist und wissbegierig, ist die Zeit nicht vertan. Es zeigt sich aber auch sein löwenhafter Charme: Alle Damen, von der jüngsten bis zur ältesten, erhalten von ihm Aufmerksamkeit, einen Handkuss, freundliche Worte und er schaut ihnen immer tief in die Augen. Er sprüht vor Charme, wie man so schön sagt, parliert mit den Frauen und alle fühlen sie sich bei ihm gut aufgehoben. Leidenschaftlich umgarnt er sie – und ist auch dem ein oder anderen längeren Tete-a-tete nicht abgeneigt.

Er hat eine solche Wirkung, dass am Hof von Wasimarkand sechs Prinzessinnen gleichzeitig in Ohnmacht fallen. Und das einfach nur, weil sie seine Aufmerksamkeit erheischen wollen.

Leider lassen sich die Höflinge nicht von seinem Charme mitreißen. Im Gegenteil: Sie beschweren sich bitterlich. Väter und Ehemänner stehen in steter Sorge um ihre holden Damen, um Töchter – vielleicht sogar um Großmütter, aber das ist nicht überliefert. Löwe hin oder her, die Herren der Schöpfung sind immun gegen Charme und Leidenschaft, wahrscheinlich, weil ihre Sorge, ihre Eifersucht, vielleicht ihr Neid, viel größer sind als das, was der Löwe an mitreißender Art aufzubieten hat.

Nein, sie können sich wahrlich keine Scheibe abschneiden, sondern sie zwingen Ruperts Lehrer dazu, ihn vom Hof wegzuschicken, damit sie die Damenwelt wieder für sich haben. Gutmütig und gutgelaunt, wie der Prinz meist ist, nimmt er das hin und zieht los, woanders weiterzulernen.

Löwe mit Drache, Charme und Verstand

Und so ereilt ihn ein Abenteuer, das ihn zusammen mit seiner Kusine Karola dazu bringen wird, seine Nichte zu retten und eine gotteslästerliche Gottesverehrung (!) zu beenden. Bei all seinen Abenteuern zeigt sich immer wieder, wie charmant der Prinz ist. Karola stellt ihn zum Besipiel einer jungen Drachin vor, die sie schon ihr Leben lang kennt und die sie als zickig und eigenwillig empfindet. Kaum ist der Prinz da, kriegt die Drachin rosa Schuppen und flirtet, was das Zeug hält, bringt beide fliegend an verschiedene Orte und rettet ihnen auch mal das Leben. Rupert, ganz der Galan, umschmeichelt auch das Drachenmädchen. Karola ist stinkig und auch ein wenig eifersüchtig, dass der Prinz nur mit dem Auge zucken muss und alles läuft scheinbar wie geschmiert.

Doch Rupert ist nicht einfach ein Charmebolzen, der sein Löwetum gnadenlos ausnutzt oder einfach auf seine Fähigkeiten vertraut und glaubt, er gewinnt immer. Nein, der junge Mann denkt ernsthaft darüber nach, was passiert. Gewitzt setzt er seine Gaben und alles, was er gelernt hat, ein, um zum Beispiel gezielte Streitereien vom Zaun zu brechen, um sich und seine Freunde zu schützen. Und er denkt darüber nach, welche Privilegien er hat und wie er vielleicht zukünftig leben möchte.

Engstirnig ist er auf keinen Fall – eher trotz seiner Ausbildung in manchen Bereichen noch unerfahren, wobei er entschlossen ist, dem Abhilfe zu schaffen und weiter zu lernen.

Gefahren des Löweseins

Rupert Eberesch ist ein Löwe, wie man sie einfach gerne um sich hat: Keine der unangenehmeren Seiten der Löwen, ein rundum netter Kerl, der einem mit seinem Charme, Enthusiasmus und seiner Entschlossenheit auch gerne hilft – und der sich auch nicht zu schade ist, einmal seine Unwissenheit einzugestehen.

Was sich alle Löwen allerdings auch mal hinter die Stirn schreiben können, ist die Tatsache, dass man mit seinen Gaben nicht immer gut durchflutscht. Wenn Leute sich benachteiligt fühlen, weil der Löwe immer alle Aufmerksamkeit abkriegt, kann es passieren, dass sich die Bewunderer in Neider wandeln und man plötzlich Gegner hat. So, wie es Rupert passiert ist, der ja am Hof von Wasimarkand nicht mal seine Fähigkeiten gegen die Leute einsetzen wollte. Also, liebe Löwen, achtet auch ein bisschen auf eure Mitmenschen – und liebe Mitmenschen, lasst euch von dem Glamour nicht so blenden, oft will der Löwe gar nichts gegen euch machen.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die seltsamen Taufgäste
Autor Elizabeth Scarborough
Seiten 256
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Fischer Taschenbuch
Jahr 1988

Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.


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Foto: © Gaston Camillo Lenthe (Gemälde)/Wikimedia Commons

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