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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Hilfe, die Herdmanns kommen

Wer kennt sie nicht – die „Herdmanns“ sind mittlerweile zum Kultbuch avanciert, vor allem in der Weihnachtszeit. Das kann man gut finden oder genervt sein, fest steht, dass die unterschiedlichen Ausgaben dieses Buches zur Adventszeit gehören wie der Kranz und der Glühwein. Nun haben sie also auch noch den Weg in unser Buchhoroskop gefunden – passend zum Beginn der festlichen Stimmung. Denn wenn man genau hinsieht, verbirgt sich hinter der wilden Familie ein Haufen unternehmungslustiger Schützen.

Family of the year

Für alle, die es doch nicht wissen: Die Herdmanns sind sechs durchgeknallte Geschwister, die ohne elterliche Aufsicht (der Vater ist abgehauen und die Mutter arbeitet Doppelschichten in einer Schuhfabrik) ihr Leben bestreiten und dabei jede Menge Unsinn machen. Sie klauen, rauchen, verprügeln ihre Mitschüler und benehmen sich bei jeder Gelegenheit derart rücksichts- und skrupellos, dass infolgedessen niemand mehr wagt, etwas gegen ihre Raubzüge zu unternehmen aus Angst, selbst in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Freunde haben sie natürlich keine und so bleiben sie in ihrer Gruppe und werden jeden Tag schlimmer.

Man kann sich daher den Schock kaum vorstellen, den die ansonsten ruhige und friedliche Gemeinde erfährt, als die Herdmanns sich geschlossen für das alljährliche Krippenspiel anmelden. Niemand hatte damit gerechnet, denn die Kinder waren nicht gerade fleißige Kirchgänger (und wenn doch, dann nur, um die Kollekte zu stehlen). Alle kirchlichen Angelegenheiten und Feste erfreuten sich allein deswegen größter Beliebtheit, weil die Herdmanns sich raushalten und der Rest der Stadt endlich Ruhe vor ihnen hat. Und jetzt wird ausgerechnet das Krippenspiel von ihnen okkupiert. Denn als sich sonst kein Freiwilliger für die Hauptrollen meldet, steht es unumwunden fest: Der Weihnachtsgottestdienst liegt in der Hand der unheiligen Familie. Du lieber Himmel!

Stille Nacht, heilige Nacht

Kaum ist das geklärt, steht die Organisation Kopf. Die Proben laufen selbstverständlich nicht mehr ab wie sonst üblich. Den sechs Geschwistern muss nämlich erst einmal erklärt werden, was an Weihnachten überhaupt passiert und welche Geschichte erzählt wird. Das kostet schon einiges an Mühe und Geduld, vor allem, wenn die Herdmanns viel eher an einem qualvollen Tod von König Herodes interessiert sind als an der Verkündigung der Geburt Jesu. Als das Krippenspiel quasi vor der Tür steht, herrscht das pure Chaos: Keine einzige Probe hat geklappt, zwischendurch hätte einmal fast der Gemeindesaal gebrannt und alle anderen Mitspieler (die Hirten, der Engelchor) haben Angst von den Herdmanns.

Für alle steht fest: es wird das schlimmste Krippenspiel aller Zeiten. Niemand rechnet damit, dass überhaupt jemand kommt. Doch natürlich ist am Weihnachtabend die Kirche rappelvoll – niemand will sich das Desaster entgehen lassen, dass die Herdmanns anstellen werden. Allerdings nimmt das diesjährige Krippenspiel entgegen aller Vorhersagen einen unerwarteten Ausgang …

Schütze gleich Schütze?

Ach ja, der Schütze: Hans Dampf in allen Gassen könnte man sagen, immer unterwegs, immer etwas vor. Tausend Ideen schießen ihm sekündlich durch den Kopf und alle muss er umsetzen. Da er dabei auch noch charmant und cool ist, machen immer viele Leute mit und sehen sich am Ende mit dem Chaos konfrontiert, das der Schütze angerichtet hat. Denn viele gute Ideen zu haben heißt ja nicht, auch gut planen zu können …

Aber wieso jetzt die Herdmanns, fragt ihr euch? Charmant, cool, gute Ideen – das passt nicht so recht zu dem gerade Erzählten. Wir müssen uns also etwas mehr Mühe geben. Mit dem Kopf durch die Wand? Das trifft auf alle Fälle zu! Tausend Ideen gleichzeitig? Nun, eine wilde Katze in den Unterricht mitzubringen oder mit dem Chemiebaukasten eine Scheune anzuzünden sind auch Ideen. Und die Herdmanns setzen sie schneller um, als ein Ferkel mit dem Schwänzchen wackelt. Planen können alle nicht (oder haben gleich gar keine Lust dazu) und das Chaos … nun, ich glaube, darüber muss ich keine Worte mehr verlieren.

Das Schöne ist nämlich auch: Die Herdmanns stiften nicht nur unheil. Der Erzählerin der Geschichte fällt schnell auf, wie geschickt die Kinder durch ihr Unwissen die Weihnachtsgeschichte hinterfragen: Warum hat niemand Platz für eine schwangere, obdachlose Frau und ihren Mann? Und warum bringen die heiligen drei Könige dem Kind derart nutzlose Geschenke? Obwohl dieses Anzweifeln auch auf Nichtgefallen stößt – schließlich ist jedes Detail dieser Geschichte seit Urzeiten so und nicht anders überliefert – bringen die wilden Herdmanns auf diese Weise den einen oder anderen zum Nachdenken. Nicht zuletzt deswegen, weil sie unverholene und echte Sympathie für die arme, heilige Familie hegen. Damit hatte niemand gerechnet.

Treffer: Mitten ins Chaos

Kurz gesagt, die Schützigkeit bei den Herdmanns ist mehr als offensichtlich. Sie erzeugen kein Chaos, sie sind das Chaos. Sie unterhalten nicht mehrere Baustellen gleichzeitig, sie bilden sie. Auch wenn die Herdmanns keine „typischen“ Aktivitäten betreiben (Reisen, gemeinnützige oder kulturelle Projekte), so sind sie doch ständig in Action. Und wenn auch nicht durch Charme und Sympathie, so schaffen sie es dennoch, (fast) die ganze Stadt mitzuziehen. So haben alle was davon.

Bei Licht (meinetwegen auch Kerzenlicht, von wegen Advent) betrachtet, sind die Kids doch eine fabelhafte Bande von Schützen. Sicherlich mehr als man vertragen kann, aber das trifft, würde ich sagen, auf alle Schützen zu.

Was bleibt da also für uns Nicht-Schützen? Tja … Chaos ist Chaos, egal, wie es entstanden ist. Und wer einmal mit drin hängt, kann nur zusehen, heil wieder rauszukommen. Dabei heißt es meistens: Augen zu und durch. Das klingt jetzt irgendwie schrecklich? Nein, keine Angst: ein bisschen Spaß ist auch immer dabei! 🙂

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Hilfe, die Herdmanns kommen
Autor Barbara Robinson
Seiten 95
Ausstattung Hardcover
Verlag Verlag Friedrich Oetinger
Jahr 1974 (1. Auflage)

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